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„Meine Schwester!“ - Gemma Galgani und der heilige Gabriel von der Schmerzhaften Mutter

Unter den himmlischen Gefährten, die Gemma Galganis kurzes Leben begleiteten – Jesus, Maria, der Schutzengel –, nimmt einer eine ganz besondere Stellung ein: der heilige Gabriel von der Schmerzhaften Mutter, ein junger Passionist, der 1862 im Alter von nur 24 Jahren gestorben war. Gabriel Possenti, wie er bürgerlich hieß, war zu Gemmas Lebzeiten noch nicht einmal heiliggesprochen; er trug lediglich den Titel „Ehrwürdig“. Und doch wurde er für Gemma zu einem geistlichen Bruder, einem nächtlichen Besucher am Krankenbett, einem Fürsprecher im Himmel und zum Wegweiser, der ihr den Weg zu den Passionisten wies. Ihre Beziehung ist eine der rührendsten Freundschaften der Heiligengeschichte – eine Freundschaft, die erst nach dem Tod des einen begann und die den Tod des anderen überdauerte.

 

Eine Begegnung am Krankenbett

Es war während Gemmas schwerer Erkrankung an Rückenmarksschwindsucht, die sie 1898/99 an den Rand des Grabes brachte, als eine Freundin ihr ein Buch ans Krankenbett brachte: die Biografie des ehrwürdigen Gabriel Possenti. Die Dame wollte Gemma Andacht und Vertrauen zu einem neuen Heiligen einflößen und hoffte zugleich, die langen Stunden des Tages vergingen schneller, wenn die Kranke etwas Passendes zu lesen hätte. Die Wirkung übertraf alle Erwartungen. Gemma selbst bekennt: „Am gleichen Abend noch begann ich, das Leben des ehrw. Gabriel zu lesen. Ich las es mehrere Male; ich wurde nicht müde, es immer wieder zur Hand zu nehmen und seine Tugenden wie seine Beispiele zu bewundern. Von jenem Tage an hegte ich eine besondere Andacht zu ihm.“ Und dann fügt sie etwas hinzu, das über bloße Andacht weit hinausgeht: „Abends konnte ich nicht einschlafen, wenn ich sein Bild nicht unter dem Kopfkissen hatte. Schon damals wusste ich ihn mir nahe. Ich fühlte seine Gegenwart. In all meinem Tun und Handeln schwebte mir der ehrw. Gabriel vor dem Geiste.“ Was Gemma hier beschreibt, ist keine fromme Verehrung auf Distanz. Es ist das Erkennen einer Seelenverwandtschaft: ein junger Mensch, der jung gestorben war, der Maria mit zärtlicher Liebe verehrt hatte, der das Kreuz gesucht hatte – Gemma fand in Gabriel einen Spiegel ihrer eigenen Sehnsucht. Und Gabriel, so sollte sich bald zeigen, fand in Gemma eine Schwester.

 

Der nächtliche Besucher

Kurz darauf begann eine Freundin Gemma zu drängen, eine Novene zu Ehren der seligen Margareta Maria Alacoque zu beten. Gemma willigte ein. Was dann geschah, gehört zu den außerordentlichsten Episoden der Biografie. In der Nacht, kurz vor Mitternacht, hörte Gemma das Hin- und Herbewegen eines Rosenkranzes. Eine Hand legte sich auf ihre Stirn. Eine Stimme begann zu beten: neunmal das Vaterunser, das Gegrüßt-seist-du-Maria und das Ehre sei Gott. Es war Gabriel. Er fragte sie: „Willst du genesen?“ Und er gab ihr eine Anweisung: Sie solle jeden Abend vertrauensvoll zum Heiligsten Herzen Jesu beten; er werde bis zum Ende der Novene jeden Abend zu ihr kommen, und sie würden dann gemeinsam beten. Gemma berichtet: „Er kam wirklich jeden Abend, legte mir gewöhnlich die Hand auf die Stirn, dann beteten wir mitsammen.“ Am Ende der Novene, am ersten Freitag im März 1899, empfing Gemma die Kommunion – und wurde auf der Stelle geheilt. Die Biografie nennt das Heiligste Herz Jesu als Urheber des Wunders, die selige Margareta Alacoque als Vermittlerin und Gabriel als Werkzeug. Der junge Passionist, der selbst nie ein Wunder gewirkt hatte, war zum Instrument einer wunderbaren Heilung geworden.

 

„Meine Schwester!“

Doch Gabriel kam nicht nur als Heiler. Er kam auch als Wegweiser. In einer Vision, die Gemma kurz nach ihrer Genesung empfing, erschien ihr Gabriel und sprach sie mit den Worten an: „Gemma, mache willig das Gelübde, Ordensperson zu werden, füge aber kein anderes dazu.“ Damit meinte er, sie solle sich noch nicht auf einen bestimmten Orden festlegen. Gemma verstand den Sinn nicht und fragte nach. Als Antwort bekam sie nur zwei Worte zu hören: „Meine Schwester!“ – begleitet von einem zärtlichen Blick und einem süßen Lächeln. Dann nahm Gabriel das hölzerne Kreuz, das die Passionisten auf der Brust tragen, und ließ es Gemma küssen. Er legte es auf ihr Leintuch, wiederholte „Meine Schwester!“ und verschwand. Am nächsten Morgen empfing Gemma die Kommunion und legte ihr Gelübde ab. In diesem „Meine Schwester“ liegt der Schlüssel zur ganzen Beziehung. Gabriel behandelte Gemma nicht als Schützling, nicht als Verehrerin, sondern als Ebenbürtige – als Schwester im Geist, als Gefährtin auf demselben Weg des Leidens und der Liebe. Und zugleich wies er ihr mit dem Kreuz der Passionisten die Richtung: Hier, bei diesem Orden, ist dein Platz.

 

Der Wegweiser zu den Passionisten

Die Lektüre von Gabriels Biografie hatte Gemma erstmals auf die Passionisten aufmerksam gemacht. Es war sein Beispiel, das ihren Wunsch weckte, in diesen Orden einzutreten, der sich ganz der Betrachtung des Leidens Christi widmet. Die Biografie hält fest: „Das einzige Kloster, das Gemma vollständig entsprochen hätte, war das der Passionistinnen. Sie war durch das Lesen der Biographie des hl. Gabriel Possenti darauf aufmerksam geworden.“ Mehr noch: Gabriel schien Gemma in Visionen Hoffnung zu machen, dass sie dort Aufnahme finden würde. Von da an hegte sie keinen anderen Wunsch mehr. Wenn sie zu Füßen ihres Gottes seufzte und betete, hatte sie das Bild eines Passionistinnenklosters vor Augen. Es war Gabriels geistliches Vermächtnis an Gemma: Er hatte ihr nicht nur den Glauben gestärkt und die Gesundheit wiedergegeben, sondern ihr auch eine geistliche Heimat gezeigt. Dass Gemma zu Lebzeiten nie in ein Passionistinnenkloster aufgenommen wurde, gehört zu den schmerzhaftesten Ironien ihres Lebens. Doch sie hielt an Gabriels Wegweisung fest. Und sie sagte voraus: Die Gründung eines Passionistinnenklosters in Lucca werde bald nach der Seligsprechung Gabriels erfolgen. Tatsächlich wurde das Kloster im Juli 1907 eröffnet – zwei Monate nach Gabriels feierlicher Seligsprechung, vier Jahre nach Gemmas Tod. Die Schwester, die er am Krankenbett so genannt hatte, war im Geist bereits dort.

 

Fürsprecher, Tröster, Mitkämpfer

Gabriel blieb Gemma auch in den folgenden Jahren nahe. Als Gemma einmal unter furchtbaren Schmerzen litt und Gabriel erschien, um sie zu trösten, reagierte sie auf bezeichnende Weise: „Nein, nimm mir die Schmerzen nicht, ich bitte dich darum, oder lass mir wenigstens einen Teil davon, denn sonst hätte ich gar nichts, was ich am Abend meinem Jesus darbieten könnte.“ In dieser Antwort zeigt sich die ganze Reife ihrer Beziehung: Gemma brauchte Gabriel nicht als Schmerztilger, sondern als Gefährten auf dem Kreuzweg. Gabriel gehörte auch zu den himmlischen Fürsprechern, an die sich Gemma im Gebet für Sünder wandte. In einer erschütternden Szene betete Gemma für einen großen Sünder: Jesus erklärte, er kenne ihn nicht; Maria schwieg und weinte; Gabriel gab keine Antwort. Gemma verlor den Mut nicht und betete ein ganzes Jahr lang weiter – bis der Mann auf dem Sterbebett bekehrt wurde. Selbst im Kampf mit dem Teufel um ein gestohlenes Manuskript spielte Gabriel eine Rolle: Als der böse Feind Gemmas Notizbuch entwendet hatte, betete ihr Seelenführer P. Germano den Exorzismus am Grab Gabriels in Isola del Gran Sasso – in 600 Kilometer Entfernung. Zur selben Stunde wurde das Manuskript in Lucca an seinen Platz zurückgelegt, rauchgeschwärzt und vom Feuer versengt, aber mit unversehrten Schriftzügen.

 

Ein Biograf für beide

Es gibt eine merkwürdige Pointe in der Geschichte von Gemma und Gabriel: Beide hatten denselben Biografen. P. Germano di S. Stanislao, der Passionist, der Gemmas Seelenführer wurde und ihre Lebensgeschichte verfasste, war zugleich der Mann, der die Biografie Gabriels geschrieben und dessen Seligsprechungsprozess geführt hatte. Derselbe Priester, der am Grab Gabriels den Exorzismus betete, saß am Krankenbett Gemmas und notierte ihre Erfahrungen. War es Zufall, dass der Biograf Gabriels auch der Seelenführer Gemmas wurde? Die Biografie deutet es als Vorsehung: Gemma hatte P. Germano nie gesehen und nie von ihm gehört, und doch kannte sie ihn – seinem Alter, seinem Charakter und sogar dem Aussehen nach – bevor sie ihm zum ersten Mal schrieb. In ihrem ersten Brief erzählte sie ihm von ihrer Krankheit, von der wunderbaren Heilung, vom seligen Gabriel, von ihrem Beruf zum Ordenstand und von den Passionisten. Gabriel hatte die beiden zusammengeführt.

 

Zwei junge Heilige

Gemma Galgani und Gabriel von der Schmerzhaften Mutter – beide starben vor ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Beide liebten Maria mit zärtlicher Hingabe. Beide suchten das Kreuz und fanden darin ihre Freude. Beide gehören geistlich zur Familie der Passionisten, obwohl nur einer von ihnen dem Orden zu Lebzeiten angehörte. Was Gabriel für Gemma war, lässt sich am besten mit seinen eigenen Worten sagen: „Meine Schwester!“ Er war der große Bruder, den sie im Himmel gefunden hatte, nachdem sie auf Erden so viele Brüder verloren hatte. Er war der stille Gefährte am Krankenbett, der Wegweiser zum Passionistenorden, der Fürsprecher im Gebet für Sünder. Und er war das Versprechen, dass die Gemeinschaft der Heiligen kein frommer Gedanke ist, sondern eine lebendige Wirklichkeit – so lebendig wie eine Hand auf der Stirn, ein Rosenkranz in der Dunkelheit und zwei Worte, die alles sagen: Meine Schwester.