Es gibt kein Wort, das Gemma Galganis Verhältnis zur Muttergottes besser beschreibt als dieses eine: Mama. Nicht „Mutter Gottes“, nicht „Heilige Jungfrau“, nicht „Königin des Himmels“ — obwohl Maria all das ist. Gemma sagte „Mama“. Und in diesem Wort liegt eine ganze Theologie der Kindschaft, des Vertrauens und der Zärtlichkeit, die man verstehen muss, um Gemma zu verstehen.
Die Vierjährige vor dem Herzen Mariens
Die früheste Szene, die Gemma mit der Muttergottes verbindet, ist zugleich eine der schönsten. Als Gemma etwa vier Jahre alt war, kam sie für einige Tage nach Porcari zu Verwandten. Die Großmutter fand sie eines Tages in ihrem Zimmer auf den Knien, mit gefalteten Händen, vor einem Bild des Herzens Mariens. Sie rief ihren Sohn, den Militärarzt: „Komm und sieh, wie Gemma betet!“ „Was machst du, Gemma?“ fragte der Onkel. Gemma antwortete: „Geht weg, bitte; ich bete das Ave Maria.“ Der Onkel sagte: „Wenn ich einen Fotoapparat hätte, hätte ich sie fotografiert!“
In dieser Szene ist schon alles da: das Kind vor dem Bild der Mutter, die Andacht, die Vertrautheit — und zugleich die Zurückweisung der Neugierigen, weil zwischen Gemma und Maria etwas geschieht, das Dritte nicht stören sollen.
„Der Herr hat mir die Mutter genommen, aber er hat uns die Muttergottes gelassen“
Als Gemmas Mutter Aurelia im September 1886 an Tuberkulose starb, war Gemma acht Jahre alt. Aurelia hatte ihre Tochter auf dem Schoß gehalten und ihr vom Kruzifix erzählt: „Schau, Gemma, dieser gute Jesus ist für uns am Kreuz gestorben!“ Und Gemma hatte immer wieder gesagt: „Erzähl mir mehr, Mama, erzähl mir mehr.“ Schon vorher, bei der Firmung, hatte eine Stimme im Herzen der Sieben-jährigen gefragt: „Willst du mir deine Mutter geben?“ Gemma hatte mit Ja geantwortet. Nach dem Tod der Mutter geschah etwas, das die Zeugen im Seligsprechungsprozess übereinstimmend berichten: Gemma weinte nicht. Sie sagte nur: „Die Mama ist im Himmel.“ Und sie traf eine Entscheidung, die ihr ganzes weiteres Leben prägen sollte: „Der Herr hat mir die Mutter genommen, aber er hat uns die Muttergottes gelassen.“ Von diesem Tag an war Maria ihre Mutter — nicht im übertragenen Sinn, sondern im wörtlichsten Sinn, den ein Kind dem Wort geben kann. Gemma hatte keine irdische Mutter mehr. Aber sie hatte eine himmlische.
Maria bei der Stigmatisierung — der Mantel
Die tiefste Szene zwischen Gemma und Maria ist die Stigmatisierung am 8. Juni 1899. Gemma beschreibt sie in ihrer Autobiografie: „Ich befand mich in der Gegenwart meiner himmlischen Mutter, mit meinem Schutzengel zu ihrer Rechten. Er hieß mich einen Akt der Reue beten, und als ich geendet hatte, sagte meine liebende Mutter: ‘Tochter, im Namen Jesu seien dir alle deine Sünden vergeben.’ Dann fügte sie hinzu: ‘Jesus, mein Sohn, liebt dich sehr und wünscht, dir eine Gunst zu erweisen. Kannst du dich ihrer würdig zeigen?’ Dann sagte sie: ‘Ich werde dir eine Mutter sein; willst du dich als wahre Tochter erweisen?’ Sie öffnete ihren Mantel und bedeckte mich damit.“ Im selben Augenblick erschien Jesus mit offenen Wunden, aus denen nicht Blut, sondern Flammen kamen, die Gemmas Hände, Füße und Herz berührten. Gemma fühlte sich sterben — „und hätte meine himmlische Mutter mich nicht unter ihrem Mantel gestützt, wäre ich zu Boden gefallen." Maria ist hier nicht Zuschauerin. Sie ist Beteiligte. Sie spricht die Absolution, sie bietet den Mantel, sie stützt Gemma, als die Flammen sie treffen. Ohne Maria wäre Gemma nicht Stigmatisierte geworden — nicht weil die Stigmata von Maria kommen (sie kommen von Jesus), sondern weil Gemma ohne den Mantel Mariens die Begegnung mit dem verwundeten Christus nicht überlebt hätte. Der Mantel ist das Bild der mütterlichen Vermittlung: Maria führt zu Jesus und schützt vor der überwältigenden Kraft seiner Nähe.
„Mama, geh zu Jesus!“ — Gemma spricht mit Maria
In den Ekstasen sprach Gemma mit Maria, wie ein Kind mit seiner Mutter spricht — mit einer Vertrautheit, die manche Umstehende erstaunte, andere rührte. Cäcilia Giannini hörte sie beten: „Mama, mein Beichtvater hat mir etwas aufgetragen. Er hat mich gebeten, für diese Familie zu beten. Ich habe es schon getan. Willst du tun, was ich nicht tun kann! Erlange ihnen große Gnaden, eine unendliche Zahl von Gnaden. Mama, du verstehst, eine unendliche Zahl.“ Und ein anderes Mal: „Mutter, ich empfehle dir dieses Haus und diese Familie. Sage Jesus, er möge ihnen helfen in der Stunde der Trübsal. Aber wenn er seine Hand schwer auf sie legen will, bin ich hier, und er möge sie auf mich legen statt auf sie.“ Das Bemerkenswerte an diesen Gebeten ist der Ton. Gemma „bittet“ Maria nicht im formellen Sinn — sie „sagt“ ihr etwas, sie „trägt ihr auf“, sie verhandelt. „Sage Jesus, er kann dir nicht Nein sagen!“ Das ist die Sprache eines Kindes, das weiß, dass die Mutter beim Vater alles erreichen kann — und das diese Macht der Mutter nicht als theologisches Prinzip kennt, sondern aus Erfahrung.
Maria auf dem Schoß — und Maria mit dem Jesuskind
Es gab Ekstasen, in denen Maria Gemma auf ihren Schoß nahm und an ihre Schulter lehnte. Gemma beschreibt eine solche Szene: „Es schien mir, dass sie mich, nachdem einige Augenblicke großer Ergriffenheit vergangen waren, auf ihren Schoß nahm und meinen Kopf an ihre Schulter lehnte und mich so eine Weile hielt. Mein Herz war voll Zufriedenheit; ich fühlte, dass mir nichts fehlte.“ Dann begann ein Gespräch, das von fast spielerischer Zärtlichkeit ist: „‘Bin ich die Einzige, die du liebst?’ fragte sie mich von Zeit zu Zeit. ‘Oh nein’, antwortete ich, ‘ich liebe eine andere Person mehr als dich.’ ‘Und wer ist es?’ sagte sie und tat, als wüsste sie es nicht. ‘Es ist jemand, der mir sehr lieb ist, lieber als alles andere auf der Welt.’ ‘Aber sag mir, wer er ist?’ ‘Ich meine Jesus.’ Sie lächelte und drückte mich an sich und sagte: ‘Liebe ihn sehr; liebe ihn von ganzem Herzen; aber liebe ihn allein.’“ Manchmal erschien Maria Gemma auch mit dem Jesuskind in den Armen und reichte es ihr zum Liebkosen. Bei der mystischen Vermählung nahm Maria einen Ring vom Finger des Jesuskindes und steckte ihn Gemma an. Maria war nicht nur Gemmas Mutter — sie war auch die Vermittlerin zwischen Gemma und Jesus, die Brücke zwischen dem Kind und dem König.
Der Rosenkranz — und die Ekstase nach dem ersten Gesetz
Gemma betete den Rosenkranz täglich — schon als Kind, mit den Geschwistern, auf Knien, am Abend. Tante Elisa bezeugt, dass Gemma den Familienrosenkranz leitete und die jüngeren Geschwister zum Gebet anleitete. Im Haus Giannini trug Gemma, nach Cäcilias Aussage, nur zwei Dinge in der Tasche: ihren Rosenkranz und ihr Taschentuch. Doch hier geschah etwas Merkwürdiges: Gemma kam selten über das erste Gesetz des Rosenkranzes hinaus, ohne in Ekstase zu fallen. Cäcilia berichtet: „Sie kam selten über das erste Gesetz hinaus, weder beim gewöhnlichen Rosenkranz noch beim Rosenkranz der Sieben Schmerzen, ohne außer sich zu geraten, wie sie es nannte — das heißt, ohne in Ekstase zu fallen, mit den Perlen in der Hand und ihrem geröteten Gesicht und leuchtenden Augen zum Himmel gerichtet.“
Man stelle sich das vor: Ein junges Mädchen beginnt das Ave Maria — und schon beim ersten Geheimnis wird es in eine Begegnung mit der hingerissen, die es anruft. Der Rosenkranz war für Gemma kein Pflichtgebet. Er war eine Tür — und Maria öffnete sie sofort.
Das Skapulier — oder: Maria als Schild
Während eines besonders schweren Teufelsangriffs — Gemma war in Ekstase, der Teufel schlug sie so heftig, dass sie glaubte, ihre Lungen würden zusammenbrechen — legte Cäcilia Giannini ihr das Skapulier der Sieben Schmerzen über die Schultern. Sofort wurde Gemma befreit. Sie rief dem Teufel zu: „Jetzt lass deine Wut an mir aus, wenn du kannst!“ Cäcilia sagte ihr, es sei die Muttergottes gewesen, die sie befreit habe. Von diesem Tag an trug Gemma das Skapulier immer — bis ins Grab. Es war, zusammen mit dem Passionistenemblem auf dem Herzen und dem Rosenkranz der Großmutter um den Hals, eines der drei Zeichen, mit denen sie bestattet wurde. Maria war für Gemma nicht nur Mutter und Vermittlerin — sie war auch Schild. Das Skapulier war das äußere Zeichen einer inneren Wirklichkeit: Maria schützt ihre Kinder vor dem Bösen — leibhaftig, spürbar, in jedem Moment.
Die Herrlichkeiten Mariens — Gemmas Lieblingsbuch
Gemma besaß wenige Bücher, aber eines nahm sie immer wieder in die Hand: „Die Herrlichkeiten Mariens“ des heiligen Alfons Maria von Liguori. Es war das Buch, aus dem sie ihren Geschwistern und Tanten vorlas, und dessen Geist ihre gesamte Marienfrömmigkeit prägte. Tante Elisa bezeugt, dass Gemma häufig Bücher über die Muttergottes las, die ihr Monsignore Volpi oder der Pfarrer von San Leonardo gaben, und sie manchmal laut vorlas. Pater Germano schrieb Gemma sogar ein schönes Mariengebet zu, das in Wahrheit vom heiligen Alfons stammte — Gemma hatte es ihrer Freundin Euphemia diktiert, ohne die Quelle zu nennen, weil es ihr so aus dem Herzen sprach, dass sie es als ihr eigenes empfand. Die „Herrlichkeiten Mariens“ wurden in Gemma zu lebendigem Gebet.
„Nenn sie auch Mama, und du wirst sehen, wie es sie freut“
Einen der schönsten Augenblicke im Verhältnis zwischen Gemma und Maria beschreibt Cäcilia Giannini. Es war der 8. Mai, das Fest Unserer Lieben Frau von Pompeji. Gemma stand vor dem Altar der Schmerzensmutter in der Servitenkirche und sagte zu Cäcilia: „Nenn sie auch Mama, und du wirst sehen, wie es sie freut!“ Cäcilia erinnerte sich gut an diesen Tag. Nach der Kommunion, als sie zu Hause angekommen waren und Cäcilia die Tagesarbeit begonnen hatte, fiel Gemma sofort in eine Ekstase, die bis zum Mittag dauerte. Es ist eine Szene von entwaffnender Einfachheit. Gemma, die große Mystikerin, die Stigmatisierte, die Tochter der Passion — steht in einer Kirche und sagt zu ihrer Freundin: „Nenn sie auch Mama.“ Keine Theologie, keine Erklärung, keine Einschränkung. Nur die Einladung, dasselbe zu tun, was Gemma seit dem Tod ihrer Mutter getan hatte: Maria rufen, wie ein Kind seine Mutter ruft. Und dann, nach der Kommunion, wird sie von dieser Mutter so überwältigt, dass sie stundenlang nicht mehr in diese Welt zurückkehrt.
„Meine Mutter, ich übergebe dir meine Seele. Sage Jesus, er möge Erbarmen mit mir haben!“
— Gemma Galgani, letzte Worte
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