Hinführung zur heiligen

Gemma Galgani

(1878–1903)

Eine kurze Vita

Wer war Gemma Galgani?

Gemma Galgani gehört zu jenen Gestalten der Kirchengeschichte, die auch über ein Jahrhundert nach ihrem Tod polarisieren. Für die einen ist sie eine der größten Mystikerinnen der Neuzeit, für die anderen ein rätselhafter, vielleicht beunruhigender Fall. Doch Gemma Galgani war weder geistig verwirrt noch eine „hysterische Frau", die sich in religiöse Fantasien geflüchtet hätte. Sie war ein kluges, liebenswertes, oft heiteres Mädchen aus einer wohlhabenden toskanischen Bürgerfamilie, das von den Lehrerinnen gelobt wurde, das Freundinnen hatte, das gerne las und lernte – und das zugleich, ab einem bestimmten Punkt seines Lebens, Dinge erlebte, die sich jeder natürlichen Erklärung entziehen.

Die vorliegende Hinführung will einen ersten Zugang zu dieser jungen Frau eröffnen: auf der Grundlage ihrer eigenen Schriften – Autobiografie und Tagebuch –, der großen Biografie ihres Seelenführers P. Germano Ruoppolo CP, des dreibändigen Werkes von Jean-François Villepelée und zum Teil auch der Arbeiten von Rudolph M. Bell und Cristina Mazzoni.

Kindheit im Schatten des Todes

Am 12. März 1878 wurde Gemma Galgani in Borgo Nuovo bei Camigliano als fünftes von acht Kindern des Apothekers Enrico Galgani und seiner Frau Aurelia Landi geboren. Bereits am nächsten Tag, dem 13. März 1878, taufte sie Don Pietro Quilici, Pfarrer von Sankt Michael in Camigliano, auf den Namen Gemma Umberta Pia.

Ende 1878, Anfang 1879 zog die wohlhabende und gläubige Familie ins nahe Lucca, um den Kindern bessere Erziehung und Schulbildung zu ermöglichen und um zudem eine größere Apotheke führen zu können. Ab 1880 besuchte Gemma in Lucca einen privaten Kindergarten (Vorschule), geführt von Elena und Ersilia Vallini, die Gemma später ein sehr gutes Zeugnis ausstellten – sowohl in Bezug auf ihre Intelligenz als auch auf ihr allgemeines Verhalten.

Im Alter von sieben Jahren, am 26. Mai 1885, empfing Gemma in der Kirche San Michele in Foro durch den Erzbischof Nicola Ghilardi das Sakrament der Firmung. Nach der Firmung, während sie noch der nachfolgenden Messe beiwohnte, hörte Gemma eine Stimme in ihrem Herzen, die sie bat, ihre Mutter „freiwillig herzugeben". Gemma sah sich nach einem kleinen Disput gezwungen, mit „Ja" zu antworten. Es war das erste jener Gespräche, die ihr ganzes Leben durchziehen sollten.

Kurz darauf brachte der Vater Gemma, die bei ihrer kranken Mutter bleiben wollte, nach S. Gennaro zum Onkel Antonio Landi, um sie vor Ansteckung zu schützen. Am 17. September 1886 starb die Mutter an Tuberkulose; Gemma erfuhr davon bei ihrem Onkel. Die Tante (Elena Landi) wollte Gemma als eigene Tochter behalten, doch ihr Bruder Gino widersetzte sich dem entschieden, und am Weihnachtstag 1886 kehrte Gemma nach Lucca zur Familie zurück.

Schon vor ihrer Erstkommunion hatte Gemma begonnen, die Schule der Schwestern von der heiligen Zita in Lucca zu besuchen (sie war aber noch nicht Schülerin des Instituts), wo sie sich – wie sie später schrieb – „im Paradies" fühlte. Dort entwickelte sich auch ihr brennendes Verlangen nach der Kommunion. Mit solcher Beharrlichkeit bat Gemma Mons. Giovanni Volpi – damals einfacher Diözesanpriester, später Bischof von Arezzo –, dass dieser ihrem Vater riet: „Wenn Sie nicht wollen, dass Gemma vor Sehnsucht stirbt, sollte man ihr die Kommunion nicht länger vorenthalten."

Daraufhin durfte Gemma einige Zeit im Haus der Schwestern wohnen, um sich mit elf anderen auf die Erstkommunion vorzubereiten. Don Raffaele Cianetti hielt ihnen die „heiligen Exerzitien". Am 17. Juni 1887, dem Fest des Heiligsten Herzens Jesu, empfing Gemma schließlich die erste heilige Kommunion – ein Erlebnis, das sie, wie sie später schrieb, nie mehr vergessen konnte. Die feierliche, öffentliche Erstkommunion (somit ihre zweite) wurde am 19. Juni in der Pfarrkirche San Frediano gehalten.

Den regelmäßigen Schulunterricht bei den Schwestern von der heiligen Zita (Oblatinnen des Heiligen Geistes) – einer von der heiligen Elena Guerra gegründeten Kongregation – besuchte Gemma von 1889 bis 1893. Elena Guerra selbst unterrichtete sie in Italienisch und Französisch; weitere Lehrerinnen waren Sr. Gesualda Petroni und Sr. Elisa Pieri (Zeichnen und Stickerei) sowie Sr. Giulia Sestini. Eine besondere mütterliche Rolle übernahm Sr. Camilla Vagliensi, die Gemma während der Vorbereitung zur Erstkommunion an die Passion Christi herangeführt hatte. Im Winter 1893 verbot ihr ein Arzt aus gesundheitlichen Gründen den weiteren Besuch der Schule. Sie besuchte daraufhin die Abendschule der Christenlehre und gewann im Schuljahr 1893/94 die Goldmedaille.

Armut, Krankheit und Wunderheilung

Am 11. September 1894 starb der Bruder Gino, ein Seminarist, ebenfalls an Tuberkulose. Gemma stand ihm besonders nahe – die beiden waren seit ihrer Kindheit eng verbunden gewesen, und nach Ginos Tod erkrankte Gemma selbst schwer; der Vater betete, an ihrer Stelle sterben zu dürfen. Erst nach drei Monaten Pflege genas sie. Im Mai 1896 unterzog sie sich einer schweren Operation am Fuß, die ohne Betäubung durchgeführt werden musste. Am Weihnachtstag desselben Jahres legte sie mit Erlaubnis ihres Beichtvaters Giovanni Volpi ein Privatgelübde der Keuschheit ab.

In dieser Zeit zerbrach die wirtschaftliche Grundlage der Familie. Der gutmütige, leicht zu täuschende Vater wurde von Geschäftspartnern um sein Vermögen gebracht. Er erkrankte an Kehlkopfkrebs und starb am 11. November 1897; die Gläubiger beschlagnahmten daraufhin alles im Hause Galgani und ließen die Kinder verwaist und mittellos zurück.

Gemma verbrachte einige Monate bei ihrer Tante Carolina Galgani in Camaiore, wo sie im Kurzwarenladen der Tante mithalf. Da Gemma als hübsche junge Frau die Aufmerksamkeit vieler junger Männer auf sich zog, hätte die Tante sie gerne verheiratet gesehen – ein guter Ehemann wäre auch eine wirtschaftliche Lösung gewesen. Gemma lehnte zwei Heiratsanträge ab. Schließlich erkrankte sie plötzlich an heftigen Rückenschmerzen und bat die Tante, sie nach Lucca zurückzubringen – ein Ereignis, das Gemma selbst später als göttliche Fügung deutete: Gott habe sie so aus einer geistlich gefährlichen Umgebung lösen wollen. In Lucca lebte sie fortan mit ihren Geschwistern und zwei weiteren Tanten väterlicherseits, Elena und Elisa Galgani, in bescheidenen Verhältnissen.

Doch die Schmerzen waren nur der Vorbote einer weit schlimmeren Krankheit. Im Winter 1898 und Frühjahr 1899 erkrankte Gemma schwer: der Hausarzt der Familie Galgani, Dr. Lorenzo Del Prete, stellte eine Osteitis der Lendenwirbel mit einem fortgeschrittenen Abszess fest; dazu kamen eine eitrige Mittelohrentzündung und ein vermuteter Hirntumor; zuletzt verlor sie den Gebrauch der Beine. Sie wurde von ihren Tanten und den Barbantinen (Krankenschwestern vom hl. Kamillus) gepflegt und von Mons. Volpi geistlich begleitet. Dr. Del Prete lancierte wiederholt die Geschwülste entlang der Wirbelsäule und injizierte Iodoform-Glyzerin, das damals übliche Antiseptikum; als sich der Zustand zusehends verschlimmerte, zog er weitere Ärzte hinzu. Am 4. Januar 1899 versuchten sie als letztes Mittel, ihr zwölf Brenneisen entlang der Wirbelsäule zu setzen — ohne Erfolg. Am 2. Februar 1899, dem Fest Mariä Lichtmess, empfing sie die heilige Wegzehrung; die Ärzte erwarteten, sie werde Mitternacht nicht erreichen.

Bald darauf bat eine frühere Lehrerin sie, eine Novene zur damals noch seligen Margareta Maria Alacoque zu beten. Während dieser Tage erschien ihr, so berichtet sie in der Autobiografie, der ehrwürdige Gabriel von der schmerzhaften Muttergottes – ein junger Passionist (am 31. Mai 1908 selig-, am 13. Mai 1920 heiliggesprochen) –, der sie liebevoll „meine Schwester!" nannte, ihr die Hand auf die Stirn legte und mit ihr betete. Am letzten Tag der Novene, dem 3. März 1899 – einem ersten Freitag im Monat –, empfing Gemma die Kommunion und spürte eine plötzliche, vollständige Heilung. Sie stand auf und war gesund.

Stigmata und mystische Phänomene

In der Karwoche 1899, Gemma war einundzwanzig Jahre alt, begann das, was sie berühmt machen sollte. Am Mittwoch der Karwoche legte sie eine Generalbeichte bei Mons. Volpi ab; am folgenden Donnerstagabend, während der „Heiligen Stunde" – einer wöchentlichen Donnerstagsandacht zur Agonie Jesu im Ölgarten, die sie Jesus aus Dank für die Heilung versprochen hatte –, sah sie nach tiefer innerer Sammlung den blutüberströmten Gekreuzigten und hörte seine Stimme: „Alle diese Wunden hattest du geöffnet durch deine Sünden." Am 8. Juni 1899, dem Vorabend des Herz-Jesu-Festes, empfing sie in einer Ekstase die Stigmata: Wundmale an Händen, Füßen und in der Seite. Aus offenen Wunden floss Blut.

Von dem Tag der ersten Stigmatisierung an wiederholten sich die Wundmale mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit: Sie erschienen jeden Donnerstagabend gegen acht Uhr und verschwanden am Freitagnachmittag gegen drei Uhr. Bis zum Samstag oder Sonntag war von den Wunden keine Spur mehr zu sehen; die Haut war auf natürliche Weise darüber gewachsen, nur ein weißlicher Fleck blieb zurück. Dieser wöchentliche Zyklus von Entstehung, Blutung und vollständiger Heilung hielt über Jahre an.

Gemma erlebte regelmäßige Ekstasen, Erscheinungen ihres Schutzengels, Gespräche mit Jesus und Maria sowie die Geißelung und die Dornenkrönung. Im Sommer 1900 vollzog sich, wie die ekstatischen Gespräche bezeugen und P. Germano in seiner Biografie von 1907 darstellte, die „mystische Vermählung" mit Christus — jene Erfahrung der Vereinigung mit dem göttlichen Bräutigam, die in der Tradition großer Mystikerinnen wie Katharina von Siena und Teresa von Ávila steht. Eben in dieser Zeit wies Volpi sie an, ein geistliches Tagebuch zu führen (19. Juli bis 3. September 1900); es ist heute eines der wichtigsten Zeugnisse ihrer Spiritualität.

Diese Phänomene blieben für Gemma nie bloße Erlebnisse, sondern hatten eine theologische Bedeutung: Vom Empfang der Stigmata an, also seit dem 8. Juni 1899, nahm Gemma zunehmend an den Schmerzen der Passion teil, und im Oktober 1901 bot sie sich dem Herrn ausdrücklich als Sühnopfer für die Rettung der Sünder an. Sie deutete ihr Leiden als Teilhabe an den Erlösungsleiden Christi – ein Verständnis, das in jeder ihrer Schriften wiederkehrt und ohne das ihr Leben nicht zu verstehen wäre.

Die Passionisten und das Haus Giannini

Im Juli 1899, am Ende einer im Dom San Martino vom 25. Juni bis 9. Juli zur Vorbereitung des Heiligen Jahres 1900 gepredigten Volksmission, begegnete Gemma erstmals persönlich den Passionisten – jenem Orden, der ihr durch innere, „himmlische" Kenntnis schon vertraut war. Nach der Mission sprach sie sich vor allem mit P. Gaetano Guidi und P. Ignazio Vacchi CP aus, die in Lucca im Haus des Apothekers Matteo Giannini, ihres treuen Wohltäters, zu Gast waren; P. Gaetano vertraute sie auch das bis dahin verborgene Phänomen der Stigmata an. Cecilia Giannini, die Schwester von Matteo Giannini, hatte Gemma bereits zuvor durch ihre Freundin Palmira Valentini kennengelernt. Vom 5. Juli bis zum 8. September 1899 erlaubte ihr P. Gaetano zudem, erstmals die drei evangelischen Räte gemeinsam – Keuschheit, Gehorsam und Armut – als private Gelübde abzulegen, die anschließend erneuert wurden. Aus einer ersten Einladung in das Haus Giannini wurde, nachdem die schwierigen Familienverhältnisse Gemmas und die Einzigartigkeit ihres geistlichen Lebens bekannt geworden waren, sehr bald großzügige Gastfreundschaft.

Im September 1900 wurde Gemma ganz in das Haus der Familie Giannini aufgenommen, in dem sie bis kurz vor ihrem Tod lebte. Der Apotheker Matteo Giannini, ein angesehener Bürger Luccas, betrieb seit 1891 zudem eine Kerzenwachs-Manufaktur, die die Kirchen der Umgebung mit liturgischen Kerzen belieferte und bis heute in Lucca besteht; mit seiner Frau Giustina Bastiani hatte er elf Kinder. Im Haus lebte zudem Cecilia, Matteos unverheiratete Schwester, die den elf Kindern wie eine zweite Mutter war — und die später auch Gemma wie eine eigene Tochter umsorgte; Gemma nannte sie schlicht „Mamma". Gemma war hier nicht Hausangestellte, wie später bisweilen behauptet wurde, sondern Familienmitglied. Eufemia Giannini, eine der Töchter des Hauses, hat später nachdrücklich klargestellt: Gemma habe wie eine geliebte Schwester unter ihnen gelebt, mit ihnen am Tisch gegessen und nur aus eigenem Antrieb bei den Hausarbeiten geholfen.

Im Haus Giannini hörte Gemma erstmals von P. Germano Ruoppolo, einem Freund der Familie, der in Rom und in Tarquinia lebte. Bereits seit dem 29. Januar 1900 stand sie mit ihm in Briefkontakt (insgesamt 151 erhaltene Briefe), persönlich kennenlernen konnte sie ihn jedoch erst am Donnerstag, dem 6. September 1900, im Haus Giannini. Von da an wurde er ihr geistlicher Begleiter. Cecilia, Eufemia und Annetta transkribierten zudem 141 ekstatische Gespräche Gemmas zwischen dem 5. September 1899 und dem 12. Januar 1903; eine Quelle ersten Ranges für ihre Spiritualität. Auf Wunsch P. Germanos schrieb Gemma zudem zwischen 17. Februar und ca. 15. Mai 1901 ihre Autobiografie.

Mystikerin oder Hysterikerin?

Die Frage nach Hysterie und Täuschung

Die Frage, ob Gemma Galgani psychisch krank war, wurde bereits zu ihren Lebzeiten gestellt. Ihr Beichtvater Mons. Volpi, ein vorsichtiger und skeptischer Mann, hatte vor allem eine bestimmte Sorge: Er fürchtete, hinter den ungewöhnlichen Phänomenen könne eine Täuschung des Teufels stehen. Aus diesem Grund ordnete er früh eine medizinische Untersuchung an. Der Chirurg Pietro Pfanner, der Gemma seit ihrer Kindheit kannte, hatte schon bei der Zehnjährigen einen „hysterischen Husten" ohne körperlichen Befund diagnostiziert und stellte später, während ihrer Krankheit 1898/1899, „hysterische Lähmungen" fest – noch am Tag ihrer Heilung, dem 3. März 1899.

Als Pfanner am 8. September 1899 in Begleitung von Mons. Volpi die Stigmata während einer Ekstase Gemmas untersuchte, wischte er das Blut von den Handflächen mit einem feuchten Tuch ab und fand nach seinem eigenen Bericht keine offenen Wunden. Er vermutete eine Simulation. Auf dem Boden fand Cecilia Giannini eine Nähnadel, was den Verdacht zunächst zu bestätigen schien. Gemma selbst nahm die Demütigung hin; sie akzeptierte sogar die Möglichkeit der Hysterie mit den Worten: „Es mag Hysterie sein, wie der Arzt sagt. Aber auch dann liebt Jesus mich."

Doch die Sache ist komplizierter, als ein einzelner Arztbesuch nahelegt. Cecilia Giannini selbst änderte bald ihre Einschätzung der Geschehnisse anlässlich dieses Besuchs und wurde zu einer der wichtigsten Zeuginnen für die Echtheit der Stigmata. Mehrere Punkte sprechen gegen die Erklärung durch Hysterie oder Selbstverletzung:

Erstens: Die Stigmata folgten einem strengen wöchentlichen Rhythmus – Donnerstagabend bis Freitagnachmittag – über Jahre hinweg. Keine bekannte Hauterkrankung, keine Form der Autosuggestion und kein hysterisches Symptom folgt einem solchen Muster.

Zweitens: Der Heilungsprozess war ebenso unerklärlich wie die Entstehung. Tiefe, offene Wunden im lebendigen Fleisch, aus denen frisches Blut floss, schlossen sich innerhalb von Stunden vollständig und hinterließen nur einen weißlichen Fleck. P. Germano, der die Wunden nach eigenen Angaben sorgfältig vermaß, beschrieb sie als etwa 20 mm lang und 10 mm breit und durchdringend bis auf den Handrücken.

Drittens: Die Wunden eiterten nie – was bei selbst zugefügten Verletzungen unter den damaligen hygienischen Verhältnissen praktisch unmöglich gewesen wäre.

Viertens: Neben den Handwunden traten auch Dornenkronenstiche an den Schläfen auf, aus denen Blut floss. P. Germano wies darauf hin, dass Nadelstiche in der Kopfhaut medizinisch keine Blutströme verursachen können.

Fünftens: Das Entstehen und Vergehen der Wunden wurde von zahlreichen Augenzeugen über Jahre hinweg beobachtet. Neben P. Germano gehört zu ihnen vor allem Pietro Paolo Moreschini, damals Provinzial der römisch-toskanischen Passionisten, später Erzbischof von Camerino. Hinzu kommen mehrere Mitglieder der Familie Giannini, insbesondere Matteo und Giustina Giannini sowie Cecilia Giannini, in deren Haushalt Gemma seit 1900 lebte. Eine durchgehende Täuschung über diesen Zeitraum, unter den Augen einer aufmerksamen und manchmal kritischen Hausgemeinschaft, ist schwer vorstellbar.

Besonders aufschlussreich ist das spätere Verhalten Pfanners selbst. Als 1923 im Rahmen des kanonischen Prozesses die Phase der Rekognition und Exhumierung stattfand und Pfanner als Zeitzeuge auftrat, äußerte er sich ausdrücklich positiv über Gemma, sprach von ihrer Heiligkeit und zeigte persönliche Verehrung.

Was gegen die Diagnose einer psychischen Erkrankung am stärksten spricht, ist Gemmas Charakter selbst. Hysterische „Mystikerinnen" neigen dazu, ihre Erlebnisse auszuschmücken, Aufmerksamkeit zu suchen und sich in den Mittelpunkt zu stellen. Gemma tat das genaue Gegenteil. Sie versuchte, ihre Stigmata zu verbergen: Am Morgen nach dem ersten Auftreten der Wundmale ging sie wie gewöhnlich in die Kirche und zog Handschuhe an, um die Wundmale zu bedecken.

Ihr Seelenführer P. Germano unterzog sie einer strengen Prüfung: Er verglich frühere Aussagen mit späteren, prüfte alles an den Grundsätzen der klassischen Mystik und fand vollständige Übereinstimmung. Gemma gehorchte widerspruchslos jeder seiner Anweisungen, auch den unangenehmen. Als er ihr befahl, um das Aufhören der Stigmata zu beten, tat sie es – und die Stigmata hörten auf (obwohl weiße Male an den Händen blieben). Eine Simulantin hätte das kaum getan.

Gemmas Schriften zeigen eine junge Frau von entwaffnender Offenheit, die sich selbst für die größte Sünderin hält, die launisch sein kann, die mit ihrem Schutzengel scherzt und die mit einer Klarheit über ihre inneren Zustände Auskunft gibt, die jedem Psychiater Ehre machen würde.

Vergeblicher Klostertraum

Gemma träumte ihr ganzes kurzes Leben lang davon, Ordensfrau zu werden. Doch ihre schwache Gesundheit, die wirtschaftliche Not und die außerordentlichen Phänomene, die ihr Leben begleiteten, standen dem im Weg.

Am 1. Mai 1899 trat Gemma zunächst für einen Exerzitienkurs in das Kloster der Heimsuchungsschwestern (Visitandinnen) in der Via Elisa in Lucca ein — aus Dankbarkeit für ihre wunderbare Heilung durch die selige Margareta Maria Alacoque, die selbst diesem Orden angehört hatte. Die Schwestern versprachen ihr eine Aufnahme im Juni. Doch nach zwanzig Tagen, am 21. Mai 1899, musste sie das Kloster wieder verlassen: Wegen des Tuberkulose-Risikos — Mutter und Bruder Gino waren an dieser Krankheit gestorben, Gemma selbst kurz zuvor schwer krank gewesen — forderten die Schwestern vier ärztliche Atteste, die nicht zu beschaffen waren; hinzukam, dass Gemma als verarmte Halbwaise nicht die nötige Mitgift aufbringen konnte.

Mit besonderer Beharrlichkeit richtete Gemma sodann ihre Bitten an das Klausurkloster der Passionistinnen im damaligen Corneto (heute Tarquinia) – das einzige Passionistinnenkloster, das damals in Italien existierte. Doch die Oberin wies das Gesuch zurück; sie wollte Gemma im März 1902 nicht einmal als Gast für einige Tage Exerzitien empfangen, selbst nicht in Begleitung der Familie Giannini, die sich dort zu Exerzitien aufhielt. Die Gemeinschaft widersetzte sich später auch der von Gemma ersehnten Gründung eines neuen Klosters in Lucca, weil sie keine ihrer Schwestern für eine solche Neugründung freistellen wollte.

Gemma trug auch dieses Kreuz mit Ergebung und begriff allmählich, dass der erzwungene Verzicht auf das Leben in der Klausur Teil eines geheimnisvollen Plans apostolischer Fruchtbarkeit über den Tod hinaus war. Ihre Heiligung sollte nicht hinter Klostermauern geschehen, sondern mitten in der Welt, im Haus der Familie Giannini, unter den Blicken von Neugierigen, Skeptikern und wenigen Vertrauten.

Das letzte Jahr und der Tod

1902 starben innerhalb weniger Monate zwei ihrer Geschwister: ihre Schwester Giulia am 19. August und ihr Bruder Antonio am 21. Oktober. Gemma selbst hatte seit Mai 1902 schwere gesundheitliche Probleme. Immer wieder traten Phasen der Besserung ein. Im Oktober 1902 verschlechterte sich ihr Zustand erneut; am 24. Januar 1903 wurde sie auf Rat des Arztes und P. Germanos wegen ihrer fortschreitenden Lungentuberkulose in eine Wohnung in der Via della Rosa verlegt – angrenzend an das Haus Giannini und von ihrer Tante Elisa Galgani gemietet –, um die Kinder der Familie Giannini vor Ansteckung zu schützen. Cecilia Giannini pendelte fortwährend zwischen den beiden Häusern, um Gemma Gesellschaft zu leisten.

Es folgten Monate unvorstellbaren Leidens: Erstickungsanfälle, Fieber, Bluthusten. Schlimmer jedoch war die geistliche Dürre: Jesus schien sich zurückzuziehen, die Ekstasen hörten auf, die Tröstungen blieben aus – jene dunkle Nacht der Seele, die in der mystischen Tradition zur reifen Gotteserfahrung gehört und in der die Liebe sich von der spürbaren Tröstung zu lösen beginnt.

Am Karsamstag, dem 11. April 1903, starb Gemma Galgani um 13:45 Uhr im Alter von fünfundzwanzig Jahren. An ihrem Bett waren Mitglieder der Familie Giannini, ihre Tante Elisa Galgani, zwei Barbantinen-Schwestern sowie der Franziskaner P. Giuseppe Angeli, Pfarrer von Santa Maria Bianca. Den Kopf an die Schulter von Giustina (Bastiani) Giannini gelehnt, verstarb sie, während ihr zwei Tränen aus den Augen fielen. Nach damaligem Brauch hatten die Glocken bereits die Auferstehung des Herrn angekündigt. Im Tod lag auf ihrem Antlitz das gewohnte sanfte Lächeln. Ihr Leichnam wurde in das Gewand (das Habit) der Passionistinnen gekleidet.

Bei der Exhumierung am 24. April 1903, dreizehn Tage nach ihrem Tod, wurde ihr Herz dem Leichnam entnommen und in dem Bericht der beiden anwesenden Ärzte als „frisch, kräftig, biegsam, rotfarben und voll Blut, wie wenn es lebendig wäre" beschrieben.

Seligsprechung und Heiligsprechung

Nach Gemmas Tod verbreitete sich ihre Verehrung rasch. Bereits am 2. Oktober 1903 unterzeichnete Papst Pius X. das Dekret zur Gründung des Passionistinnenklosters in Lucca; am 16. März 1905 trafen die ersten Schwestern unter Madre Giuseppa Armellini ein und besiedelten das Kloster, das Gemma zeitlebens so sehr erbeten hatte. 1907 erschien die Lebensbeschreibung von P. Germano Ruoppolo, die innerhalb von zwei Jahren eine Auflage von 23.000 Exemplaren erreichte und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde; 1909 folgte die Herausgabe ihrer Briefe und der ekstatischen Gespräche.

Am 3. Oktober 1907 begann zudem der diözesane Kanonisationsprozess auf Initiative von P. Germano Ruoppolo. Die Ritenkongregation erklärte, dass Gemma die christlichen Tugenden in heroischem Grad geübt habe — enthielt sich aber ausdrücklich eines Urteils über den übernatürlichen Charakter der außerordentlichen Phänomene. Gemäß der nüchternen Praxis der Kirche wurde Gemma nicht wegen der Stigmata heiliggesprochen, sondern wegen ihres tugendhaften Lebens; insgesamt erkannte die Kirche vier Wunder ihrer Fürsprache an — zwei für die Selig-, zwei weitere für die Heiligsprechung. Pius XI. sprach Gemma am 14. Mai 1933 selig. Sieben Jahre später, am 2. Mai 1940, erhob Pius XII. sie zur Ehre der Altäre und nannte sie den „Stern seines Pontifikates".

1935 begannen die Arbeiten am heutigen Sakralbau – Heiligtum und Kloster der Passionistinnen in Lucca –, der 1953 geweiht und 1965 vollendet wurde. 1939 gründete Eufemia Giannini, die Gemma in ihren letzten Lebensjahren nahegestanden hatte, die Missionsschwestern der heiligen Gemma.

Gemma Galgani wurde im Habit der Passionistinnen beigesetzt und wird zu den Heiligen dieses Ordens gezählt. Ihr Leichnam ruht im Passionistinnenkloster in Lucca; ihr Herz wird in einem von Passionisten betreuten Heiligtum in Madrid aufbewahrt.