Was Pater Amedeo erzählt und Pater Germano nicht
Einzigartige Episoden aus dem Leben der heiligen Gemma Galgani
Wer die heilige Gemma Galgani kennenlernen will, greift zu der Biografie ihres Seelenführers Pater Germano di S. Stanislao C.P. — dem Standardwerk, das seit 1907 die Grundlage aller Gemma-Verehrung bildet. Doch es gibt ein zweites, weniger bekanntes Werk: die Biografie von Pater Amedeo Casetti C.P., die sich durchgehend auf die Akten der Seligsprechungsprozesse stützt und dadurch einen Reichtum an Episoden, Zeugenaussagen und Details enthält, die bei Pater Germano fehlen. Wo Germano die Seele beschreibt, beschreibt Amedeo das Leben. Wo Germano die Mystikerin analysiert, lässt Amedeo die Augenzeugen sprechen. Die folgenden Szenen und Zeugnisse finden sich nur — oder in dieser Ausführlichkeit nur — bei Pater Amedeo. Es sind die verborgenen Perlen der Gemma-Literatur.
Die Schwestern Vallini, die Gemma als Kleinkind in ihrem Kindergarten betreuten, berichteten im Seligsprechungsprozess eine Begebenheit, die bei Germano fehlt. Als Gemma etwa vier Jahre alt war, kam sie für ein paar Tage zu Verwandten nach Porcari, einem Dorf sechs Meilen von Lucca entfernt, um Landluft zu schnuppern. Die Großmutter, in deren Zimmer Gemma in einem kleinen Bett für sich allein schlief, fand sie eines Tages auf den Knien, mit gefalteten Händen, vor einem Bild des Herzens Mariens. Sie rief ihren Sohn, den Militärarzt: „Komm und sieh, wie Gemma betet!" Zusammen beobachteten sie das Kind. „Was machst du, Gemma?" fragte der Onkel. Gemma antwortete: „Geht weg, bitte; ich bete das Ave Maria." Als sie sich zurückzogen, sagte der Onkel: „Wenn ich einen Fotoapparat hätte, hätte ich sie fotografiert!"
Es ist eine Miniatur — aber eine, die das ganze Leben vorwegnimmt: das Kind, das allein sein will mit Gott; das sich durch die Neugier der Erwachsenen nicht stören lässt; die kleinen Hände, die später die Stigmata tragen werden, hier noch gefaltet im unschuldigen Gebet vor dem Herzen Mariens.
Pater Germano erwähnt Gemmas Schulzeit nur kurz. Pater Amedeo hingegen zeichnet ein detailliertes Bild, gestützt auf die Aussagen der Schwestern Vallini und der Lehrerin Schwester Giulia Sestini. Die Schwestern Vallini bezeugten: „Schon in diesem zarten Alter hatte Gemma den Verstandesgebrauch erreicht und ihr Intellekt war ungewöhnlich früh entwickelt. Wir konnten ihr Gebete von fünfundzwanzig Minuten Dauer beibringen, ohne dass sie je müde wurde. Mit fünf konnte sie das Brevier lesen wie eine erfahrene Person. Sie war fleißig bei der Arbeit und lernte alles, was man sie lehrte."
Schwester Giulia Sestini ergänzte, dass Gemma in Literatur, Naturwissenschaften und Mathematik hervorragend abschnitt und fließend Französisch sprach. In einem Wettbewerb unter den Kindern der Stadt gewann sie die Goldmedaille für christliche Lehre. Der Erfolg freute den Vater so sehr, dass er daran dachte, Gemma später auf die Universität zu schicken. Aber Gemmas Antwort war unerbittlich: „Nein, die Universität ist nicht für mich."
Schwester Giulia Sestini gab auch einen Einblick in Gemmas Seele, den man vergeblich bei Germano sucht: „Sie pflegte immer zu sagen, ihre Hoffnungen seien in Jesus, und wiederholte oft: ‚Wie trüb ist es auf Erden!' und, die Augen zum Himmel hebend: ‚Wie schön muss es dort oben sein!' Zur Kapelle gewandt, wo Jesus hinter verschlossenen Türen wohnte, sagte sie: „Der Glaube durchbricht alle Schranken, und die Liebe hält sich an Jesus fest." Als wir den Kindern einmal eine Abtötung vorschlugen, sagte Gemma: ‚Welcher Reichtum! Wir können mit überströmenden Schätzen in den Himmel gehen!' Oft sagte sie: ‚Gemma taugt zu nichts, aber Gemma und Jesus können alles!'"
Diese Details sind nicht nur rührend — sie sind auch theologisch bedeutsam, weil sie den Hysterie-Vorwurf entkräften: Gemma war keine schwärmerische, intellektuell schwache Persönlichkeit, sondern ein hochbegabtes Mädchen mit einem klaren, nüchternen Verstand, das sich bewusst und frei für Gott entschied.
Pater Amedeo erzählt eine Reihe von Kindheitsepisoden, die Gemmas Reinheit und ihre instinktive Abwehr jeder körperlichen Berührung offenbaren — Szenen, die bei Germano völlig fehlen. Der Vater nahm Gemma oft auf den Schoß, um sie zu liebkosen, aber sie riss sich los: „Papa, fass mich nicht an!" — „Aber ich bin dein Vater!" — „Ja, Papa, aber ich will nicht, dass mich jemand berührt." Enrico, verwundert, aber nicht unzufrieden, pflegte zu sagen: „Ich frage mich, was aus meiner Gemma wird!"
Einmal, als Gemma sechs oder sieben war, kam ein Cousin zu Pferd, um ein Paket abzuliefern. Gemma lief hin, um es entgegenzunehmen. Er hielt ihre ausgestreckte Hand fest und beugte sich herab, um sie zu küssen. Sie stieß ihn so heftig zurück, dass er das Gleichgewicht verlor, vom Pferd fiel und sich verletzte. Gemma wurde zur Strafe einen ganzen Tag lang die Hände auf den Rücken gebunden. Schon diese eine Szene sagt mehr über Gemmas Charakter als manche theologische Analyse: die Kraft, die Entschiedenheit, die unbedingte Reinheit — und der Preis, den sie schon als Kind dafür zahlte.
Eine der wichtigsten Entdeckungen bei der Lektüre von Pater Amedeo ist die Rolle von Tante Elisa Galgani, Gemmas Patentante, die bei Germano praktisch nicht vorkommt. Bei Amedeo wird sie vierundzwanzigmal zitiert — sie ist die Hauptquelle für die Kindheit, die Schulzeit, die Familienverhältnisse und die Jahre der Armut. Es ist Elisa, die erzählt, wie der Kaplan Gemma die Kommunion verweigerte, weil sie zu jung sei. Es ist Elisa, die berichtet, wie Gemma Bücher über die Muttergottes las und sie den Geschwistern und Tanten vorlas. Es ist Elisa, die bezeugt, dass Gemma schon als Kind „unverständliche Dinge" sagte — offenbar erste Ekstasen, lange bevor jemand wusste, was sie bedeuteten. Und es ist Elisa, die über Gemmas Vater sagt: „Gemma war das Licht seiner Augen. Seine erste Frage bei der Rückkehr nach Hause war immer: ‚Wo ist Gemma?'"
Die Zeit, die Gemma nach dem Tod des Vaters bei Verwandten in Camaiore verbrachte, wird bei Germano in einem einzigen Satz abgetan. Pater Amedeo widmet ihr ein ganzes Kapitel, reich an Einzelheiten, die das Bild Gemmas auf wunderbare Weise vervollständigen.
Pater Amedeo zitiert eine Zeugin namens Sandrina Maggi, die frühere Hausangestellte der Familie Lencioni, die Gemma bis zu ihrem Tod nahestand. Sie berichtete, dass Gemma oft vor dem Altar der Pietà in der Badia kniete und ihr erzählte, sie empfinde dabei „ein großes, fast unwiderstehliches Gefühl der Liebe zur Passion Christi und den Schmerzen seiner Mutter, zusammen mit einem Widerwillen gegen alles, was das Leben der Jugend bieten konnte." Auf einem Abendspaziergang begegneten sie einer alten Frau, die um ein Almosen bat, weil sie unter der Kälte litt. Gemma ging in einen geschützten Hauseingang, zog ihren schweren Unterrock aus — den sie erst an jenem Morgen ausgebessert hatte — und schenkte ihn der Frau mit den Worten: „Beten Sie für mich, dass der Herr mich mit seiner Liebe entflamme." Sandrina besaß auch einen kunstvoll gearbeiteten Entwurf für eine Bettdecke, die Gemma angefertigt hatte und die bei der Beweisaufnahme im Seligsprechungsprozess ausgestellt wurde.
In Camaiore geschah auch etwas, das bei Germano mit keinem Wort erwähnt wird: Gemma, zwanzig Jahre alt und trotz ihrer Armut von auffallender Schönheit, wurde von mehreren jungen Männern umworben. Ein junger Mann aus vornehmer Familie verliebte sich in sie und kam mit seinem Vater, um bei ihrem Onkel vorzusprechen. Die Verbindung hätte das Schicksal der verarmten Familie wenden können. Aber Gemma hatte ihr Leben bereits dem Gekreuzigten geschenkt. Keine Bemühung konnte ihren Entschluss ändern. Sie kehrte nach Lucca zurück, um den Nachstellungen zu entkommen, und sagte ihren Verwandten mit einer Entschiedenheit, die keinen Widerspruch duldete: „Ich will ganz Jesus gehören."
Die Armut der Familie Galgani nach dem Tod des Vaters wird bei Germano erwähnt, aber nicht in ihrer ganzen Härte geschildert. Pater Amedeo erzählt die Geschichte in schneidender Detailtreue. Enrico Galgani war ein herzensguter Mann, einfach und unfähig, jemanden zu hintergehen — und unfähig zu glauben, dass jemand ihn hintergehen könnte. Als die Wechsel fällig wurden, war der Ruin vollständig. Alles wurde beschlagnahmt. Kaum war die Nachricht vom Tod des Vaters bekannt, schickten die Gläubiger Polizei und Gerichtsvollzieher, um den Laden zu versiegeln und das gesamte Mobiliar zu beschlagnahmen. Sie gingen noch weiter: Sie durchsuchten die Taschen der Kinder und nahmen ihnen jeden Pfennig ab.
Gemma erzählte dies selbst Cäcilia Giannini: „Sie griffen mir mit den Händen in die Tasche und nahmen mir die fünf oder sechs Soldi, die ich hatte, weg." Cäcilia ergänzte im Prozess: „Gemma kannte den Namen des Mannes, der ihr in die Tasche gegriffen hatte, aber sie wollte ihn mir nie verraten. Ich erfuhr ihn später, und ich weiß, dass er im Krankenhaus gestorben ist. Auch über die anderen Gläubiger sprach sie nie." Die Familie von neun Personen war im wörtlichen Sinn auf die Straße geworfen, mit nichts als ihren Tränen. Tante Elisa ging betteln und bekam von einem Fremden einen Franc, mit dem sie ein Brot kaufte.
Gemma ertrug die Armut nicht nur geduldig — sie war beinahe froh darüber. In ihrer Autobiografie schreibt sie mit einer Demut, die den Leser beschämt: Wenn sie alle um sich herum niedergeschlagen sah, besonders nach dem Verlust ihres Besitzes, ging sie in ihr Zimmer, weil sie außerstande war, an solchen Ausbrüchen hoffnungsloser Trauer teilzunehmen. Im Gegenteil — sie war geneigt, zufrieden zu sein, dass Gott ihre Familie so behandelt hatte, und dankte ihm für seine Güte. Solche Empfindungen konnten nur von einer Seele gehegt werden, die vom lebendigsten Glauben beseelt war.
Bei Germano taucht der Name Palmira Valentini kein einziges Mal auf. Bei Amedeo zehnmal. Palmira war Gemmas engste Freundin — die einzige weltliche Vertraute neben der Familie Giannini. Es war Palmira, die Gemma ins Haus Giannini begleitete, als Pater Gaetano die Stigmata untersuchen wollte. Es war Palmira, die Gemma zu Monsignore Volpi brachte, nachdem die Stigmata in der Kirche der heiligen Simon und Judas wiedererschienen waren. Es war Palmira, die Gemmas dreißig Lire aufbewahrte — ihr ganzes Vermögen —, die Gemma sofort einem Bedürftigen geben wollte. Und es war Palmira, die über Gemma sagte: „Sie war immer so einfach, dass sie ein Kind zu sein schien." Dass eine so wichtige Person in Germanos Biografie fehlt, zeigt, wie viel Neues Amedeo zu bieten hat.
Germano beschreibt die Dornenkrönung. Aber Amedeo lässt die Augenzeugen selbst sprechen — und ihre Aussagen sind von einer Eindringlichkeit, die kein Biograf nachahmen kann. Matteo Giannini sagte unter Eid: „Ich sah sie, und es schien, als hätte sie auf jedem Haar einen Blutstropfen. Es war ihr eigenes Blut. Ich sah die Flecken auf den Tüchern, mit denen meine Schwester das Blut abwischte. Zuerst trat das Blut aus der Haut nahe dem Haar aus. Dann kam es über die ganze Stirn, als ob eine Krone kleiner roter Tropfen auf ihr Gesicht herabrinnerte."
Der Rechtsanwalt Giuseppe Giannini beschrieb den Blutkreis auf der Stirn mit der Genauigkeit eines Juristen: „Ich sah einmal, ich glaube es war am Karfreitag, etwas wie einen Kreis aus Blut auf ihrer Stirn. Einige Tropfen rannen über ihre Schläfen. Es schien mir wirklich, dass sie Blut aus der Haut abschwitzte. Der Kreis reichte quer über die Stirn von einer Seite des Haares zur anderen. Die Breite betrug einige Millimeter im oberen Teil der Stirn."
Und Euphemia Giannini gab das erschütterndste Zeugnis: „Sie lag auf dem Bett ausgestreckt, nur der Kopf war zu sehen. Blut floss tropfenweise von ihrer Stirn, aus den Augen wie Tränen, die dann geronnen, selbst aus der Nase, und rann ihren Hals hinab wie zwei Bächlein, so dass es sich unter der Kehle zu einer kleinen Masse von Blut sammelte. Am Morgen stand sie auf, wusch sich, und dann blieb keine Spur der beschriebenen Phänomene. Sie ging zur Messe und erfüllte ihre gewöhnlichen Pflichten." Cäcilia Giannini verglich Gemmas Anblick während der Dornenkrönung mit einem Ecce Homo — ein Vergleich, der nur bei Amedeo überliefert ist und der den Betrachter im Innersten trifft.
Germano erwähnt die wissenschaftliche Prüfung der Stigmata kurz. Amedeo widmet ihr ein ganzes Kapitel und erzählt die Geschichte mit allen dramatischen Wendungen. Am 8. September 1899, dem Fest Mariä Geburt, brachte Monsignore Volpi einen Arzt mit ins Haus Giannini. Die Absichten der beiden Besucher waren völlig verschieden: Monsignore suchte in seinem Zweifel die Wahrheit; der Arzt hoffte, den Bischof zu beruhigen, indem er bewies, dass es sich um Hysterie handelte. Cäcilia Giannini ihrerseits war so sicher, dass sie keine Untersuchung fürchtete.
Eine Stunde zuvor hatte sich Gemma in ihr Zimmer zurückgezogen und war in Ekstase gefallen. Blut floss von ihrer Stirn und aus den offenen Stigmata an ihren Händen. In Gegenwart aller nahm der Arzt ein Handtuch, tauchte es in Wasser und wischte Gemmas Hände und Stirn ab. Die rötlichen Flecken verschwanden, das Blut hörte auf, und keine Narbe war zu sehen. Tiefe Enttäuschung für alle! Der Arzt triumphierte.
Doch was niemand wusste: Gemma hatte in einer Ekstase am Morgen an Monsignore geschrieben, er solle allein kommen und niemanden mitbringen, „weil Jesus nicht zufrieden ist und ihm nichts zeigen wird." Und wenige Stunden nach dem gescheiterten Test schlug Tante Cäcilia vor, in eine Kirche zu gehen. In der Kirche der heiligen Simon und Judas, die wenig besucht war, blieb Gemma reglos, starr, die Hände über den Knien ausgestreckt, den Blick auf den Tabernakel gerichtet. Cäcilia beobachtete sie die ganze Zeit — mit dem Gedanken, dass wenn die Stigmata kämen, sie feststellen könnte, ob Gemma sie selbst verursachte. Dann erwachte Gemma aus der Ekstase und sagte: „Ich möchte dir etwas sagen, aber ich schäme mich sehr." Als Cäcilia darauf bestand, hob Gemma die Hände: „Schau …" Und Cäcilia sah wirklich Blut auf den Handflächen und auf den Handrücken eine kleine Wunde mit Tropfen frischen Blutes — unberührt, vor ihren Augen. Cäcilia hätte Monsignore Volpi die Stigmata gern gezeigt, aber sie hatte nicht den Mut, Gemma selbst zu ihm zu bringen. Beim Verlassen der Kirche trafen sie Palmira Valentini. Cäcilia bat Palmira, Gemma zu Monsignore zu bringen, der gerade in der Kirche der Schutzengel Exerzitien für Kinder gab. Palmira tat es, und Monsignore sah die Wunden mit eigenen Augen.
Pater Gaetano wiederholte kurz darauf den Test des Arztes — er wusch die Wunden drei- bis viermal — und sie verschwanden nicht. Amedeo zieht den Vergleich mit Lourdes: Auch dort schien das Wunder aufzuhören, als der Polizeichef Jacomet die Grotte schließen ließ und die Vision nicht erschien. „Die Wissenschaft kann nicht beanspruchen, das Übernatürliche zu erklären; sie kann nur Tatsachen feststellen. Und alles, was sie schließen konnte, war: dass zum Zeitpunkt der Inspektion bestimmte Erscheinungen nicht vorhanden waren — genau das und nicht mehr."
Gemma selbst schrieb danach an Monsignore: „Wenn Sie sehen könnten, wie viele ihre Haltung mir gegenüber seit jenem Tag geändert haben! Einer denkt, ich sei eine Schlafwandlerin, andere denken, ich sei krank, wieder andere, dass ich mir selbst die Male in Hände und Füße kratze." Und dann, mit einer Ruhe, die nur tiefster Glaube ermöglicht: „Mögen sie denken, es sei Hysterie, wie der Arzt sagt; weil sie es so nennen, liebt Jesus mich umso mehr."
Dass Gemma gedemütigt wurde, erwähnt Germano. Aber die konkreten Szenen stehen nur bei Amedeo. Thecla Natali bezeugte, dass Gemma oft von Straßenjungen belästigt wurde — wegen des Kruzifixes, das sie trug, und wegen ihrer bescheidenen Kleidung. Einmal, in der Via Zecca, auf dem Weg vom Kloster, wurde sie so schwer angegriffen, dass Passanten sie retten und nach Hause begleiten mussten. Die Jungen hatten ihr ins Gesicht gespuckt. Gemma blieb die ganze Zeit ruhig. Annetta Giannini berichtete, dass Gemma bei einem ähnlichen Vorfall vor einer Kirche sagte: „Durch Verachtung von der Welt hoffe ich, eine Heilige zu werden."
Noch verletzender — weil von einer Person kommend, der Gemma vertraute — waren die Worte einer Ordensfrau im Haus Giannini: „Du wertlose Schwindsüchtige und lästige Plage, wann wirst du endlich sterben und aufhören, dieses Haus mit deiner Gegenwart zu beschmutzen?" Gemma, weit davon entfernt, bestürzt zu sein, antwortete ruhig: „Sie haben recht; was Sie sagen, ist wahr." Pater Amedeo bemerkt dazu: Diese empörend verächtlichen Worte, die ihr von einer Person zugeworfen wurden, von der sie es am wenigsten erwartet hätte, ließen ihre Liebe zu Demütigungen nur noch deutlicher hervortreten.
Auch im Alltag fehlte es nicht an kleinen Nadelstichen. Oft, wenn Gemma in die Kirche zur Beichte ging, musste sie lange warten, weil niemand dem Priester sagte, dass sie da war. Manchmal hieß es: „Gehen Sie und sehen Sie, ob Sie es schaffen, einen anderen Priester zu belästigen." Gemma war immer ruhig und geduldig. „Sie würden kommen, wenn sie könnten." Und hinter ihrem Rücken hörte sie flüstern: „Stellt euch vor, einer hysterischen Person wie der Aufmerksamkeit zu schenken!"
Gemmas Spitzname für den Teufel — „Chiappino" (armseliger Einbrecher, Dieb) — ist nur bei Amedeo überliefert. Eine Nonne der Mantellaten, Schwester Agnes, sah Gemma eines Tages, wie sie ihren linken Ellbogen mit der rechten Hand stützte. Sie hatte offensichtlich Schmerzen. „Was ist passiert?" — „Ich habe nichts getan. Chiappino hat mir hier einen Schlag auf den Arm gegeben." Die Beiläufigkeit, mit der Gemma davon sprach — als wäre ein Schlag des Teufels eine Selbstverständlichkeit wie ein Regenschauer —, ist bezeichnend für ihre Haltung: Der Teufel war ein Ärgernis, kein Schrecken.
Ebenso nur bei Amedeo findet sich die Geschichte vom Diebstahl der Autobiografie: Pater Germano hatte Gemma angewiesen, ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben — unter dem Vorwand einer Generalbeichte, in Wahrheit, um einen Bericht über die Wunder zu erhalten, die Gott in ihrer Seele gewirkt hatte. Gemma schrieb etwa hundert Seiten, in denen sie kunstfertig ihr Bestes tat, die reichen Gaben Gottes durch das Bekenntnis von Sünden zu verbergen. Das Manuskript wurde Tante Cäcilia zur Aufbewahrung gegeben — unter Verschluss. Doch eines Tages verschwand es. Der Teufel selbst hatte es genommen. Gemma schrieb an Pater Germano: „Eines Nachts kam der Teufel mit einer ziemlich schlimmen Versuchung. Ich kämpfte mehr als eine Stunde; ich betete, machte Kreuzzeichen. Eine einzige Anrufung der Unbefleckten Empfängnis befreite mich gänzlich, aber er, wütend, wollte sich rächen. Er schrie: ‚Krieg gegen deinen Pater; dein Manuskript ist in meinen Händen!' Und er ging davon."
Pater Germano nahm zum Exorzismus Zuflucht, und das Manuskript wurde zurückgebracht — aber in welchem Zustand! Alle Seiten waren rauchgeschwärzt und angesengt, als hätte man sie an ein Feuer gehalten. Die Schrift war jedoch noch lesbar, und Gemma musste die Arbeit nicht noch einmal tun. Dieses Manuskript, so wie es aus den Händen des Teufels kam, wird bis heute bei den Passionisten aufbewahrt — ein beredtes Denkmal der ohnmächtigen Wut des Engels der Finsternis gegen die Demut der Dienerin Gottes.
Ein Vorfall, den nur Amedeo erzählt — und der die Verzweiflung ahnen lässt, in die der Teufel Gemma treiben konnte. Als der böse Geist sie einmal mit besonders schmutzigen und schamlosen Erscheinungen bedrängte — Erscheinungen, die die Lauterkeit ihrer Seele trüben sollten —, stürzte sie sich mitten im Winter in eine Zisterne mit eiskaltem Wasser (gemeint ist der Brunnen im Garten der Familie Giannini). Es war, wie sie selbst es nannte, „ein berühmtes Bad", das ihr sicher den Tod gebracht hätte, wäre sie nicht von einer unsichtbaren Hand gerettet worden. Die Szene zeigt zugleich die Heftigkeit der Angriffe und die Entschiedenheit, mit der Gemma ihre Reinheit verteidigte — koste es, was es wolle.
Eine der verstörendsten Episoden in Gemmas Leben wird bei Germano nur angedeutet. Amedeo zitiert den Augenzeugen Monsignore Moreschini, den späteren Erzbischof von Camerino, ausführlich: Etwa einen Monat lang schien Gemma wirklich von Besessenheit befallen. „Kaum hatte sie zu beten begonnen, als der Teufel sie angriff und Herrschaft über ihre Sinne gewann. Sie wurde zu Boden geworfen; sie stieß jeden zurück, der ihr einen Andachtsgegenstand anbot; sie spuckte auf das Kruzifix und auf das Bild der Muttergottes. Einmal ergriff sie den Rosenkranz von meinem Gürtel und zerbrach ihn in Stücke." Doch Moreschini fügte hinzu — und dieses Detail ist entscheidend: „Ich muss sagen, dass weder ich noch einer der Anwesenden je auch nur die geringste Handlung gegen die guten Sitten bei ihr bemerkten. Sie äußerte keine Worte, außer, wie ich von Signora Cäcilia erfuhr, ‚Geh weg, geh weg!', wenn diese sich ihr näherte."
Moreschini exorzierte Gemma zweimal. Beim ersten Mal ohne Erfolg — die Angriffe wurden erneuert. Beim zweiten Mal blieb sie ruhig. Er gab ihr eine Reliquie des heiligen Kreuzes, die sie sich um den Hals hängte und fortan immer bei sich trug — bis ins Grab. Nach ihrem Tod wurde sie ihrer Freundin Euphemia Giannini gegeben, die als Mutter Gemma eine der führenden Zeuginnen im Seligsprechungsprozess wurde.
Amedeo zitiert den Theologen Saudreau: „Besessenheit ist kein absolutes Übel. Die Sünde allein ist ein wahres Übel. Besessenheit ist ein schreckliches Leiden, aber ein Leiden, das zum größeren Wohl einer Seele sein kann. Gott lässt manchmal zu, dass die unschuldigsten und heiligsten Personen diese schwere Prüfung durchmachen."
Im Esszimmer der Gianninis hing ein lebensgroßes Andachtskruzifix — das Zentrum von Gemmas Gebetsleben im Haus. Sie küsste oft die Füße des Gekreuzigten, sehnte sich aber danach, auch die Seitenwunde zu küssen, die sie nicht erreichen konnte. Pater Germano versichert, dass Gemma manchmal in einer Verzückung über die Erde erhoben wurde und sich mit den Armen um das Kruzifix wiederfand — „wenn auch selten." Doch die Details dieser Szenen stehen nur bei Amedeo.
Einmal, im September 1901, geschah etwas noch Bemerkenswerteres: Gemma deckte den Tisch für das Abendessen, aber ihr Herz war mehr als gewöhnlich von Liebe entflammt, und sie konnte ihre Augen nicht vom Kruzifix lassen. Schließlich konnte sie nicht mehr an sich halten, und aus ihrem Herzen brach ein Schrei: „O mein Jesus, lass mich zu dir kommen; ich brenne vor Durst nach deinem kostbaren Blut!" Und da — so berichtet Pater Germano, den Gemma selbst davon unterrichtete — löste Jesus einen Arm vom Kreuz und lud sie ein, zu ihm zu kommen. Sie eilte vorwärts, umarmte ihren himmlischen Bräutigam, und er umarmte sie; sie legte ihre Lippen an die heilige Seite und trank reichlich aus jener göttlichen Quelle — und die ganze Zeit ruhten ihre Füße wie auf einer Wolke.
In der Gemma-Literatur stehen zwei Priester im Vordergrund: Monsignore Volpi und Pater Germano. Doch Amedeo zeigt, dass zwei andere Passionisten eine entscheidende, bei Germano fast unsichtbare Rolle spielten.
Pater Gaetano vom Kinde Jesus war der Missionar, den Gemma bei der Volksmission im Dom von Lucca kennenlernte und in dessen Passionistenhabit sie die Kleidung erkannte, die sie in der Ekstase am heiligen Gabriel gesehen hatte. Er war der erste Priester, der die Stigmata förmlich untersuchte, eine schriftliche Erklärung hinterließ, Gemma die Gelübde der Armut und des Gehorsams ablegen ließ und bei Monsignore Volpi energisch für sie eintrat. Bei Amedeo erscheint er dreizehnmal — bei Germano nur zweimal.
Pater Peter Paul Moreschini, der spätere Erzbischof von Camerino, kam als Skeptiker zu den Gianninis. Er hatte Gemma noch nicht getroffen, hielt sie für dumm und Signora Giannini für eine Enthusiastin. Als man Gemma ihm vorstellte, schien es ihm, wie er selbst gestand, „dass er nur ein dummes Mädchen vor sich habe." Aber als Gemma ihn ruhig um Aufnahme bei den Passionistinnen bat und seine kalte, ja verächtliche Abweisung ohne jede Bestürzung hinnahm, begann er umzudenken. Er stellte ihr eine Probe: „Sag Jesus, er möge mir zwei Zeichen geben, die ich in diesem Augenblick innerlich von ihm erbeten habe." Die beiden innerlich erbetenen Zeichen — Blutschweiß und Stigmata — erschienen noch an jenem Nachmittag, obwohl es erst Mittwoch war und die Phänomene gewöhnlich nur donnerstags und freitags auftraten. Von da an war Moreschini ein überzeugter Verteidiger Gemmas. Seine Aussage im Seligsprechungsprozess, schreibt Amedeo, „glich einem herrlichen Lobgesang."
Germano erwähnt das Phänomen kurz. Amedeo zitiert Cäcilia Gianninis ausführliche Aussage im Prozess — eine der lebendigsten Zeugenaussagen des gesamten Verfahrens: „Eines Morgens waren wir bei der ‚Rosa' und empfingen die Kommunion. Danach gingen wir nach Hause, und ich fand, dass Gemma am ganzen Körper tropfnass war. Ich ließ sie die Kleider wechseln, aber nach einer Weile war sie im selben Zustand. Das geschah mehrfach. Sie half mir bei einer kleinen Arbeit, aber sie war so still und ungewöhnlich gesammelt, dass ich wusste, ihre Gedanken waren woanders, wahrscheinlich bei der Kommunion, die sie gerade empfangen hatte. Trotzdem verrichtete sie ihre Arbeit sehr sorgfältig, ohne etwas zu zerbrechen."
Cäcilia fährt fort: „Beim zweiten Mal schalt ich sie: ‚Das ist kein Schweiß; du hast Wasser über dich geschüttet.' Sie antwortete: ‚Ich habe es nicht hochgetragen; frag Zita.' Dann fügte sie hinzu: ‚Nicht um zu beweisen, dass ich recht habe, sondern zu deiner Beruhigung: schick Basilio zur ‚Rosa', um die Stelle zu sehen, wo ich nach der Kommunion war.' Ich ging selbst und sah, dass die Stelle, wo sie gekniet hatte, ganz nass war. Dann sagte Gemma: ‚Geh nicht weg, denn es muss in deiner Gegenwart geschehen.' Gemma geriet in Ekstase, und ich beobachtete sie. Sie war in ihrer gewohnten Haltung und begann so stark zu schwitzen, dass große Tropfen von ihren Händen und Füßen auf den Boden fielen." Gemma erklärte es schlicht: „Ich fühle so große Reue über meine Sünden, dass ich manchmal schwitze."
Das ganze Thema des Hysterie-Vorwurfs und seiner systematischen Widerlegung ist Amedeos Sondergut. Germano, der als beteiligter Seelenführer schrieb, ging auf den Vorwurf nicht ausführlich ein — was verständlich ist, da er selbst Partei war. Amedeo hingegen dokumentiert den Vorwurf in seiner ganzen Schärfe — und seine Widerlegung mit ebensolcher Gründlichkeit.
Er zitiert Germanos berühmten Brief an Monsignore Volpi vom 4. März 1901: „Was Hysterie betrifft: Da Jesus so gut und liebenswert ist, denken Sie nicht daran, denn das wäre absurd. Nein, nein, es gibt nicht eine Spur davon in ihr. Die modernen Mediziner, selbst katholische, sind in ihren Ideen auf diesem Punkt gleichsam festgefahren. Wenn Sie die äußeren Tatsachen bei Gemma richtig beurteilen wollen, dürfen Sie nicht eine oder zwei einzeln nehmen, sondern alle zusammen, und dann werden Sie eine wunderbare Übereinstimmung finden, die sie zu einer vollkommenen Einheitlichkeit verbindet. Hysterie hingegen hat als wesentliche Form Wankelmut, Unbeständigkeit, Leichtfertigkeit, Exzentrik und Unentschlossenheit, denn Hysterie ist ein Symptom des Wahnsinns; und wer geistig unausgeglichen ist, ist nie beständig."
Amedeo zitiert auch die Prüfer im Seligsprechungsprozess, den Generalpromotor des Glaubens, der in Gemma eine „wahrhaft kindliche Arglosigkeit, ähnlich jener, die in der heiligen Theresia vom Kinde Jesus so hell leuchtete" erkannte, und schließlich Monsignore Volpis spätes Bekenntnis, das den ganzen Bogen schließt: „Heute, nach einigen Jahren der Erfahrung, bin ich überzeugt, dass solche Dinge von Gott zugelassen werden, um der Menschheit einen greifbaren und äußeren Beweis für ein inneres und geistliches Wirken zu geben, das er manchmal in privilegierten Seelen hervorbringt."
Dies sind die wichtigsten Perlen — aber bei weitem nicht alle. Bei aufmerksamer Lektüre finden sich in Pater Amedeos Werk noch viele weitere: kleine Details, Randbemerkungen, Halbsätze aus Zeugenaussagen, die ein Licht auf Gemma werfen, das man anderswo vergeblich sucht. Wer Germanos Biografie gelesen hat, kennt Gemmas Seele. Wer Amedeo dazu liest, kennt auch ihr Leben — das Haus, die Straßen, die Menschen, die Tränen, die Demütigungen, den Alltag zwischen Strümpfestricken und himmlischen Ekstasen. Zusammen ergeben beide Werke das vollständige Bild: die Seele und der Leib, die Mystik und die Geschichte, die Heilige und das Mädchen.
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