Wer die Briefe der heiligen Gemma Galgani liest – über 100 an P. Germano allein, dazu viele an Bischof Volpi, an Cäcilia Giannini und andere – fragt sich unwillkürlich: Wann hat sie das geschrieben? Und wo?
Maria Veronika Rubatscher, die in ihrem zweibändigen Werk „Bei Gemma Galgani“ aus vielerlei Quellen geschöpft hat (hier aus dem Vorwort P. Germanos zu Gemmas Briefen), gibt darauf eine Antwort, die man nicht vergisst.
Das kleine Tintenfass im Sack
„Jede Zeit, jeder Ort war ihr gut genug. Um nicht jedesmal genötigt zu sein, das Schreibzimmer aufzusuchen, trug sie beständig ein kleines Tintenfass im Sack, wie man es auf Reisen hat. Das erste beste Blatt Papier, das ihr unterkam, nahm sie, und wo sie eben war: in der Küche, im Hof des Hauses, im Arbeitszimmer, sitzend oder stehend, schrieb sie nieder, was ihr das Herz eingab.“ (Maria Veronika Rubatscher: Bei Gemma Galgani, Band II, S. 521) Ein kleines Tintenfass im Sack. Das ist das Detail, das alles sagt. Gemma wartete nicht auf den richtigen Moment, den ruhigen Abend, das freie Zimmer. Sie trug die Möglichkeit des Schreibens einfach mit sich – wie andere einen Rosenkranz in der Tasche tragen. Küche, Hof, Arbeitszimmer. Sitzend oder stehend. Das erste beste Blatt Papier. In einer Viertelstunde drei oder vier Seiten – in bester Kalligraphie, wie Rubatscher ausdrücklich betont. Nicht gekritzelt in der Eile. Sorgfältig geschrieben, schnell und schön zugleich.
Die kleinen Zettel an P. Germano
Gegenüber ihrem Seelenführer P. Germano ließ Gemma noch weniger Umstände walten. Rubatscher schreibt: „Nur dem Seelenführer gegenüber gab sie sich vertraulicher und so finden sich denn die erhabenen Dinge, von denen sie ihm schrieb, oft genug auf kleinen und ungleichen Stücklein Papier, die ein anderer nur mühsam hätte aneinander fügen und entziffern können.“ Kleine und ungleiche Stücklein Papier. Was auf diesen Zetteln stand, waren keine Alltagsnotizen. Es waren Ekstasen-Berichte, Seelenzustände, Erscheinungen, Gebete – Dinge, die P. Germano später sorgsam ordnete und in seine Biografie einarbeitete. Der Inhalt war kostbar. Das äußere Gefäß war ein Papierschnipsel. Das sagt etwas über das Verhältnis zwischen Gemma und P. Germano: Sie machte sich keine Umstände. Sie schrieb, wie man einem Vater schreibt – nicht wie man einem Bischof schreibt. Spontan, ungeordnet, mitten im Haus, auf dem nächsten Zettel, den sie fand.
Was diese kleine Geschichte verrät
Man begegnet Gemma Galgani in den meisten Texten als Mystikerin der großen Gesten: Stigmata, Ekstasen, dämonische Kämpfe, Erscheinungen von Heiligen. Das ist alles wahr. Aber daneben gibt es Gemma mit dem Tintenfass im Sack, die in der Küche steht und auf einem Zettel schreibt, während das Wasser kocht. Diese Gemma ist nicht weniger heilig. Sie ist menschlicher. Und vielleicht deshalb näher.
Das Tintenfass im Sack ist das Zeichen einer inneren Haltung: Wer jederzeit schreiben kann, weil er jederzeit schreiben will, hat das Schreiben nicht als Pflicht begriffen, sondern als Atem. Gemmas Briefe sind keine sorgfältig komponierten Traktate. Sie sind Herzensergüsse – schnell, direkt, warm. „Die Feder in ihrer Hand flog nur so dahin“, schreibt Rubatscher. Man spürt das, wenn man sie liest. P. Germano hat diese Zettel, diese kleinen und ungleichen Stücklein Papier, zusammengefügt und entziffert. Er hat sie aufgehoben. Er wusste, was auf ihnen stand. Und wir wissen es heute noch.
QUELLE
Maria Veronika Rubatscher: Bei Gemma Galgani. EOS-Verlag St. Ottilien, 1950. Band II, S. 521.
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