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„Er öffnete mir sein Herz“ - Gemma Galgani und das Herz Jesu

Am 8. Juni 1899 – dem Vorabend des Herz-Jesu-Festes – empfing eine einundzwanzigjährige Frau in Lucca die Stigmata. Es ist kein Zufall, dass das Herz Jesu über dieser Szene steht wie ein Schlüssel über einer Partitur. Gemma Galganis gesamtes geistliches Leben kreist um dieses Herz: um die verwundete, brennende, sich verschenkende Liebe Gottes, die im Herzen Christi ihren sichtbarsten Ausdruck gefunden hat. Was bei anderen Heiligen eine Frömmigkeitsübung neben anderen ist, war für Gemma der Mittelpunkt. Ihre Herz-Jesu-Frömmigkeit war keine Andacht – sie war ihr Leben.

 

Schon als Kind: Die Bildchen am Herzen

Gemmas Tante Elisa berichtet, dass die kleine Gemma schon früh Bildchen der Heiligsten Herzen Jesu und Mariens bei sich trug und mit außerordentlichem Eifer zum Herzen Jesu betete. Das Herz-Jesu-Fest wurde zu ihrem ganz persönlichen Festtag. Am Herz-Jesu-Sonntag 1887, dem 17. Juni, empfing sie die erste heilige Kommunion – eine Wahl, die nicht zufällig war. Von da an verband sich in Gemmas Seele das Herz Jesu untrennbar mit der Eucharistie: Das Herz, das sich hingibt, ist dasselbe Herz, das sich in der Kommunion schenkt. Jedes Jahr an diesem Fest vereinigte sie sich im Geist mit allen Erstkommunikanten der Welt. Das Herz-Jesu-Fest blieb für sie, was es von Anfang an gewesen war: der Tag, an dem alles begonnen hatte.

 

Das geöffnete Herz

Im Tagebuch vom Sommer 1900 beschreibt Gemma eine Szene von bestechender Schlichtheit. Am Freitag, dem 20. Juli, nach dem Leiden der Dornenkrone, setzte sich Jesus neben sie – nicht mehr traurig wie in der Nacht, sondern freudig. Er liebkoste sie, nahm ihr die Krone vom Kopf. Und dann, schreibt Gemma: „Er öffnete mir sein Herz. Ich sah darin zwei Worte geschrieben, die ich nicht verstand.“ Als sie ihn bat, die Worte zu erklären, sagte Jesus: „Ich liebe dich deshalb so sehr, weil du mir sehr ähnlich bist.“ Gemma, erstaunt, fragte worin. „Im Demütigsein“, antwortete er. Das geöffnete Herz Jesu enthält also keine dogmatische Formel, sondern ein Liebeswort. Und was es verlangt, ist nicht Leistung, sondern Demut – jene Haltung, die den Menschen leer macht, damit Gott ihn füllen kann.

 

Feuerflammen statt Blut

Die Stigmatisation am Vorabend des Herz-Jesu-Festes 1899 trägt eine Symbolik, die Gemma selbst kaum bewusst gewesen sein dürfte, die aber den Kern ihrer Herz-Jesu-Frömmigkeit offenlegt. In der Ekstase sah sie Jesus, dessen Wunden alle geöffnet waren. Doch was aus ihnen hervorbrach, war nicht Blut, sondern Feuerflammen. Diese Flammen trafen ihre Hände, ihre Füße und ihr Herz. Die Wahl des Bildes ist theologisch präzise: Das Herz Jesu ist in der Ikonographie der Herz-Jesu-Verehrung stets von Flammen umgeben – Zeichen der göttlichen Liebe, die verzehrt und verwandelt. Bei Gemma wird dieses Bild Wirklichkeit. Die Liebe, die aus dem Herzen Jesu strömt, ist kein sentimentales Gefühl, sondern Feuer: Sie verwundet, sie prägt ein, sie hinterlässt Spuren im Fleisch. Die Stigmata sind, so verstanden, nichts anderes als die Handschrift des Herzens Jesu auf dem Körper einer Frau, die sich diesem Feuer nicht entzogen hat. P. Germano vermaß die Seitenwunde: halbmondförmig, sechs Zentimeter lang, drei Millimeter breit – an jener Stelle, an der die Lanze das Herz Christi durchbohrte. Gemma versuchte verzweifelt, sie zu verbergen. Sie legte mehrfach gefaltete Tüchlein darauf und wusch sie heimlich, wenn sie allein war.

 

Hunger nach der Eucharistie

Die Herz-Jesu-Frömmigkeit und die eucharistische Frömmigkeit sind bei Gemma nicht zwei verschiedene Andachten, sondern ein und dieselbe Bewegung. Schon als Kind bestürmte sie den Beichtvater: „Gebt mir Jesus! Ich kann es sonst nicht mehr aushalten.“ Nach ihrer wunderbaren Heilung – die sich am ersten Freitag im März ereignete, also an einem Herz-Jesu-Freitag – wurde dieser Hunger beinahe körperlich. Von da an konnte sie es nicht mehr ertragen, wenn sie nicht jeden Morgen zur Kommunion ging. Was dabei geschah, beschrieb sie P. Germano: „Heute hat Jesus sich so stark fühlen lassen, dass ich nicht mehr in mir war. Er kam in meine Brust herab. Welch selige Augenblicke sind das mit Jesus! Wie soll man ihm seine Liebe erwidern? Es ist unmöglich, einfach unmöglich, Jesus nicht zu lieben.“ Manchmal dauerten die Kommunionekstasen Stunden. Gemma empfing die Kommunion morgens um halb acht und kam erst wieder zu sich, als es auf der Straße Viertel vor zehn schlug. An anderen Tagen entzog Jesus sich ihr, und dann litt sie unsagbar. Sie verglich es mit einer Person, die zu einer Wasserquelle geführt wird und nicht trinken darf. P. Germano deutete diesen eucharistischen Hunger als Zeichen einer besonderen Sendung: Der Heiland habe Gemma in einer Zeit wachsender Lauheit erweckt, um die Menschen an die Kraft der Eucharistie zu erinnern – daran, dass in der Kommunion nicht ein Symbol empfangen wird, sondern das lebendige Herz Gottes.

 

„Ich verlange von dir nur Liebe“

Im Zentrum von Gemmas Herz-Jesu-Frömmigkeit steht ein Wort, das Jesus im Sommer 1900 während einer Ekstase zu ihr spricht: „Ich verlange von dir nur Liebe. Es ist ein großes und schönes Ding, die Liebe. Liebst du mich, meine Tochter?“ Dieses Wort fasst zusammen, was die Herz-Jesu-Verehrung im Kern meint: nicht eine bestimmte Gebetsform, nicht eine bestimmte Andachtsübung, sondern die Antwort der Liebe auf die Liebe. Das Herz Jesu, das sich öffnet, verlangt nichts als ein Herz, das sich öffnen lässt. Gemma verstand das mit einer Klarheit, die manche Theologen beschämen könnte. Als Jesus sie fragte, woran sie immer denke, was sie immer wünsche, antwortete sie schlicht: „Dich, mein Gott.“ Das Gespräch mit der Muttergottes im Tagebuch bringt dasselbe auf eine Weise zum Ausdruck, die beinahe komisch wirkt. Maria fragt Gemma, wen sie am meisten liebe. Gemma weicht aus, neckt die Muttergottes, lässt sie raten – und ruft schließlich: „Verstehst du nicht? Ich will von Jesus sprechen. Von Jesus!“ Und Maria, lächelnd: „Liebe ihn nur, liebe ihn sehr, liebe ihn ganz allein.“

 

Leiden als Sprache des Herzens

Die Herz-Jesu-Frömmigkeit hat seit Margarete Maria Alacoque eine besondere Beziehung zum Sühneleiden: Die Liebe des Herzens Jesu wird von den Menschen missachtet, und die Frommen sollen durch Gebet und Opfer Sühne leisten. Bei Gemma nimmt dieser Gedanke eine radikale Gestalt an. Sie leidet nicht nur für die Sünder – sie leidet mit Jesus, und zwar körperlich. Die Donnerstagnacht gehörte dem Leiden. Jesus erschien, setzte ihr die Dornenkrone auf, und Gemma litt mit ihm bis zum Freitagnachmittag um drei. Sie schrieb darüber: „Schmerzhafte, aber glückliche Augenblicke.“ Dieser Satz ist der Schlüssel. Das Leiden war für Gemma nicht Strafe, sondern Nähe. Je näher sie dem Herzen Jesu kam, desto mehr teilte sie seinen Schmerz – und desto glücklicher war sie. Jesus selbst hatte es ihr so erklärt, in einem Satz, den sie in der Autobiografie überliefert: „Willst du mich wahrhaft lieben? Lerne zuerst zu leiden. Leiden lehrt lieben.“ Das ist keine Verherrlichung des Schmerzes. Es ist die Erfahrung, dass die Liebe des Herzens Jesu erst dort ganz begriffen wird, wo man bereit ist, sich ihr ohne Vorbehalt auszusetzen – und das schließt das Kreuz ein.

 

Margarete Maria und Gemma

Es ist kein Zufall, dass Gemmas wunderbare Heilung sich einer Novene zur seligen Margarete Maria Alacoque verdankt – jener Mystikerin, die im 17. Jahrhundert die Herz-Jesu-Verehrung in der Kirche verbreitet hat. Margarete Maria empfing die Offenbarungen des Heiligsten Herzens; Gemma, zweihundert Jahre später, lebte sie. Was bei Margarete Maria noch Botschaft war – die Bitte um Sühne, um eucharistische Anbetung, um die Weihe an das Herz Jesu –, wurde bei Gemma gelebte Wirklichkeit, eingebrannt in ihr Fleisch. Beide empfingen ihre entscheidenden Gnaden am Herz-Jesu-Fest oder in dessen Nähe. Beide erlebten die Liebe des Herzens Jesu als Feuer. Beide litten an der Gleichgültigkeit der Welt. Und beide wurden von ihrer Umgebung für verrückt gehalten, bevor die Kirche sie heiligsprach. Gemma kannte Margarete Marias Geschichte – sie betete ihre Novene. Aber sie war keine Nachahmerin. Sie war eine Schwester im selben Feuer.

 

Ein Herz, das nichts zurückhielt

Was Gemma Galganis Herz-Jesu-Frömmigkeit von vielen anderen unterscheidet, ist ihre Totalität. Es gibt bei ihr keine Trennung zwischen Andacht und Leben, zwischen Gebet und Alltag, zwischen dem Herzen Jesu und ihrem eigenen Herzen. In der Ekstase sagt Maria zu ihr: „Tochter, wenn ich heute morgen in den Himmel zurückkehre, werde ich dein Herz mit mir nehmen.“ Und Gemma spürt, wie die Muttergottes ihr das Herz wegnimmt. Ihr Herz gehört nicht mehr ihr. Als man dreizehn Tage nach ihrem Tod ihr Herz dem Leichnam entnahm, fand die ärztliche Kommission es frisch, kräftig, biegsam, rotfarben und voll Blut – wie ein lebendes Herz. Die Ärzte waren zutiefst erstaunt. Man mag darüber denken, was man will. Aber es passt zu einem Leben, in dem dieses Herz alles gegeben hat und nichts für sich behielt. Ein Herz, das für das Herz Jesu geschlagen hat, bis zum letzten Augenblick – und vielleicht darüber hinaus.