· 

„Was wir gesehen haben, bezeugen wir“ - Gemma Galgani und ihr Seelenführer P. Germano Ruoppolo CP

Unter allen Beziehungen im Leben der heiligen Gemma Galgani ist jene zu ihrem Seelenführer Pater Germano di San Stanislao die vielleicht folgenreichste. Ohne ihn hätten wir keine Biografie, keine gesammelten Briefe, keine aufgezeichneten Ekstasen. Ohne ihn wäre Gemmas inneres Leben für die Nachwelt verloren. Und ohne Gemma hätte P. Germano – ein hochgebildeter Passionist, Gelehrter und Diplomat des Heiligen Stuhls – nie jenes Zeugnis ablegen können, das ihn selbst auf den Weg der Seligsprechung führte. Die beiden brauchten einander, obwohl sie sich im Leben nur wenige Male begegneten.

 

Der Gelehrte und der Engel

Vincenzo Ruoppolo wurde am 17. Januar 1850 in Vico Equense bei Neapel geboren. Schon mit fünf Jahren wurde er zur Erstkommunion zugelassen – ein ungewöhnliches Zeichen. Seine Studien in Neapel waren glänzend, besonders in Latein und Griechisch. 1865 trat er bei den Passionisten ein und nahm den Ordensnamen Germano di San Stanislao an. Nach der Priesterweihe 1872 in Belgien wirkte er in Frankreich und Belgien, später als Lektor an der internationalen Studienanstalt der Passionisten in Rom. Kardinal Ferrata beschrieb ihn als einen Mann von umfassender und gediegener Gelehrsamkeit und musterhafter Frömmigkeit. Die Biografie vermerkt, er habe genaue Kenntnisse in Malerei, Skulptur, Architektur, Epigraphik, Rhetorik, Poesie, Naturlehre und Heilkunde besessen – es gab keinen Wissenszweig, in dem er nicht bewandert war. Doch seine eigentliche Stärke lag in der mystischen Theologie. Er war der Mann, den Gott für Gemma vorbereitet hatte.

 

Ein Brief aus dem Nichts

Gemma hatte P. Germano nie gesehen, nie von ihm gehört, nicht einmal gewusst, dass er existierte. Und doch kannte sie ihn – seinem Alter, seinem Charakter und sogar dem Aussehen nach. In einer göttlichen Erleuchtung wurde ihr offenbart, dass dieser Passionist in Rom derjenige sei, der ihre geistliche Leitung übernehmen sollte. Im Januar 1900 schrieb sie ihm den ersten Brief – an einen völlig Fremden, sechshundert Kilometer entfernt. In einem späteren Brief berichtete sie, was Jesus ihr aufgetragen hatte: „Tochter, schreibe nur dem Pater, dein Beichtvater würde gerne mit ihm in Beziehung treten. Er solle das tun, denn es ist so mein Wille.“ Tatsächlich hatte Monsignore Volpi, Gemmas Beichtvater, im Innersten seines Herzens dieselbe Stimme vernommen.

 

Die erste Begegnung

Im September 1900 reiste P. Germano nach Lucca. Er selbst gestand später: „Grundsätzlich konnte ich mich immer schwer dazu verstehen, solche Sachen zu glauben, besonders wenn es sich um Frauenspersonen handelt.“ Doch als er vor Gemma stand, änderte sich alles: „Ich gestehe offen: als ich vor ihr stand, verspürte ich in meiner Seele lebendige Gefühle der Hochachtung und Verehrung für sie, als befände ich mich vor einem himmlischen Wesen.“ Es war ein Donnerstag. Während des Abendessens zog Gemma sich plötzlich zurück – sie fühlte eine Ekstase nahen. Tante Cecilia holte P. Germano. Was er dann in Gemmas Zimmer erlebte, nannte er das rührendste Schauspiel seines Lebens: Gemma rang in der Ekstase mit der göttlichen Gerechtigkeit um die Bekehrung eines Sünders. Sie flehte, kämpfte, weinte, argumentierte mit Jesus. Eine halbe Stunde dauerte die Szene. Dann klopfte es an P. Germanos Tür. Ein Fremder bat um eine Beichte. Es war genau jener Sünder, für den Gemma soeben gerungen hatte. Er klagte sich über dieselben Verfehlungen an, die P. Germano eben in der Ekstase gehört hatte – Punkt für Punkt. „Eine einzige vergaß er, ich konnte ihn sogleich daran erinnern.“

 

Drei Jahre Prüfung

P. Germano ließ es nicht bei der Bewunderung. Drei Jahre lang unterwarf er Gemma strengsten Prüfungen – auf der Grundlage der aszetischen und mystischen Theologie ebenso wie der modernen physiologischen Wissenschaften. Er ließ keine einzige Probe aus, wie er betonte, und keine einzige täuschte ihn. Das Ergebnis stand fest: Was in Gemma geschah, war echt. P. Germano ordnete an, dass Gemma ihre inneren Erlebnisse von Fall zu Fall vollständig der Tante Cecilia anvertrauen müsse und ihr nicht eines davon verschweigen dürfe. Was Cecilia so erfuhr, berichtete sie P. Germano, der daraufhin seine Weisungen gab. Außerdem wies er die Familienmitglieder an, Gemmas Worte während der Ekstasen schriftlich festzuhalten. Auf diese Weise konnten hundertfünfzig Gespräche genau aufgeschrieben werden. Es war ein System der geistlichen Führung auf Distanz – denn P. Germano lebte in Rom und konnte nur selten nach Lucca kommen.

 

Gehorsam bis zum Äußersten

Das Herzstück der Beziehung war der Gehorsam. Gemma gehorchte P. Germano mit einer Absolutheit, die selbst ihn erstaunte. Er verbot ihr, auf Jesus zu achten – und sie gehorchte. Er befahl ihr, während der Kommunion-Danksagung aufzuhören – und sie stand sofort auf. Er wies sie in der Ekstase zurecht, am Tisch solle sie nicht beten – und Gemma erblasste, zitterte, gehorchte aber. Gemma selbst schrieb darüber: „Welche Versuche mein guter Jesus doch macht! Allein ich stehe unentwegt auf Seiten des Gehorsams, mag es mich auch viele Mühe kosten. O teures Opfer! O schöner und lieber Gehorsam!“ Einmal schien es ihr, als sehe sie den Heiland ganz von Wunden bedeckt, der sie einlud, näher zu treten. Doch P. Germano hatte es verboten. Gemma widerstand – und gehorchte dem Seelenführer gegen Jesus selbst. Umgekehrt bat Gemma ihren Seelenführer ständig um Urteil: „Sagen Sie es mir, mein Pater, darf ich glauben, dass es Jesus ist? Oder ist es der Teufel oder meine Einbildungskraft?“ Sie wollte sich nie auf ihre eigene Einsicht verlassen. Und P. Germano nahm diese Verantwortung an – mit der ganzen Strenge eines Gelehrten und der ganzen Zärtlichkeit eines geistlichen Vaters.

 

„Wie oft habe ich geweint über ihre Briefe“

Die Korrespondenz zwischen Gemma und P. Germano gehört zu den kostbarsten Dokumenten der christlichen Mystik. In Gesprächen war Gemma wortkarg. Doch beim Schreiben war es anders: „Ihre Briefe waren stets so abgefasst, wie man es besser nicht wünschen konnte. Wie oft habe ich geweint aus Rührung und Staunen über ihre Briefe! Wie manches Mal habe ich den heiligen Drang in mir verspürt, Gott jene wunderbaren Blätter, die Frucht seiner Gnade, mit erhobenen Armen darzubieten.“ Gemma berichtete darin alles, was Jesus ihr aufgetragen hatte, mit kindlicher Offenheit und dem stehenden Zusatz: „Jesus hat so und so gesagt und mir aufgetragen, alles Ihnen zu berichten. Sollte ich nicht recht verstanden haben, so lassen Sie es von ihm selbst besser erklären.“ Und doch fiel es ihr unsagbar schwer. Sie nannte ihre inneren Erlebnisse die „Dinge mit Jesus“ und konnte nur äußerst mühsam dazu bewogen werden, auch nur ein Wort darüber zu sagen oder zu schreiben. Das Erschließen ihres Inneren verursachte ihr Qualen. Nur der Gehorsam brachte sie dazu. Satans Angriff auf die Beziehung Der Teufel verstand genau, welche Bedeutung P. Germano für Gemma hatte. Darum versuchte er, die Beziehung zu zerstören. Er stellte Gemma den Seelenführer als unwissenden, fanatischen, im Irrwahn befangenen Menschen dar und flößte ihr solchen Schrecken ein, dass sie zeitweilig nicht mehr wagte, ihm zu schreiben. Ein anderes Mal behauptete Satan, Gemmas Briefe an P. Germano würden wie ein Schatz aufbewahrt werden – um sie zum Hochmut zu verleiten. Gemma durchschaute die Versuchung und hielt am Gehorsam fest. Mitten in den schlimmsten Anfechtungen fand sie Trost darin, sich an den geistlichen Vater zu wenden und von ihm Rat und Leitung zu erhalten.

 

Der letzte Besuch

Im Oktober 1902, als Gemma bereits schwer erkrankt war, besuchte P. Germano sie ein letztes Mal in Lucca. Er fand sie im Bett, abgezehrt, und merkte sofort, dass Gott diesmal Ernst machen wollte.

Er setzte sich neben sie und fragte: „Was tun wir nun, Gemma?“ – „Wir gehen zu Jesus, Pater!“ erwiderte sie im Ton unaussprechlicher Freude. Als er einwandte, er wolle nicht, dass sie jetzt sterbe, sagte sie schlicht: „Wenn aber Jesus wollte, was dann?“ Sie besprachen die Einzelheiten ihres Todes – Sterbesakramente, Aufbahrung, Beerdigung – mit einer Unbefangenheit, als handele es sich um einen Wohnungswechsel. Am nächsten Morgen empfing Gemma die Wegzehrung, gekleidet wie eine Braut, in tiefster Ekstase. Der Priester erstarrte beim Anblick ihres verklärten Antlitzes. Auch P. Germano, der an solche Augenblicke gewöhnt war, kamen die Tränen. Diese Szene, schrieb er später, werde ihm unvergesslich bleiben. Dann fragte er: „Gemma, wie lange wird es noch gehen? Ich möchte abreisen.“ Sie antwortete: „Vorderhand werde ich nicht sterben. Dieser Krankheit werde ich sicher zum Opfer fallen, aber nicht jetzt.“ Er gab ihr den letzten Segen. Er sollte Gemma auf dieser Erde nicht mehr sehen.

 

Nach Gemmas Tod: Sünder an der Klosterpforte

Gemma starb am 11. April 1903. P. Germano war nicht dabei. Aber die Verbindung riss nicht ab. In den Jahren nach ihrem Tod geschahen seltsame Dinge. Eines Tages erschien ein Fremder im Passionistenkloster SS. Giovanni e Paolo in Rom und verlangte nach P. Germano. Der Pater fragte erstaunt, woher der Mann ihn kenne. Der Fremde bat um ein Gespräch unter vier Augen und sagte dann: „Zu Ihnen sendet mich Gemma. Sie hat mich aufgerüttelt aus dem Sündenschlaf. Sie hat in mein Ohr, aber noch mehr in mein Herz die Worte gesprochen: ‚Gehe nach Rom, suche einen gewissen Pater Germano. Zögere nicht länger.‘“ Kurz vor seinem eigenen Tod im Dezember 1909 gestand P. Germano einem Mitbruder: „Heute hat mich ein Sünder, den Gemma mir zugeschickt, volle drei Stunden hingehalten. Wenn ich nicht bald von Rom abreise, kann ich es nicht mehr leisten. Schon seit einiger Zeit sendet mir Gemma wiederholt solche Sünder. Sie können es gar nicht glauben, Pater, wie ich vor Rührung weinen muss.“

 

Zwei Ehrwürdige

P. Germano starb am 11. Dezember 1909 an einem Gehirnschlag. Noch drei Stunden zuvor hatte er an der Korrektur der zweiten Auflage von Gemmas Biografie gearbeitet. Sein ganzes spätes Lebenswerk war Gemma gewidmet gewesen: die Biografie, die Briefsammlung, der Seligsprechungsprozess, den er als Postulator einleitete. Er hatte auch die Biografie des sel. Gabriel Possenti geschrieben – jenes Passionisten, der Gemma im Leben erschienen war und der die beiden auf geheimnisvolle Weise verband. Heute ruhen P. Germanos sterbliche Überreste im Santuario di Santa Gemma in Lucca – neben der Heiligen, deren Seelenführer er war. Auch er trägt den Titel „Ehrwürdig“. Sein Seligsprechungsverfahren ist eröffnet. Es gibt wohl wenige Beziehungen in der Kirchengeschichte, die so fruchtbar waren wie diese: Ein skeptischer Gelehrter und eine ungebildete Mystikerin. Ein Mann, der in Rom lebte, und ein Mädchen, das in Lucca starb. Er prüfte sie, sie gehorchte ihm, er weinte über ihre Briefe, sie sandte ihm vom Himmel Sünder. Am Ende ruhen sie nebeneinander, zwei Ehrwürdige, und warten gemeinsam auf die Ehre der Altäre.