Es gibt Szenen aus dem Leben der Heiligen, die man nicht inszenieren kann. Die einfach geschehen – unbeabsichtigt, fliehend, aus der Tiefe des Alltags heraus. Diese hier ist eine davon. Gemma Galgani und P. Germano beten gemeinsam das Stundengebet. Die Szene ist auf den ersten Blick unspektakulär: ein Priester und ein junges Mädchen, Seite an Seite, Seiten wendend, Latein betend. Aber dann – mitten im Gebet – entrückt Gemma. Ihre Augen leuchten. Ein Engel, oder der König der Engel, ist für sie sichtbar. Jemand, vielleicht der Engel, wendet ihr die Seiten. Sie betet weiter, ohne innezuhalten. Als sie zurückkehrt, sieht sie P. Germanos Gesicht. Und bemerkt: Tränen.
Das Lateinische, das sie nicht gelernt hat
Rubatscher hält zunächst etwas fest, das man nicht übergehen darf: Gemma hat nie Latein gelernt. Sie wurde früh der Schule entrissen – nach dem Tod der Mutter, nach dem finanziellen Ruin der Familie. Das Brevier der Priester, das sie mit P. Germano betet, ist in einer Sprache, die sie dem Buchstaben nach nicht kannte. „Weil sie im Allerinnersten der Kirche lebt, ist ihr auch deren Sprache kund. Und wer wie sie ist tiefer eingedrungen in den Geist dieser Lesungen und Gebete; wer wie sie ist Glut von der Glut dieser Psalmen und Hymnen, Responsorien und Antiphonen!“ (Maria Veronika Rubatscher: Bei Gemma Galgani, Band II, S. 570) „Glut von der Glut“ – das ist Rubatschers Formel für das, was Gemma mit dem Gebet der Kirche verband. Nicht grammatisches Wissen. Nicht philologisches Verständnis. Sondern dasselbe Feuer, das diese Texte einst ausgelöst hatte – und das in ihr einfach weiterbrannte.
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Die Tränen des Theologen
P. Germano war, wie wir wissen, kein leicht gerührter Mann. Er war Theologe, Philosoph, Mathematiker, Archäologe – ein Mann des Verstandes, der Gemma zunächst mit größter Skepsis begegnet war und sogar den Exorzismus empfohlen hatte. Rubatscher nennt ihn „Mann der großen Klugheit und Selbstbeherrschung“: Er ließ sich selten überraschen. Noch seltener ließ er seine Bewunderung für Gemma sehen. Aber in diesem Moment hat er nicht aufgepasst. Die Tränen sind da, bevor er sie zurückhalten kann. Und Gemma sieht sie. Sie kehrt aus der Ekstase zurück, schaut P. Germano an – und lacht. Mit jener kindlichen Schalkhaftigkeit, die alle, die sie kannten, bezeugen. Und sagt: „Oh che babbo tenerone!“ „Oh, was für ein weichherziger Vater!“ – tenerone, das bedeutet: der Zarte, der Weiche, der leicht Gerührte. Im Italienischen klingt es zärtlich und neckend zugleich. Kein Vorwurf. Kein Spott. Liebevolle Neckerei – von einer Tochter, die ihren Vater kennt.
Babbo - das Wort, das alles sagt
„Babbo“ ist das toskanische Wort für Vater – herzlicher, persönlicher als das neutrale „padre“. In der Toskana sagen Kinder „babbo“ zu ihrem Vater, wie Kinder anderswo „Papa“ sagen. Gemma nannte P. Germano „mia Papa“, manchmal „babbo“. Es war ihr Wort für ihn. Das ist theologisch bedeutsam. Gemma hatte mit acht Jahren die Mutter verloren, mit neunzehn den Vater. Die Familie, die sie kannte, war durch Tod und Armut zerbrochen. Und dann kam P. Germano – der Skeptiker, der Prüfer, der Theologe – und wurde ihr Vater. Nicht durch Blut, nicht durch Adoption, sondern durch das Geheimnis der geistlichen Vaterschaft. „Babbo tenerone“ ist das schönste Zeugnis dafür, wie tief diese Verbindung war. Man nennt jemanden nicht so, wenn man ihn fürchtet. Man nennt ihn so, wenn man ihn liebt.
P. Germanos Zurückhaltung - und was dahinter steckt
Rubatscher schließt die Szene mit einem Satz, der nachdenklich macht: Nur wenige Jahre später wird P. Germano „den katholischen Erdkreis für Gemma Galgani erfüllen“. Er schreibt die Biografie. Er betreibt den Seligsprechungsprozess. Er wird der wichtigste Zeuge und Anwalt ihres Lebens. Aber das weiß er in diesem Moment noch nicht. Er sitzt neben ihr, betet das Stundengebet, es kommen ihm die Tränen. Und versucht, es zu verbergen. Dass er es nicht ganz schafft – dass Gemma ihn erwischt – und dass sie daraufhin lacht und sagt: „Oh che babbo tenerone“ – das ist vielleicht die menschlichste Szene in der ganzen Geschichte dieser außergewöhnlichen Freundschaft. Zwei Menschen. Ein Gebet. Eine Ekstase. Tränen. Ein Lachen. Und ein Wort, das alles zusammenfasst: babbo.
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