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Gehen Sie nach Lucca! - Gemma Galgani und Padre Pio – eine Freundschaft in der Gemeinschaft der Heiligen

Pilger aus der Toskana und den umliegenden Provinzen, die nach San Giovanni Rotondo kamen, um Padre Pio um seine Fürsprache zu bitten, erlebten manchmal eine unerwartete Antwort. Padre Pio schaute sie an und sagte: „Warum kommen Sie zu mir? Gehen Sie nach Lucca, das liegt Ihnen näher. Dort haben Sie die heilige Gemma – sie ist eine große Heilige.“ Dieser Satz ist mehr als eine fromme Empfehlung. Er ist das Zeugnis einer tiefen inneren Verbundenheit zwischen zwei Menschen, die sich nie begegnet sind – und die dennoch eine der außergewöhnlichsten geistlichen Freundschaften der neueren Kirchengeschichte verbindet.

 

Zwei Leben, ein Jahrhundert

Gemma Galgani wurde 1878 in Camigliano bei Lucca geboren. Francesco Forgione – der spätere Padre Pio – wurde 1887 in Pietrelcina bei Benevent geboren. Als Gemma am Karsamstag 1903 starb, war Pio fünfzehn Jahre alt. Beide lebten im selben Italien, in derselben kirchlichen Welt der Jahrhundertwende. Beide trugen die Stigmata Christi. Beide kämpften gegen dämonische Anfechtungen. Beide empfingen Erscheinungen Jesu, Mariens und ihrer Schutzengel. Beide wurden von Ärzten und Kirchenbehörden mit Skepsis betrachtet. Und beide lebten einzig darum: für die Bekehrung der Sünder. Aber sie begegneten sich nie. Die eine starb, als der andere noch ein Jugendlicher war. Und doch – neun Jahre nach Gemmas Tod schrieb der junge Kapuziner Padre Pio an seinen geistlichen Leiter Padre Benedetto einen Brief, der alles über diese Verbundenheit sagt.

 

Der Brief vom 2. Mai 1912

Padre Pio schreibt: „…Außerdem komme ich zu Ihnen mit einer Bitte: Ich möchte das Büchlein „Briefe und Ekstasen der Dienerin Gottes Gemma Galgani“ lesen, sowie das andere derselben Dienerin Gottes mit dem Titel „Die Heilige Stunde“. Ich bin sicher, dass Sie, wenn Sie diesen meinen Wunsch für berechtigt halten, ihn mir erfüllen werden. Ich grüße Sie und bitte um Ihren Segen. Ihr Bruder Pio.“ (Padre Pio, Brief an Padre Benedetto Nardella, 2. Mai 1912) Hinter dieser schlichten Bitte steckt eine Geschichte. Padre Pio stand damals selbst am Beginn außerordentlicher mystischer Erfahrungen – Ekstasen, unsichtbare Stigmata, Kämpfe mit dem Teufel, die dunkle Nacht der Seele. Er suchte jemanden, der ihn verstand. Und er fand ihn – in Gemma.

 

Seelenverwandte

Was Padre Pio in Gemmas Briefen und Ekstasen las, traf ihn tief. Der Autor Luca Lucchini hat in seinem Buch „Nella comunione dei santi“ (Im Bund der Heiligen, Vatikanverlag 2005) nachgewiesen, dass Padre Pio in mindestens zehn seiner Briefe an seine Seelenführer Formulierungen übernahm, die fast wörtlich mit Gemmas Schriften übereinstimmen – ohne sie namentlich zu zitieren. Das ist kein Plagiat. Das ist die Sprache eines Menschen, der in einer anderen Seele sein eigenes Erleben wiederfindet – und dafür die Worte borgt, die er selbst noch nicht gefunden hat. Padre Pio erkannte in Gemma eine „Seelenverwandte“, wie es P. Giandomenico Mucci SJ im Vorwort zu Lucchinis Buch formuliert: „Als würde der junge Ordensmann, angetrieben von demselben Verlangen nach Heiligkeit wie sein Vorbild, Gemmas Schritte nachholen.“ Was sie verband, war nicht nur die Außerlichkeit der Stigmata. Es war die innere Struktur ihres geistlichen Lebens: Beide empfingen die Stigmata in der Nähe des Allerheiligsten – Gemma am Vorabend des Herz-Jesu-Festes, Padre Pio nach dem Dankgebet im Chor. Beide wurden von ihrem geistlichen Leiter gebeten, um das Verschwinden der sichtbaren Wunden zu beten – und beide gehorchten. Beide hatten einen Schutzengel, der real und sichtbar in ihrem Leben gegenwärtig war. Beide kämpften gegen dämonische Angriffe, die sie körperlich maltätierten. Und beide litten – vielleicht am schwersten – unter den Zweifeln ihrer geistlichen Vorgesetzten.

 

Die große Heilige

Padre Pio nannte Gemma „die große Heilige“. Das ist keine höfliche Formel. Wer Padre Pio kannte, weiß: er wählte seine Worte mit Bedacht. Er empfahl sie seinen geistlichen Töchtern. Er sandte Pilger nach Lucca, wenn sie ihn um Fürsprache baten. Er war – so berichten mehrere Zeugen – bewegt bis zu Tränen, wenn er von ihr sprach. Und er betete täglich zu ihr. Das ist das stärkste Zeugnis. Padre Pio, der selbst zu den großen Heiligen des 20. Jahrhunderts gehört, bat täglich eine junge Frau aus Lucca um ihre Fürsprache, die er nie getroffen hatte und die zwanzig Jahre vor seiner Stigmatisierung gestorben war.

 

Die Gemeinschaft der Heiligen

Was Padre Pio und Gemma verbindet, hat einen Namen, den die Kirche seit Jahrhunderten kennt: die Gemeinschaft der Heiligen. Der Glaube, dass der Tod keine Grenze für Liebe und Fürsprache zieht. Dass Heilige füreinander beten – über den Tod hinaus. Padre Pio hat das nicht nur geglaubt – er hat es erlebt. Es wird berichtet, dass er Erscheinungen der bereits gestorbenen Gemma hatte, nicht lange nach ihrem Tod. Die Gemeinschaft zwischen den beiden war also nicht nur geistig, sondern auch mystisch wirklich.

Das ist das Herz dieser Geschichte: Zwei Menschen, von Gott für denselben Weg bestimmt, erkennen einander – einer im Leben, einer im Buch. Und diese Erkenntnis trägt.

 

Was das für uns bedeutet

Wer Gemma Galgani verehrt, hat an Padre Pio einen unerwarteten Verbündeten. Und wer Padre Pio liebt, findet in Gemma eine Schwester, die seinen Weg versteht wie kaum eine andere Seele der Kirchengeschichte. Die beiden gehören zusammen. Nicht weil sie denselben Orden hatten – Gemma war Passionistin dem Herzen nach, Pio war Kapuziner. Nicht weil sie derselben Zeit angehörten – sie lebten nacheinander, nicht nebeneinander. Sondern weil Gott manchmal Seelen formt, die einander brauchen – auch über die Grenzen des Lebens hinaus. Wenn Pilger heute nach San Giovanni Rotondo und nach Lucca fahren, besuchen sie zwei Stellen desselben Weges. Und vielleicht hören sie dort noch immer Pios Stimme: „Gehen Sie nach Lucca. Dort haben Sie die heilige Gemma.“

 

„Gehen Sie nach Lucca. Dort haben Sie die heilige Gemma – sie ist eine große Heilige.“ — Padre Pio

 

QUELLENHINWEIS

Luca Lucchini: Nella comunione dei santi. Santa Gemma Galgani e San Pio da Pietrelcina. Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 2005. – Das Buch ist nur auf Italienisch verfügbar. Es enthält den Nachweis der textlichen Übereinstimmungen zwischen Padre Pios Briefen und Gemmas Schriften sowie Zeugenaussagen über Pios Verehrung der heiligen Gemma.

 

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