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Um 18 Uhr bei Jesus - Gemma Galgani und die Anbetung des Allerheiligsten

 

Es gibt in Gemma Galganis Tagesordnung einen Eintrag, der leicht übersehen wird. Er steht zwischen der täglichen Kommunion am Morgen und dem abendlichen Rosenkranz, schlicht und ohne viel Erläuterung: „Um 18 Uhr: Besuch beim Allerheiligsten.“ Täglich. Nicht wenn Zeit war. Nicht wenn sie sich gut fühlte. Täglich, um 18 Uhr, ging Gemma Galgani in die Kirche und blieb bei Jesus im Allerheiligsten Sakrament. Das ist nicht dieselbe Handlung wie die Kommunion am Morgen. Es ist etwas anderes – stiller, unscheinbarer, ohne Sakramentenempfang, ohne sichtbares Geschehen. Einfach: hingehen, bleiben, schweigen.

 

Was Anbetung ist

Die Anbetung des Allerheiligsten – der Besuch beim ausgesetzten oder im Tabernakel geborgenen Leib Christi – hat in der kirchlichen Frömmigkeit eine lange Geschichte. Schon im frühen Mittelalter entwickelte sich die Praxis, außerhalb der Messe bei der eucharistischen Gegenwart Jesu zu verweilen. Nicht um zu empfangen. Nicht um etwas zu tun. Sondern um zu sein – bei dem, der ist. Der Theologe Romano Guardini hat das einmal so formuliert: Die Anbetung ist die reinste Form des Gebets, weil sie nichts will. Sie bringt keine Bitte, keine Danksagung, keine Beichte. Sie bringt nur sich selbst – und stellt sich vor den, der alles ist. Gemma hat das nicht aus Büchern gelernt. Sie hat es einfach getan.

 

18 Uhr: warum dieser Moment?

Der Tagesrhythmus Gemmas war klar strukturiert. Der Morgen gehörte der Kommunion, dem Morgengebet, den Pflichten im Haus. Der späte Abend gehörte dem Rosenkranz, der Heiligen Stunde am Donnerstag, dem Nachtgebet. Und der Übergang vom Tag zum Abend – jene Stunde, in der die Arbeit endet und die Stille beginnt – gehörte dem Besuch beim Allerheiligsten. 18 Uhr ist in der italienischen Kirchentradition oft die Stunde der Vesper, des Abendgebets der Kirche. Es ist die Stunde, in der das Tageslicht nachlässt. Die Stunde, die in der Passion Christi bedeutsam ist: um die sechste Stunde, sagt das Evangelium, trat Finsternis über das ganze Land. Ob Gemma das bewusst so gewählt hat, wissen wir nicht. Was wir wissen: Es war ihr fester Punkt. In einer Zeit ohne Handy, ohne Terminkalender, ohne viele Ablenkungen – aber auch in einer Zeit mit Haushaltspflichten, mit der Giannini-Familie, mit den Anforderungen des Alltags – hielt sie diesen Punkt.

 

Was dort geschah

Gemma hat selten beschrieben, was in diesen Stunden der Anbetung in ihr vorging. Das ist kein Zufall. Die Anbetung war für sie kein Gebet, das man in Worte fasst – sie war ein Schweigen, das man hält.

Aber einige Briefe geben Hinweise. An P. Germano schreibt sie: "Gestern, in der Gegenwart Jesu im Allerheiligsten Sakrament, fühlte ich mich so heftig brennen, dass ich gehen musste. Ich war erstaunt, dass so viele so nahe bei Jesus bleiben konnten, ohne zu Asche zu werden.“ Dieser Satz ist einer der erstaunlichsten, die Gemma je geschrieben hat. Sie beschreibt keine Vision, keine Erscheinung, keine mystische Erfahrung im engeren Sinne. Sie beschreibt die einfache Gegenwart Jesu im Tabernakel – und die Wirkung, die diese Gegenwart auf sie hat: Feuer. So viel Feuer, dass sie aufstehen und gehen muss. Und dann die stille Verwunderung: Wie können die anderen so ruhig sitzen? Sehen sie nicht, wer dort ist?

 

Anbetung und Kommunion: zwei Seiten einer Liebe

Die Kommunion am Morgen und der Besuch beim Allerheiligsten am Abend sind nicht zwei verschiedene Formen der Euächaristiefrommigkeit – sie sind zwei Bewegungen derselben Liebe. Die Kommunion ist Empfangen: Jesus kommt zu mir. Die Anbetung ist Hingehen: Ich gehe zu Jesus. Die eine Bewegung geht von Gott zum Menschen. Die andere geht vom Menschen zu Gott. Zusammen bilden sie den Rhythmus einer Liebesbeziehung. Gemma hat das nie so formuliert. Aber sie hat es täglich gelebt. Morgens empfing sie Jesus. Abends suchte sie ihn. Dazwischen lag der Alltag – mit all seinen Pflichten, Ablenkungen und Freuden – aber er war eingerahmt von diesen beiden Bewegungen. P. Germano schreibt darüber: „Für Gemma war die Eucharistie nicht eine Andacht unter anderen. Sie war der Mittelpunkt, um den sich alles andere ordnete. Die Kommunion am Morgen gab ihr Kraft für den Tag. Der Besuch am Abend gab ihr Frieden für die Nacht. Zwischen beiden lag ein Leben, das sie Jesus geweiht hatte.“

 

Mit den Tanten, und doch allein

P. Germano erzählt, dass Gemma in den Jahren nach dem Tod ihres Vaters oft mit ihren Tanten zur Messe und zum Besuch beim Allerheiligsten ging. Diese Tanten – fromme Frauen, die sich ihrer Nichte herzlich annahmen – gaben ihr in einer schweren Zeit Halt und Begleitung. Aber auch in der Gemeinschaft blieb der Besuch beim Allerheiligsten für Gemma ein zutiefst persönlicher Moment. Man kann mit anderen in die Kirche gehen und doch allein mit Gott sein. Das ist das Wesen der Anbetung: Sie ist nicht exklusiv – sie schließt niemanden aus – aber sie ist intim. Jeder steht selbst vor dem Tabernakel. Cäcilia Giannini bezeugte, dass Gemma nach der Kommunion und nach dem Besuch beim Allerheiligsten manchmal lange an der Kommunionbank verweilte – in einem Schweigen, das die anderen respektierten, ohne es zu verstehen.

 

Auch in der Krankheit

Als Gemma in ihrer letzten Krankheit nicht mehr die Kraft hatte, täglich zur Kommunion zu gehen, litt sie tief. Aber noch länger, als die Kommunion bereits unmöglich war, versuchte sie, wenigstens den Besuch beim Allerheiligsten zu halten. Cäcilia schreibt: „Trotz der Schwäche schleppte sie sich, solange sie irgend konnte, täglich zur Kirche. Ihr Herz zog sie hin. Wir konnten sie nicht zurückhalten.“ Erst als der Körper es schlechterdings nicht mehr zuließ, hörte sie auf. Und dann – das bezeugen mehrere Mitglieder der Familie Giannini – richtete sie ihren Blick von ihrem Krankenbett aus in Richtung der Kirche. Als könnte sie so noch hingehen.

 

Was Gemmas Anbetung uns sagt

In einer Zeit, in der das Gebet oft laut, gestaltet und ergebnisorientiert sein muss, ist Gemmas stiller täglicher Besuch ein Zeugnis für etwas anderes: dass das Wichtigste im Gebet nicht das ist, was wir sagen – sondern dass wir hingehen. Die Anbetung des Allerheiligsten verlangt nichts außer Anwesenheit. Keine Vorbereitung, keine bestimmte Gebetstechnik, keine spirituellen Erfahrungen. Man kann müde hineingehen, leer, zerstreut, traurig. Das ändert nichts an dem, der dort ist. Gemma wusste das. Und deshalb ging sie – müde oder nicht, krank oder gesund, getröstet oder trostlos – jeden Abend um 18 Uhr. Nicht weil sie etwas fühlte. Sondern weil er dort war. „Ich war erstaunt, dass so viele so nahe bei Jesus bleiben konnten, ohne zu Asche zu werden.“ Vielleicht ist das die tiefste Einladung, die Gemma uns hinterlassen hat: Geht hin. Setzt euch. Bleibt. Und lasst euch verbrennen.

 

„Gestern, in der Gegenwart Jesu im Allerheiligsten, fühlte ich mich so heftig brennen, dass ich gehen musste.“ — Gemma Galgani, Brief an P. Germano

 

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