Sie haben sich nie getroffen. Faustyna Kowalska wurde zwei Jahre nach Gemma Galganis Tod geboren. Und doch gehören sie zusammen — wie Karfreitag und Ostern, wie Wunde und Heilung, wie das Blut, das vergossen wird, und die Barmherzigkeit, die aus ihm strömt.
Zwei Leben im Spiegel
Gemma Galgani (1878–1903) war die Tochter eines verarmten Apothekers in Lucca, Toskana. Schwester Faustyna Kowalska (1905–1938) war die Tochter eines armen Bauern in Głogowiec bei Łódź, Polen. Beide kamen aus einfachen, kinderreichen, tiefgläubigen Familien. Beide hatten keine höhere Bildung — Gemma verließ die Schule als Jugendliche, Faustyna hatte nur drei Jahre Volksschule. Beide wollten ins Kloster — Gemma wurde abgewiesen, Faustyna wurde aufgenommen, aber als Laienschwester, die niedrigsten Arbeiten verrichtend: Köchin, Gärtnerin, Pförtnerin. Keine der beiden war dafür bestimmt, in der Welt aufzufallen. Gott hatte anderes vor. Beide starben jung: Gemma mit fünfundzwanzig, Faustyna mit dreiunddreißig — dem Alter Christi. Beide starben an Tuberkulose. Beide wurden zunächst missverstanden, von Ärzten als hysterisch beurteilt, von Mitschwestern oder Hausgenossen mit Misstrauen betrachtet. Beide führten auf Anweisung ihrer Seelenführer Tagebuch — Gemma ihre Autobiografie, ihr Tagebuch und die Briefe, Faustyna ihr berühmtes „Tagebuch der Göttlichen Barmherzigkeit". Und beide wurden nach ihrem Tod mit einer Geschwindigkeit selig- und heiliggesprochen, die in der Kirchengeschichte ihresgleichen sucht: Gemma 1933/1940, Faustyna 1993/2000.
Die Sendung — Passion und Barmherzigkeit
Der tiefste Unterschied liegt in der Sendung. Gemmas Sendung war die Passion. Sie lebte die Leiden Christi nach — vom Blutschweiß im Garten Gethsemani bis zur Kreuzigung, von der Dornenkrönung bis zur Seitenwunde. Ihr ganzes Wesen kreiste um das Kreuz. Jesus sagte ihr: „Du musst dich daran gewöhnen, mit mir am Kreuz zu leiden." Und Gemma antwortete: „O Jesus, lass mich an all deinen Schmerzen teilhaben!" In ihrem Leib trug sie die Stigmata, die Geißelstriemen, die Dornenwunden. Sie war, wie Papst Benedikt XV. es ausdrückte, „wenn nicht durch Habit und Profess, so doch durch Wunsch und Zuneigung eine Tochter der Passion." Faustynas Sendung war die Barmherzigkeit. Jesus erschien ihr und sagte: „Male ein Bild nach dem, was du siehst, mit der Unterschrift: Jesus, ich vertraue auf Dich." Er gab ihr den Barmherzigkeitsrosenkranz, das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit, die Stunde der Barmherzigkeit (15 Uhr — die Todesstunde Christi, die zugleich die Stunde ist, in der die Barmherzigkeit aus seinen Wunden strömt). In Faustynas Bild fließen aus dem Herzen Jesu zwei Strahlen — rot und weiß: Blut und Wasser, Eucharistie und Taufe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Man könnte sagen: Gemma steht am Karfreitag um drei Uhr nachmittags und blickt auf den Gekreuzigten. Faustyna steht an derselben Stelle und zur selben Stunde — aber sie blickt auf das, was aus der durchbohrten Seite fließt. Gemma sieht das Blut. Faustyna sieht die Barmherzigkeit. Beide sehen die Wahrheit — aber jede eine andere Seite derselben Wahrheit.
Die Stigmata — sichtbar und unsichtbar
Der Unterschied in der Sendung zeigt sich am deutlichsten in den Stigmata. Gemmas Stigmata waren sichtbar — blutig, erschreckend, zwingend. Jeden Donnerstagabend öffneten sich die Wunden an Händen, Füßen und in der Seite, Blut floss in Strömen, und am Freitagabend schlossen sie sich wieder, ohne Narben zu hinterlassen. Cäcilia Giannini bezeugte unter Eid: „Das Blut kam aus ihren Wunden in großer Fülle. Wenn sie stand, floss es auf den Boden, und wenn sie im Bett lag, durchnässte es nicht nur die Laken, sondern die ganze Matratze." Es war unmöglich wegzuschauen. Gemma war ein lebendiges Kruzifix. Faustynas Stigmata waren unsichtbar. Sie empfand den Schmerz der Wunden — in den Händen, den Füßen, der Seite, am Haupt —, aber niemand sah etwas. In ihrem Tagebuch schreibt sie: „Plötzlich durchbohrte ein Schmerz meine Hände, Füße und Seite." Doch an ihrem Leib war nichts zu sehen. Jesus hatte ihr gesagt, sie solle die Wunden verborgen tragen. Während Gemmas Stigmata die Umgebung erschütterten und den Seligsprechungsprozess prägten, blieben Faustynas Stigmata ein Geheimnis zwischen ihr und Gott — wie die Barmherzigkeit selbst, die im Verborgenen wirkt.
Der Ton — Feuer und Wasser
Wer die Schriften beider Heiligen liest, hört sofort den Unterschied im Ton. Gemma spricht mit Jesus wie ein Kind, das den Vater bestürmt — unmittelbar, leidenschaftlich, manchmal fast fordernd: „O Jesus, vermehre meine Schmerzen, aber vermehre auch meine Kraft!" — „Mama, geh zu Jesus und sage ihm, er möge den Sündern vergeben! Er kann dir nicht Nein sagen!" — „Jesus, ich will auch am Kreuz sterben für dich!" Gemmas Sprache ist die des Feuers: Sie brennt, verzehrt, lodert auf. Faustyna spricht mit Jesus wie eine Dienerin, die empfängt — demütig, ehrfürchtig, still: „Jesus, ich vertraue auf Dich." — „Dein Wille ist mein Leben." — „O Blut und Wasser, das hervorströmte aus dem Herzen Jesu als Quelle der Barmherzigkeit für uns — ich vertraue auf Dich." Faustynas Sprache ist die des Wassers: Sie strömt, reinigt, heilt. Gemma will leiden, um Jesus ähnlicher zu werden. Faustyna will vertrauen, um von Jesus empfangen zu können. Beides ist Liebe — aber die eine Liebe gibt sich hin, die andere lässt sich beschenken.
Die Sünder — zwei Wege der Rettung
Beide Heiligen brannten für die Rettung der Sünder — aber auf verschiedene Weise. Gemma rettete die Sünder, indem sie an ihrer Stelle litt. Sie bot sich Gott als Sühneopfer an: „Wirf deinen Zorn auf mich, aber verschone die Sünder!" Sie schwitzte Blut, wenn in ihrer Gegenwart gelästert wurde. Sie trug die Geißelungsstriemen, damit andere nicht gegeißelt würden. Ihr Weg war der Weg der Stellvertretung — des Lammes, das für die Herde geschlachtet wird. Faustyna rettete die Sünder, indem sie ihnen die Barmherzigkeit zeigte. Jesus sagte ihr: „Die Seelen gehen zugrunde, und zwar solche Seelen, für die ich mein Blut vergossen habe. Die letzte Rettung für sie ist die Zuflucht zu meiner Barmherzigkeit." Faustynas Weg war nicht die Stellvertretung, sondern die Verkündigung: Sie sollte der Welt sagen, dass die Barmherzigkeit Gottes größer ist als alle Sünde. Gemma zahlte den Preis; Faustyna zeigte den Schatz, der mit diesem Preis erkauft wurde.
Der Teufel — Kampf und Vertrauen
Beide kämpften gegen den Teufel — aber auch hier zeigt sich der Unterschied in der Haltung. Gemma kämpfte. Sie nannte den Teufel „Chiappino" (Einbrecher), lachte ihn aus, stürzte sich in eine Zisterne, um seinen Versuchungen zu widerstehen, und rief ihm zu: „Ich sollte mich geißeln — du kannst es für mich tun!" Gemmas Teufelskampf war eine Schlacht, laut und dramatisch, mit blauen Flecken und Blutergüssen. Faustyna widerstand dem Teufel — aber anders: durch Vertrauen. In ihrem Tagebuch schreibt sie: „Satan kann sich sogar in einen Mantel der Demut kleiden, aber er kann nicht den Mantel des Gehorsams tragen." Und: „Ich fürchte mich nicht vor dem Satan. Er ist nichts als ein erbärmlicher Geist." Wo Gemma den Teufel mit Feuer bekämpfte, begegnete Faustyna ihm mit der stillen Gewissheit, dass die Barmherzigkeit stärker ist als die Bosheit. Beide besiegten ihn — aber Gemma besiegte ihn wie ein Soldat, Faustyna wie ein Kind, das sich hinter dem Vater versteckt.
Wirkungsgeschichte — Die Verborgene und die Weltbekannte
In der Wirkungsgeschichte könnte der Kontrast kaum größer sein. Gemma blieb eine Heilige für Kenner und Liebhaber — tief verehrt in der Passionistenfamilie, in Italien, in den Kreisen der mystischen Spiritualität, aber nie ein Massenphänomen. Ihr Erbe ist ein Kloster in Lucca, eine treue Schar von Verehrern und eine Handvoll Bücher, die man suchen muss, um sie zu finden. Faustyna wurde durch die Barmherzigkeitsandacht zur weltweit bekanntesten Mystikerin des 20. Jahrhunderts. Papst Johannes Paul II. — selbst ein Pole — sprach sie im Jahr 2000 heilig und führte das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit ein, das heute in der ganzen Weltkirche begangen wird. Das Barmherzigkeitsbild hängt in Millionen von Kirchen und Wohnungen. Der Rosenkranz der Barmherzigkeit wird von Millionen gebetet. Die Botschaft „Jesus, ich vertraue auf Dich" ist zu einem der bekanntesten Gebetsworte der katholischen Welt geworden. Man könnte fragen: Ist Gemma gescheitert? Nein. Die Verschiedenheit der Wirkung entspricht der Verschiedenheit der Sendung. Gemmas Sendung war es nicht, eine Massenbewegung auszulösen. Ihre Sendung war es, im Verborgenen zu leiden, damit andere gerettet würden — ohne dass sie es wussten. Sie sagte selbst: „Ich will nicht, dass mich jemand lobt. Ich will nicht, dass jemand sieht, was Gemma getan hat." Und Gott hat ihr diesen Wunsch erfüllt — weitgehend. Faustynas Sendung hingegen war es, gesehen zu werden — nicht sie selbst, sondern die Botschaft, die durch sie kam. Beide erfüllten ihre Sendung: die eine im Licht, die andere im Schatten des Kreuzes.
Zusammen — das vollständige Bild
Und doch gehören sie zusammen. Es gibt keine Barmherzigkeit ohne die Passion, und keine Passion ohne die Barmherzigkeit. Gemma zeigt den Preis der Erlösung — das Blut, die Tränen, die Wunden. Faustyna zeigt die Frucht der Erlösung — die Vergebung, die Hoffnung, das Vertrauen. Wer nur Gemma liest, könnte verzweifeln über die Schwere des Leidens. Wer nur Faustyna liest, könnte die Tiefe des Leidens vergessen, aus dem die Barmherzigkeit entspringt. Zusammen ergeben sie das vollständige Bild.
Aus der durchbohrten Seite Christi strömten Blut und Wasser — sagt der Evangelist Johannes (Joh 19,34). Das Blut ist die Passion: der Preis, die Hingabe, das Opfer. Das Wasser ist die Barmherzigkeit: die Reinigung, die Erneuerung, das Leben. Gemma ist das Blut. Faustyna ist das Wasser. Und beide fließen aus derselben Wunde — der Wunde des Herzens Jesu. Die Stunde der Barmherzigkeit, die Faustyna empfing, ist drei Uhr nachmittags — die Todesstunde Christi. Es ist dieselbe Stunde, in der Gemmas Stigmata sich schlossen und die Schmerzen nachließen. Um drei Uhr stirbt Jesus — und in diesem Sterben öffnet sich die Quelle der Barmherzigkeit. Gemma lebt die Stunde vor drei. Faustyna lebt die Stunde nach drei. Zusammen bilden sie den vollständigen Rhythmus der Erlösung: Tod und Auferstehung, Kreuz und Gnade, Blut und Barmherzigkeit.
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