Am 2. Mai 1940 wurde Gemma Galgani in der Peterskirche zu Rom von Papst Pius XII. feierlich heiliggesprochen. Unter den Tausenden, die diesem Ereignis beiwohnten, befand sich eine betagte Ordensfrau, die den Weg von Lucca nach Rom auf sich genommen hatte, um ihrer ehemaligen Schülerin die letzte Ehre zu erweisen. Es war Schwester Giulia Sestini, Gemmas frühere Klassenlehrerin am Institut der Schwestern von der heiligen Zita. Fast ein halbes Jahrhundert lag zwischen den Schuljahren, in denen Giulia das lebhafte Mädchen unterrichtet hatte, und diesem feierlichen Tag auf dem Petersplatz. Die Lehrerin hatte überlebt – und sie war gekommen, um zu sehen, was aus dem „kostbaren Kleinod“ geworden war, das sie einst in Händen gehalten hatte.
Zwei Lehrerinnen – ein Weg
Gemma Galgani besuchte von etwa 1888 bis 1894 als Externe das Institut der Oblatinnen des Heiligen Geistes in Lucca, im Volksmund nach der Stadtpatronin „Schwestern von der heiligen Zita“ oder kurz „Zitine-Schwestern“ genannt. Die Schule war von Elena Guerra gegründet worden, die als Oberin und geistliche Leiterin des Instituts wirkte. Die tägliche Erziehungsarbeit an den Zöglingen lag jedoch in den Händen einzelner Lehrerinnen, und hier begegnete Gemma nacheinander zwei Frauen, die ihr inneres Leben nachhaltig prägten.
Die erste war Schwester Camilla Vagliensi. Sie war es, die Gemma als erste auf die Betrachtung des Leidens Christi hinwies. Padre Germano überliefert Gemmas Worte über sie: „Gemma, du gehörst Jesus an und sollst ihm ganz angehören. Bleibe brav; Jesus ist mit dir zufrieden, aber du bedarfst noch so sehr der Unterstützung. Die Betrachtung über sein Leiden muss dir das Teuerste sein.“ Gemma schrieb dazu in ihrer Autobiografie: „Diese treffliche Lehrerin hatte meinen Gedanken erraten.“ Schwester Camilla starb im März 1888, und Gemma verlor in ihr eine erste geistliche Führerin. Ihre Nachfolgerin wurde Schwester Giulia Sestini, die Padre Germano als eine Ordensfrau beschreibt, die mit einem besonderen Geist des Gebetes begabt war. Giulia trat in Schwester Camillas Fußstapfen und führte die geistliche Erziehung Gemmas nahtlos weiter – ja, sie vertiefte sie. Während Camilla den Grund gelegt hatte, baute Giulia darauf auf.
Das Zeugnis der Schwester Giulia
Padre Germano, Gemmas Seelenführer und erster Biograf, stützt sich in seiner Lebensbeschreibung an entscheidenden Stellen auf das ausführliche Zeugnis der Schwester Giulia Sestini. Es ist eines der wichtigsten Quellendokumente über Gemmas Kindheit und Jugend, denn Giulia war diejenige Schwester, die „infolge ihres Amtes mehr als die andern mit Gemma zu verkehren hatte“. Was Giulia über Gemma aussagte, hat den Charakter eines liebevollen, aber nüchternen Porträts. Sie beschrieb Gemma als ein Mädchen mit lebhaftem Temperament, das andere Zeugen bestätigten: Gemma war von Natur aus lebhaft, ja feurig, und nur die Gewalt, die sie sich beständig antat, verhinderte, dass sie – wie manche sich auszudrücken pflegten – ein rechter Wildfang wurde. Giulia sah tiefer als die Oberfläche. Vom ersten Tag an, bezeugte sie, habe sie Gemma für eine Seele gehalten, die Gott sehr teuer, vor der Welt aber völlig verborgen war. Zugleich gestand Giulia ehrlich ein, dass auch sie Gemma nicht immer richtig eingeschätzt hatte. Sie nannte sie anfangs manchmal „stolz“ – wie andere Lehrerinnen auch. Gemma selbst notierte in ihrer Autobiografie, die Lehrerin habe sie oft ein stolzes Mädchen genannt. Doch Giulia korrigierte sich. Sie sagte zu Gemma jenen Satz, der in die Biografie eingegangen ist: „Gemma, Gemma, wenn ich dich nicht in deinen Augen lesen könnte, würde ich dich beurteilen wie die anderen.“ Dieses Wort offenbart zweierlei: Giulia erkannte, dass die Schülerin, die andere für stolz hielten, in Wirklichkeit ein inneres Leben führte, das den meisten verborgen blieb. Und sie besаß die Demut, ihr eigenes Fehlurteil einzugestehen. Nicht jede Lehrerin hätte das getan.
Die Passion als Belohnung
Das Bemerkenswerteste an Giulia Sestinis Erziehung war die Art, wie sie Gemma das Geheimnis des Kreuzes nahe brachte. Es geschah nicht als Pflichtprogramm, sondern als Vereinbarung zwischen Lehrerin und Schülerin, die in der Geschichte der Pädagogik einzigartig sein dürfte. Gemma brannte darauf, das Leiden Christi tiefer zu verstehen. Sie bat Schwester Giulia immer und immer wieder darum. Giulia erklärte sich schließlich bereit – unter einer Bedingung: An jedem Tag, an dem Gemma im Lernen und Arbeiten die erste Note davontrug, wollte sie ihr vom Geheimnis des Kreuzes erzählen. Padre Germano überliefert Gemmas Reaktion: „Gibt es einen schöneren Lohn als diesen?“ Von diesem Tag an erwarb sich Gemma fast immer die Bestnote. So wurde das Leiden Christi zur Belohnung für schulischen Fleiß. Was eine andere Schülerin als Strafe empfunden hätte – eine Erzählung über Schmerz und Tod –, war für Gemma der größte Preis, den sie gewinnen konnte. Und Giulia Sestini verstand das. Sie erkannte, dass dieses Mädchen anders war als alle anderen, und fand den richtigen Schlüssel: nicht Zwang, sondern Ansporn; nicht Belehrung von oben, sondern eine Verabredung auf Augenhöhe. Was bei diesen täglichen Gesprächen geschah, ging über normalen Unterricht hinaus. Gemma erinnerte sich: „Wie oft musste ich bei der Erinnerung an Jesus, der aus Liebe zu uns Undankbaren so vieles getan und gelitten hat, zugleich mit meiner Lehrerin weinen.“ Lehrerin und Schülerin weinten gemeinsam über die Passion Christi. Es war nicht mehr Pädagogik im herkömmlichen Sinne, es war gemeinsames Gebet. Auf Giulias Rat hin begann Gemma auch, sich strenge Abtötung der Augen, der Zunge, der übrigen Sinne und vor allem des eigenen Willens aufzuerlegen. Giulia sprach mit ihr über verschiedene Bußwerkzeuge, woraufhin das eifrige Mädchen einige beschaffte und sich selbst anpasste. Doch der Gebrauch solcher Werkzeuge wurde ihr trotz aller Bitten niemals gestattet. Stattdessen übte Gemma unter Giulias Anleitung jene unsichtbare Abtötung des Willens, die sie für den Rest ihres Lebens auszeichnen sollte.
Ein Mädchen, das nicht spielen wollte
Schwester Giulia gab auch ein lebhaftes Bild von Gemmas Eigenart in der Schule. Sie bezeugte, Gemma habe keinerlei Neigung oder Verlangen nach Spielen gehabt. Wenn der Gehorsam sie zwang, an Schulaufführungen oder Konzerten teilzunehmen, sei ihr Auftreten stets erbaulich und ernst gewesen. In den täglichen Erholungspausen zog sie es vor, allein zu sein oder bei der Lehrerin zu bleiben. Giulia versuchte gegenzusteuern: „Geh, Gemma, und sei nicht so eigenbrötlerisch!“ – und Gemma gehorchte bereitwillig und ging zu ihren Mitschülerinnen. Das zeigt die Dynamik zwischen den beiden: Giulia war keine Lehrerin, die Gemmas Sonderstellung förderte oder sie verhätschelte. Im Gegenteil – sie drängte sie zur Normalität, zum Mitmachen, zum Geselligsein. Sie wusste, dass echte Heiligkeit sich nicht in Absonderung bewahren lässt. Und doch respektierte Giulia das Ungewöhnliche an Gemma. Sie bezeugte, wie hingebungsvoll Gemma die Altäre in der Kapelle und in den Klassenräumen pflegte und schmückte, ohne dass jemand sie dazu auffordern musste. Die Tage, an denen der Priester den Katechismus erklärte, waren Gemma besonders lieb. Giulia bemerkte, dass Gemma in den Frömmigkeitsübungen – der morgendlichen Betrachtung und der abendlichen Gewissenserforschung – bereits bewandert war und sich ihnen mit größerem Ernst widmete als alle anderen Zöglinge.
Wer wird zuerst heilig?
Zu den berühmtesten Anekdoten aus Gemmas Schulzeit gehört das Losziehen um die Heiligkeit. Eines Tages fragte eine Lehrerin ihre Schülerinnen, wer von ihnen heilig werden wolle. Alle antworteten wie aus einem Mund: Alle wollten heilig werden. Wer aber würde es zuerst schaffen? Die Lehrerin beschloss, die Frage durch ein Los zu entscheiden. Sie nahm so viele Halme unterschiedlicher Länge, wie Schülerinnen da waren, hielt sie in der Hand und erklärte: Wer den längsten Halm zieht, soll zuerst heilig werden. Gemma zog den längsten Halm. Und was tat sie? Padre Germano überliefert die Beobachtung der Schwester Giulia Sestini: Gemma lief nicht in die Kapelle, um zu beten, wie die selige Bartolomea Capitanio es in einer ähnlichen Situation getan hatte. Nein – Gemma tanzte vor Freude und rief aus: „Ja! Ich will danach streben, eine Heilige zu werden!“ Die spätere Stigmatisierte und Mystikerin war in diesem Augenblick einfach nur ein glückliches Kind. Diese Episode zeigt nebenbei, wie aufmerksam Giulia ihre Schülerin beobachtete. Dass sie sich Jahrzehnte später an Gemmas Reaktion erinnerte – an den Tanz, an den Ausruf –, verrrät, dass Giulia schon damals spürte: Hier geschieht etwas Außergewöhnliches.
Das Gebet, das erhört wurde
Ein weiteres Erlebnis, das Giulia Sestini bezeugte, zeigt Gemmas frühes Charisma der Fürsprache. Es war während des Karnevals, die Schülerinnen probten für ein Konzert, als die Oberin den Saal betrat und um Gebete für einen Sterbenden bat, der die letzten Sakramente verweigert hatte. Die Probe wurde unterbrochen, alle beteten. Als das Gebet beendet war, trat Gemma zu Giulia und flüsterte ihr zu: „Unsere Gebete sind erhört.“ Am selben Abend erfuhr Giulia, dass der Mann sich aufrichtig bekehrt hatte und mit allen Tröstungen der Religion gestorben war. Das Mädchen hatte es gewusst, bevor die Nachricht kam. Giulia vergаß diese Begebenheit nie.
Die goldene Medaille
Trotz ihres intensiven Gebetslebens vernachlässigte Gemma ihre Schulpflichten nicht – im Gegenteil. Sie gehörte zu den fleißigsten Schülerinnen. Am Ende des Schuljahres 1893/1894 erhielt sie die goldene Prämie, die nur Zöglingen zuerkannt wurde, die in der Religion das ganze Jahr hindurch stets die Bestnote erlangt hatten. In einem Wettbewerb unter den Kindern der Stadt gewann sie die Goldmedaille in christlicher Lehre. Ihr Vater war so stolz, dass er daran dachte, sie später auf die Universität zu schicken. Gemmas Antwort war klar: „Nein, Vater, die Universität ist nichts für mich.“ Giulia Sestini bestätigte, dass Gemma hohe Fähigkeiten in Literatur, Naturwissenschaften und Mathematik erlangte. Aber es war die Kenntnis der Religion – des Katechismus, der Bibel, der Kirchengeschichte –, in der sie alle übertraf. Die Lehrerin konnte die Schülerin manchmal dazu bewegen, ihre Schularbeiten bei Ausstellungen vorzulegen – Gedichte in der Muttersprache, Arbeiten in Französisch und Arithmetik –, doch das überaus demütige Mädchen tat es nur mit äußerstem Widerstreben.
Der Abschied und der Kuss
Gemmas Schulzeit fand kein natürliches Ende. Ihre Gesundheit, die immer wieder Sorge bereitete, verschlechterte sich so sehr, dass der Arzt ihrem Vater riet, sie aus dem Institut zu nehmen. Der Knochenbrand an ihrem Fuß, den sie lange mit stiller Geduld ertragen hatte, machte ihr das Gehen immer schwerer. Giulia Sestini bezeugte, dass Gemma auch während dieser Krankheit ruhig und ergeben blieb und auf ihrem Bett mehrere Andachtsgegenstände hatte, darunter ein Kruzifix, das sie häufig küsste. Als Gemma die Schule verließ, geschah etwas, das Padre Germano eigens erwähnt: Gemma küsste ihre Lehrerin. Für ein Mädchen, das sich durch Zurückhaltung und Scheu auszeichnete, war dies eine ungewöhnliche Geste. Padre Germano nennt diesen Kuss den letzten Ausdruck der Dankbarkeit für die Sorge, die man ihr in der Schule zuteil werden ließ, wo ihre Seele solche Fortschritte in der Tugend gemacht hatte. Als die Kinder erfuhren, dass Gemma die Schule endgültig verlassen musste, herrschte allgemeine Trauer unter den Mitschülerinnen. Es war ein Abschied, der beide prägte. Die Schülerin nahm die Liebe zur Passion Christi mit, die Giulia in ihr entzündet hatte. Die Lehrerin behielt die Erinnerung an ein Mädchen, das anders war als alle anderen – und von dem sie ahnte, dass es für Großes bestimmt war.
Der Besuch am Krankenbett – und ein Geschenk für die Ewigkeit
Jahre später, als Gemma schwer krank darniederlag – sie litt an einer rätselhaften Krankheit, die wie Meningitis begann und sie monatelang ans Bett fesselte –, besuchte Schwester Giulia ihre ehemalige Schülerin. Um ihr Trost in den Leiden zu bieten, sprach sie ihr von einer frommen Übung, die jeden Donnerstagabend vorgenommen werde zur Erinnerung an den Heiland, der an einem Donnerstagabend sein bitteres Leiden begonnen habe. Es war die Heilige Stunde, die Elena Guerra in ihrem Andachtsbuch „Preghiamo“ niedergeschrieben hatte: eine Stunde des Gebets in Erinnerung an die Todesangst Jesu im Garten Gethsemane. Giulia brachte dieses Buch zu Gemma – und damit ein Geschenk, dessen Tragweite keine der beiden Frauen in jenem Augenblick ermessen konnte. Gemma fand Gefallen daran. Obwohl körperlich sehr schwach, wollte sie die Andacht auch auf dem Krankenbett verrichten. Am Abend des Gründonnerstags 1899 betete sie die Heilige Stunde zum ersten Mal – und empfing dabei eine Vision des gekreuzigten Christus, die ihr ganzes weiteres Leben bestimmen sollte. Von diesem Tag an betete Gemma die Heilige Stunde jeden Donnerstagabend treu bis zu ihrem Tod. Es war die Stunde, in der sie die Stigmata empfing, in der Jesus ihr die Dornenkrone aufdrückte, in der sie die Passion innerlich miterlebte. Schwester Giulia Sestini hatte ihrer ehemaligen Schülerin das Werkzeug in die Hand gelegt, mit dem Gemma den Himmel aufschloss. Was als trröstender Besuch am Krankenbett begonnen hatte, wurde zum Wendepunkt von Gemmas mystischem Leben.
Rom, 2. Mai 1940
Siebenunddreißig Jahre nach Gemmas Tod, am 2. Mai 1940, sprach Papst Pius XII. sie feierlich heilig und nannte sie den „Stern seines Pontifikates“. An diesem Tag war die betagte Schwester Giulia Sestini in Rom, um ihrer ehemaligen Schülerin die Ehre zu erweisen. Es war dieselbe Giulia, die Gemma einst „stolz“ genannt hatte, dieselbe, die sie zum Spielen angetrieben hatte, dieselbe, die jeden Tag mit ihr über die Passion geweint hatte. Man kann sich vorstellen, was in der alten Ordensfrau vorging, als die Glocken des Petersdoms läuteten und der Papst verkündete, dass Gemma Galgani nun eine Heilige der Kirche sei. In jenem Augenblick war Giulia Sestini vielleicht die einzige Person im Petersdom, die Gemma als Kind gekannt hatte – als das lebhafte, feurige Mädchen, das vor Freude tanzte, als es den längsten Halm zog, und das lieber bei der Lehrerin blieb als mit den anderen zu spielen. Giulia hatte Gemma nicht nur unterrichtet. Sie hatte sie gelesen – in ihren Augen, wie sie einst sagte. Und was sie dort las, hatte sich bewahrheitet.
Die stille Lehrerin
Schwester Giulia Sestini gehört nicht zu den großen Gestalten der Kirchengeschichte. Sie hat keine Kongregation gegründet, keine Bücher geschrieben, keine Briefe an Päpste verfasst. Kein Seligsprechungsprozess wurde für sie eröffnet. Und doch steht sie im Zentrum einer der schönsten Heiligengeschichten des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie war die Frau, die Gemma täglich das Leiden Christi erklärte – als Belohnung für gute Noten. Sie war die Frau, die mit Gemma weinte, wenn sie über die Passion sprachen. Sie war die Frau, die Gemma zur Normalität mahnte und sie zugleich in ihrer Einzigartigkeit bestätigte. Sie war die Frau, die der kranken Gemma die Heilige Stunde brachte und damit den Schlüssel zu einem mystischen Leben, das die Welt erstaunen sollte. Und sie war die Frau, die am Ende nach Rom fuhr, um zu sehen, wie aus ihrem „kostbaren Kleinod“ eine Heilige der Kirche wurde. In der Geschichte der Pädagogik gibt es wenige Beispiele einer Lehrerin, die derart tief in das Leben einer Schülerin hineinwirkte – nicht durch Methodik, nicht durch Strenge, sondern durch gemeinsames Gebet, gemeinsames Weinen und eine Aufmerksamkeit des Herzens, die in Gemmas Augen las, was andere nicht sahen. Schwester Giulia Sestini hat keine Bücher hinterlassen. Aber sie hat eine Heilige erzogen. Und das ist mehr.
