Die Heilige Stunde

 Jede Woche, donnerstagnachts zwischen elf und Mitternacht, betete Gemma Galgani die Heilige Stunde in der Einsamkeit ihres Zimmers – bis zu ihrem Tod. Diese Andacht folgt ihrem Weg.

 

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Einführung

Im Jahr 1899, nach ihrer wunderbaren Heilung, versprach Gemma Galgani dem Herzen Jesu, jeden Donnerstagabend eine Heilige Stunde zu beten. Der selige Gabriel hatte ihr beim Beten der Herz-Jesu-Novene zur Seite gestanden und ihr am Ende gesagt: ‚Wie froh ist Jesus über das schöne Versprechen, das du ihm gegeben hast, jeden Donnerstag die Heilige Stunde zu halten. Vergiss es nie.‘ Gemma vergaß es nicht. Vier Jahre lang, bis zu ihrem Tod am Karsamstag 1903, hielt sie dieses Versprechen. In ihrem Tagebuch schreibt sie: ‚Jeden Donnerstagabend machte ich die Heilige Stunde – manchmal dauerte sie bis zwei Uhr nachts, weil Jesus bei mir war. Und fast immer ließ er mich jenen Schmerz teilen, den er im Garten angesichts so vieler meiner Sünden und derer der ganzen Welt fühlte.‘ Das Gebetsbüchlein, das Elena Guerra – Gemmas Lehrerin – für diese Stunde verfasst hatte, begleitete sie bei jeder dieser Nächte. Wir folgen nun demselben Weg: in den Garten, zu Jesus, in der Stille des Donnerstagabends.

 

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Eröffnung

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Herr Jesus Christus, ich trete ein in diese Stunde im Geiste der heiligen Gemma, die donnerstagnachts an deiner Seite wachte, als alle schliefen. Sie liebte dich so, dass sie deinen Schmerz zu teilen begehrte. Ich bringe nur mein Herz mit – arm, unruhig, manchmal müde. Empfange es. Lass mich bei dir sein.

Amen.

 

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ERSTE BETRACHTUNG: „Meine Seele ist betrübt bis zum Tod“

Jesus tritt in den Garten. Er hat seine drei Freunde bei sich – und bittet sie, eine Stunde mit ihm zu wachen. Dann geht er weiter, kniet nieder, und sein Angesicht berührt die Erde. „Abba, Vater, alles ist dir möglich.“

 

Gemma schrieb: „Jesus ließ mich jenen Schmerz fühlen, den er im Garten hatte – einen Schmerz, der dem Todeskampf vergleichbar ist.“ Sie wich diesem Schmerz nicht aus. Sie blieb.

„O mein Jesus, ich möchte bei dir sein in diesem Schmerz. Lass mich wachen, während die anderen schlafen.“ — Gemma Galgani, Tagebuch

 

Herr, du weißt, wie oft ich in meiner eigenen Bedrängnis allein war. Und wie oft habe ich dich dabei vergessen, der noch einsamer war. Ich bleibe jetzt bei dir. Eine Stunde. Eine kleine Stunde.

 

Sei gepriesen, Herz Jesu, das um uns getrauert hat.

 

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ZWEITE BETRACHTUNG: Der Angstschweiß

Jesus schwitzt Blut. Der Evangelist Lukas hält es fest: Die Tropfen fallen wie Blut zur Erde. Es ist kein literarisches Bild. Es ist die äußerste Anspannung eines Leibes, der das ganze Gewicht der Welt trägt.

Auch Gemma blutete – wenn sie Gotteslästerungen hörte, trat Blut durch die Poren ihres ganzen Leibes. P. Germano schrieb, er halte dies seit dem Angstschweiß Christi für einzigartig in der Kirchengeschichte. Sie trug am eigenen Leib, was Jesus trug.

 

„Mein Jesus! Wie kannst du so leiden, und die Menschen denken nicht an dich? Erinnere dich besonders jener – ich will ihn mit mir gerettet wissen.“ — Gemma Galgani, Briefe

 

Jesus, du hast nicht nur für die Heiligen gelitten. Du hast gelitten für jene, die dich vergessen haben. Für jene, die deinen Namen leichthin nehmen. Für mich, in meinen gleichgültigen Stunden. Ich bitte dich: lass mein Herz heute wenigstens einmal aufwachen.

 

Sei gepriesen, Herz Jesu, das für uns geblutet hat.

 

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DRITTE BETRACHTUNG: „Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?“

Jesus kommt zurück. Die Jünger schlafen. Er weckt sie: „Könnt ihr nicht eine einzige Stunde mit mir wachen?“ Dann geht er wieder. Betet dieselben Worte. Kommt zurück. Sie schlafen wieder. Gemma verstand diesen Schmerz Jesu tief. Sie selbst hielt Wache, wenn alle schliefen. Nicht aus Pflicht. Sondern weil sie es nicht ertragen konnte, dass er allein war.

 

„Ich schlafe, aber mein Herz schläft nicht, mein Jesus! Es wacht mit dir in jeder Stunde.“ — Gemma Galgani

 

Herr, wie viele Stunden habe ich verschlafen, die ich hätte wachen können. Wie viele Male hast du mich gesucht, und ich war anderswo. Ich bin jetzt hier. Weck mich auf, wenn meine Gedanken abschweifen. Ich will diese Stunde nicht verlieren.

 

Sei gepriesen, Herz Jesu, das unsere Schläfrigkeit erträgt.

 

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VIERTE BETRACHTUNG: Der Engel mit dem Kelch

Ein Engel erscheint Jesus im Garten und stärkt ihn. Der Kelch wird nicht weggenommen – aber jemand ist da. Das ist alles. Manchmal ist das genug. Gemma kannte Engel wie Freunde. Ihr Schutzengel war ihr sichtbar, sprach mit ihr, begleitete sie. Vielleicht verstand sie deshalb so gut: Gott nimmt den Schmerz nicht immer weg. Aber er lässt uns nicht allein darin.

 

„Was ist das Leben ohne Kreuz? Leiden ist das schönste Los, das Jesus seinen Liebsten gibt.“ — Gemma Galgani

 

Jesus, ich denke an alle, die gerade in ihrem eigenen Garten sind – allein in einer Krankheit, in einem Abschied, in einer Nacht ohne Ausweg. Sende deinen Engel zu ihnen. Und wenn es dein Wille ist, lass mich für sie ein kleines Stück des Kelches mittragen.

 

Sei gepriesen, Herz Jesu, das im Leiden bei uns bleibt.

 

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FÜNFTE BETRACHTUNG: „Nicht mein Wille, sondern deiner“

Das ist der Kern. „Nicht mein Wille, sondern deiner geschehe.“ Es ist das schwerste Wort im Evangelium. Und das schönste. Gemma lebte dieses Wort. Als P. Germano sie im Oktober 1902 fragte: „Was tun wir nun, Gemma?“ – sie war todkrank, die Ekstasen hatten aufgehört – antwortete sie: „Wir gehen zu Jesus, Pater!“ Im Ton unaussprechlicher Freude.

 

„Du willst mich vollkommen haben? So verhilf mir dazu! Zwischen der Furcht und der Hoffnung überlasse ich mich Gott.“ — Gemma Galgani

 

Herr, ich weiß nicht, ob ich jemals so beten kann wie Gemma. Aber ich möchte heute Abend wenigstens dieses eine sagen: Nicht mein Wille, sondern deiner. In dem, was kommt. In dem, was bleibt. In dem, was ich nicht wählen würde. Nicht mein Wille. Deiner.

 

Sei gepriesen, Herz Jesu, das sich dem Vater hingegeben hat.

 

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Schlussgebet

Am Ende der Stunde spricht man langsam das folgende Gebet:

 O Jesus, mein Retter und Heiland, ich habe diese Stunde bei dir verbracht – arm an Sammlung, arm an Worten, aber mit dem Wunsch, dass mein Herz wache, auch wenn alles andere schläft. Du kennst die Bitten, die ich nicht ausgesprochen habe. Du kennst die Menschen, an die ich gedacht habe. Du kennst meine Müdigkeit und mein Verlangen. Ich vertraue alles deinem Herzen an – jenem Herzen, das Gemma so liebte, dass sie jede Donnerstagnacht bei dir war. Lass mich wiederkommen. Nächste Woche. Und die Woche darauf. Bis es keine Wochen mehr gibt. Amen. 

 

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„O wenn doch nur alle wüssten, wie wunderschön Jesus ist und wie liebenswert! Sie würden alle vor Liebe sterben!“ — Heilige Gemma Galgani (1878–1903)