Im Juli 1899 hielt eine Volksmission in der Kirche San Martino in Lucca. Passionistenpater predigten. Gemma Galgani saß in der Menge und hörte. Und während der Abschlussmesse vernahm sie im Inneren eine Stimme: „Du wirst eine Tochter meiner Passion sein – und eine bevorzugte Tochter.“ Sie war einundzwanzig Jahre alt. In diesem Augenblick begann das Band zwischen Gemma Galgani und dem Passionistenorden – ein Band, das ihr ganzes weiteres Leben bestimmen und über ihren Tod hinaus fortbestehen sollte.
Wer sind die Passionisten?
Die Kongregation der Passion Jesu Christi – kurz: die Passionisten – wurde 1720 von Paolo Francesco Danei gegründet, der in den Orden als Paulus vom Kreuz eintrat und 1867 heiliggesprochen wurde. Sie ist ein Orden der kontemplativen Apostolat: die Mönche leben in Klausur und Beschauung, ziehen aber auch hinaus zu Volksmissionen und Exerzitien. Das Herzstück des Passionistencharismas ist die bleibende Erinnerung an das Leiden Christi. Die Passionisten tragen ein schwarzes Habit mit einem weißen Herzzeichen auf der Brust: ein Herz mit Kreuz, Nägeln und der Inschrift „Jesu XPI Passio“ – das Leiden Jesu Christi. Sie sind, wie ihr Name sagt, Männer und Frauen der Passion. Ihr Apostolat ist die Verkündigung des gekreuzigten Jesus. Nicht als Botschaft des Schreckens, sondern als Botschaft der Liebe. Das Kreuz ist für die Passionisten nicht das Ende, sondern die äußerste Offenbarung dessen, wie weit Gottes Liebe geht.
Gemma erkannte das Gewand
Als Gemma die Passionisten bei der Volksmission 1899 sah, erkannte sie ihr Habit sofort. Sie hatte das Gewand schon vorher gesehen – an Gabriel von der Schmerzhaften Mutter, dem seligen Passionisten, der ihr während ihrer Novene erschienen war und sie geheilt hatte. Das schwarze Habit mit dem weißen Herzzeichen war ihr vertraut, bevor sie den Orden kannte. Das war kein Zufall. Es war der Beginn einer Erkenntnis: Gemma gehörte zu diesem Orden. Nicht durch Gelgelübde – die Passionistinnen nahmen sie wegen ihrer Krankheit nie auf – sondern durch das Herz. Papst Benedikt XV. hat das in seinem Dekret zur Einführung ihres Seligsprechungsprozesses präzise formuliert: „Die fromme Jungfrau Gemma Galgani gehört, wenn auch nicht durch Habit und Profess, so doch zweifellos durch Wunsch und Zuneigung, zu Recht zu den Ordenskindern des heiligen Paulus vom Kreuz.“
Das Passionistencharisma und warum es zu Gemma passte
Was ist das Charisma der Passionisten im Kern? Es ist die Bereitschaft, das Leiden Christi nicht nur zu betrachten, sondern daran teilzuhaben. Nicht passiv – sondern aktiv, in Liebe, als freiwillige Vereinigung mit dem, der am Kreuz hing. Genau das war Gemmas Leben. Seit dem 8. Juni 1899, dem Vorabend des Herz-Jesu-Festes, empfing sie wöchentlich die Stigmata – jeden Donnerstagabend bis Freitagsnachmittag. Sie durchlebte in ihrem Leib die Stationen der Passion: die Dornenkrone, die Geißelung, die Kreuzeslast, den Todesschweiß. Nicht als Zeichen, nicht als Vision – als leibliche Wirklichkeit. Das ist Passionistenspiritualität in ihrer extremsten Form. Paulus vom Kreuz hatte gelehrt: „Das Leiden Christi zu betrachten ist eine so nützliche Übung, dass ich in ihr allen Reichtum der Kontemplation enthalte.“ Gemma hat das nicht betrachtet – sie hat es gelebt.
P. Germano: der Passionist als Seelenführer
Die konkreteste menschliche Verbindung zwischen Gemma und den Passionisten war P. Germano Ruoppolo CP. Er war Mitglied der Kongregation der Passion, hochgebildeter Theologe und Müllenführer.
Zunächst skeptisch – er empfahl sogar den Exorzismus – wurde er nach seiner ersten persönlichen Begegnung mit Gemma im September 1900 zum wichtigsten Zeugen ihres Lebens. Das Dokumentationssystem, das er aufbaute – Gemma schrieb an ihn, Cäcilia schrieb an ihn, Eufemia zeichnete die Ekstasen auf – ist der Grund dafür, dass wir heute so viel über Gemma wissen. Gemma nannte ihn „Mia Papa“ – mein Vater. Er blieb ihr Vater bis zum Tod. Drei Stunden bevor er am 11. Dezember 1909 starb, hatte er noch an den Druckbogen ihrer Biografie gearbeitet. Er ist heute in der Grabkirche neben ihr bestattet.
P. Germano ist ehrwürdig erklärt – er ist selbst auf dem Weg zur Heiligkeit. Damit haben wir in Lucca zwei Ehrwürdige nebeneinander begraben: den Seelenführer und die Heilige. Eine Passionistenfamilie.
Gabriel Possenti: der passionistische Bruder
Noch bevor Gemma die lebenden Passionisten kannte, kannte sie einen toten: Gabriel von der Schmerzhaften Mutter, den seligen Passionisten, der 1862 mit vierundzwanzig Jahren gestorben war.
Gabriel erschien ihr neun Abende lang am Krankenbett, betete mit ihr die Herz-Jesu-Novene, nannte sie „meine Schwester“ und begleitete ihre wunderbare Heilung. Von da an war Gabriel Gemmas nächster Freund unter den Heiligen. Sie trug sein Bild unter dem Kopfkissen. Sie schrieb ihm Briefe, die sie ihrem Schutzengel mitgab. Gabriel ist 1920 heiliggesprochen worden – siebzehn Jahre nach Gemmas Tod. P. Germano, Gemmas Seelenführer, war der offizielle Postulator für Gabriels Seligsprechungsprozess. Die Passionistenfamilie ist eng verwoben.
Das Kloster: prophezeit und gegründet
Gemma wollte Passionistin werden. Sie bat mehrfach um Aufnahme – in Tarquinia, in anderen Häusern. Jedes Mal wurde sie abgewiesen: wegen ihrer Krankheit, wegen der Tuberkulose in ihrer Familie, wegen ihrer außergewöhnlichen Mystik, die die Schwestern überforderte. Aber Gemma wusste: Ein Passionistenkloster würde in Lucca entstehen. Sie hatte es in einer Ekstase empfangen als Auftrag Christi. Und sie arbeitete dafür – im Gebet, in Briefen, im Leiden. Zwei Jahre nach ihrem Tod, im März 1905, kamen die ersten Passionistinnen aus Corneto nach Lucca. 1923 wurde Gemma in der neuen Wallfahrtskirche, die auf ihr Betreiben entstand, in einer prächtigen Urne beigesetzt. Das Kloster, das sie nicht betreten durfte, wurde ihr Grab. Papst Pius XI., der sie 1933 seligsprach, gratulierte den Passionisten zum Besitz dieser „wahren Perle der Heiligkeit.“ Und Pius XII., der sie 1940 heiligsprach, nannte sie den „Stern meines Pontifikates“ – er war selbst tief von ihr berührt.
Gemma als Passionistin ohne Habit
Es gibt einen Satz aus dem Kanonisationsprozess, der alles zusammenfasst. Bischof Volpi, Gemmas Beichtvater, schrieb in seinem Zeugnis: „Gemma war Passionistin dem Geiste nach.“ Nicht dem Habit nach. Nicht der Profess nach. Dem Geiste nach. Das ist mehr. Denn das Habit kann man ablegen. Die Profess kann man brechen. Aber wer dem Geist eines Ordens angehört, der gehört ihm auf eine Weise, die tiefer geht als jede formelle Zugehörigkeit. Gemma hat das Schwarze Habit nie getragen. Aber sie wurde in ihm begraben. Die Passionisten haben sie als eine der Ihren beansprucht – und die Kirche hat das bestätigt. Gemma Galgani ist heute Patronin des Passionistenordens. Die Frau, die nie Passionistin werden durfte, ist heute die Schutzherrin derer, zu denen sie gehörte. Für alle, die Gemma Galgani verstehen wollen, führt an den Passionisten kein Weg vorbei. Ihr Leben ist ohne das Kreuz nicht zu verstehen. Und das Kreuz ist ohne die Liebe nicht zu verstehen. Das ist die Botschaft der Passionisten – und es war die Botschaft ihres Lebens.
„Du wirst eine Tochter meiner Passion sein.“ — Jesus zu Gemma Galgani, Juli 1899
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– Gemma Galgani und P. Germano Ruoppolo CP – Heilige und ihr Zeuge
– santuariosantagemma.it – das Sanktuarium der hl. Gemma in Lucca
– passionisten.de – die Vita der hl. Gemma Galgani auf der Passionisten-Website
