Wer heute durch die engen Gassen Luccas schlendert, bekommt eine Ahnung davon, wie diese Stadt vor über 120 Jahren ausgesehen haben muss – denn kaum eine andere toskanische Stadt hat ihr historisches Antlitz so vollständig bewahrt. Dass Lucca im 20. Jahrhundert nicht bombardiert wurde, dass die Stadtmauern nie geschleift wurden und dass innerhalb der Mauern bis heute nur wenig gebaut werden darf, hat einen Schatz konserviert: Eine Stadt, die in ihrer Grundstruktur immer noch jene Bühne ist, auf der sich um 1900 das Alltagsleben abspielte.
Eine Stadt zwischen Vergangenheit und langsamer Moderne
Um die Jahrhundertwende war Lucca eine ruhige Provinzhauptstadt mit etwa 70.000 Einwohnern in der Gesamtgemeinde – ein Bruchteil dessen, was die einstige Seidenrepublik im Mittelalter an Glanz und Macht ausgestrahlt hatte. Seit der Vereinigung Italiens 1860 und der Verwaltungsreform von 1865 war aus der ehemals souveränen Hauptstadt eines kleinen Herzogtums eine bescheidene Provinzstadt geworden. Dieser Abstieg hatte spürbare Folgen: Viele Luccheser packten ihre Koffer und wanderten in die Vereinigten Staaten, nach Argentinien, Brasilien oder Australien aus, oft als Stuckateure, Steinmetze, Köche und Gipsfigurenmacher. Die Auswanderung war ein prägendes Merkmal der Jahre um 1900. Wirtschaftlich lebte die Stadt von ihrer Seidenmanufaktur, vom hochwertigen Olivenöl der Hügel ringsum, von der Tabakverarbeitung, vom Mahlhandwerk und vor allem von der Papierherstellung – die Papiermühlen rund um Lucca arbeiteten auf Hochtouren und erlebten gerade ihre größte Blüte; mit dem boomenden „Strohpapier“ sollte die Zahl der Mühlen bis 1911 auf über 100 anwachsen.
Das Stadtbild: Wie aus einem Renaissance-Gemälde
Wer um 1900 durch eines der vier Haupttore – Porta San Pietro, Porta Santa Maria, Porta San Donato und die unter Napoleon erbaute Porta Elisa – in die Stadt trat, betrat eine Welt, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hatte. Die mächtigen Stadtmauern aus dem 16. und 17. Jahrhundert umschlossen die Altstadt vollständig, und auf ihrer breiten Krone war seit der Regentschaft von Maria Luisa von Bourbon-Parma (1815–1824) eine baumbestandene Promenade angelegt worden. Diese „Mura“ waren bereits damals das, was sie heute sind: der Lieblingsspazierweg der Luccheser, beschattet von Platanen, Linden und Steineichen, mit Aussicht auf die Apuanischen Alpen im Norden. Innerhalb der Mauern dominierte das mittelalterliche und frühneuzeitliche Stadtbild:
• Die rötlich-gelben Fassaden der Patrizierpaläste säumten die Via Fillungo, jene römische Hauptachse, die schon damals die Geschäftsstraße der Stadt war.
• Auf der Piazza San Michele, dem Herz der Stadt seit der Römerzeit, erhob sich die Kirche San Michele in Foro mit ihrer phantastischen Fassade.
• Der Dom San Martino mit dem verehrten „Volto Santo“ zog wie eh und je Pilger an.
• Die Türme – einst zählte man in Lucca um die 130 Geschlechtertürme – waren bereits stark dezimiert, doch der Torre Guinigi mit seinen Steineichen auf der Spitze und der Torre delle Ore prägten weiterhin die Silhouette.
• Die Piazza dell’Anfiteatro mit ihren windschiefen Häusern auf dem Grundriss des römischen Amphitheaters war damals weit weniger touristisch und weit mehr Marktplatz, auf dem Gemüse, Fisch und Geflügel feilgeboten wurden.
Bemerkenswert: Lucca hatte sich – anders als manch streng mittelalterlich anmutende Schwesterstadt wie Volterra – schon im 19. Jahrhundert dem Jugendstil und der modernen Bürgerlichkeit geöffnet. Entlang der Via Fillungo entstanden in den Jahrzehnten um 1900 elegante Schaufenster, Konditoreien und das berühmte Caffè Di Simo, das zum Treffpunkt von Künstlern, Literaten und Komponisten wurde. Hier verkehrte regelmäßig Giacomo Puccini, der berühmteste Sohn der Stadt – 1858 in Lucca geboren, gerade auf dem Höhepunkt seines Ruhms mit Welterfolgen wie La Bohème (1896), Tosca (1900) und Madama Butterfly (1904).
Pferdekutschen, Eisenbahn und die ersten Fahrräder
Um 1900 war die Pferdekutsche das selbstverständliche Fortbewegungsmittel in Lucca. Auf den Plätzen warteten Fiakers und Landauer auf zahlende Kundschaft, einfache Karren und Wagen brachten Wein, Mehl, Öl und Holz aus dem Umland in die Stadt. Die schmalen, mit großen Pflastersteinen belegten Gassen waren mit dem heutigen Verkehrslärm überhaupt nicht zu vergleichen – das dominierende Geräusch war das Klappern der Hufe auf den Steinen, der Ruf der Händler und das Glockengeläut der vielen Kirchen. Doch die Moderne war angekommen:
• Eisenbahn: Schon seit 1846 verband eine Linie Lucca mit Pisa, später kamen Verbindungen nach Florenz und an die Versilia-Küste hinzu. Der Bahnhof südlich der Stadtmauer war ein Tor zur weiten Welt.
• Pferdebahnen (Tramvie a cavalli): Ab den 1880er- und 1890er-Jahren verbanden sie Lucca mit Bagni di Lucca, Pescia und Monsummano – ein Vorläufer des modernen Nahverkehrs.
• Fahrräder: Die ersten rollten über die Mauerpromenade – ein Fortbewegungsmittel, das bis heute typisch für Lucca geblieben ist.
• Elektrisches Licht: Hielt zaghaft Einzug. Italienische Städte begannen ab etwa 1890, die ersten Straßenlaternen zu elektrifizieren; in Lucca überwogen aber noch lange die Gas- und Öllaternen.
• Automobile: Im Jahr 1900 fuhr in ganz Lucca vermutlich noch kein einziges privates Auto – das sollte erst in den 1910er-Jahren langsam beginnen.
Kleidung: Bürgertum, Bauernschaft und Sonntagsstaat
Wer um 1900 die Piazza San Michele überquerte, sah eine deutlich gegliederte Gesellschaft auf den ersten Blick:
Die Herren des Bürgertums
Sie trugen dreiteilige Anzüge aus dunklem Tuch mit hohem Hemdkragen, Krawatte oder Plastron, dazu Melonen (Bowler), Strohhüte (Canotier) im Sommer oder den eleganten Borsalino. Spazierstock und Taschenuhr an einer Kette über der Weste waren obligatorisch. Im Sommer leichtere Leinenanzüge, oft in cremefarben.
Die Damen der besseren Gesellschaft
Sie waren in opulente Belle-Époque-Mode gekleidet: lange, bodenlange Röcke mit ausgestellten Säumen, schmale Taillen (das berüchtigte „S-förmige“ Korsett der Jahrhundertwende), Blusen mit Spitze und Stehkragen, weite Hutgebilde mit Bändern, Federn und Blumen. Sonnenschirme aus Spitze waren bei Spaziergängen auf der Stadtmauer unverzichtbar.
Die einfache Stadtbevölkerung
Handwerker, Krämer und Marktfrauen kleideten sich praktischer: dunkle Wollröcke, Schürzen, Kopftücher bei den Frauen; einfache Hosen, Hemd, Weste und die typische schwarze oder dunkelblaue Schiebermütze bei den Männern. Holzpantoffeln (zoccoli) oder einfache Lederschuhe waren die Regel.
Die Bauern aus dem Umland
Wenn sie zum Markt in die Stadt kamen, erkannte man sie an ihrer derberen Kleidung, an Strohhüten, Lederschürzen und den oft barfuß laufenden Kindern. Die Frauen vom Land trugen häufig farbige Kopftücher, gemusterte Röcke und einfache Mieder.
Im Sommer dominierten helle Farben und Leinen, im Winter dunkles Tuch, schwere Umhänge (mantelli) und Wollkapotten.
Der Alltag um 1900
Der Tag begann früh in Lucca. Die Glocken der vielen Kirchen weckten die Stadt, die Marktfrauen schoben ihre Karren in Richtung Piazza Anfiteatro oder San Michele, in den Bäckereien duftete es nach frisch gebackenem Brot und nach dem typischen süßen Buccellato, der noch heute zur Stadt gehört wie die Mauern selbst. Die Geschäfte – „botteghe“ – waren klein, oft nicht mehr als ein einziger Raum mit Holztresen: der Salumiere, der Pizzicagnolo, der Schuster, der Schneider. Wasser holten viele Haushalte noch an öffentlichen Brunnen, obwohl Lucca seit 1832 ein modernes Aquädukt-System besaß, das aus den Pisaner Bergen Trinkwasser in die Stadt brachte. Toiletten mit Wasserspülung waren eine Seltenheit, Strom in Privatwohnungen ebenso – die meisten Familien lebten bei Petroleumlampen. An lauen Sommerabenden flanierte man – das tut man in Lucca bis heute – auf der Passeggiata delle Mura, zwischen den Bastionen und unter den hohen Bäumen, traf Bekannte, sah und wurde gesehen. Am Sonntag ging die ganze Stadt zur Messe; San Michele, San Frediano und der Dom waren voll. Danach: Caffè, Spaziergang, Familienessen.
Versilia und die Geburt des Tourismus
Bemerkenswert: Zur gleichen Zeit, als Lucca selbst noch eine verschlafene Provinzhauptstadt war, entstand nur eine knappe Stunde Fahrt entfernt an der Küste der Versilia der mondäne Badetourismus. Viareggio und Forte dei Marmi wurden gerade zu jenen eleganten Seebädern, die später Schauspieler, Industrielle und Politiker anzogen. Aus Lucca fuhr man im Sommer mit der Pferdekutsche oder der Bahn ans Meer – eine Tradition, die bis heute lebt.
Was unterscheidet das Lucca von 1900 vom heutigen?
Die Antwort lautet: Erstaunlich wenig – und gleichzeitig alles.
Was gleich geblieben ist
• Die Stadtmauern, die Mauerpromenade, die Tore
• Der Grundriss der Altstadt mit den römischen Hauptachsen
• Die Kirchen, Türme, Plätze und Palazzi
• Das Caffè Di Simo in der Via Fillungo (noch heute, mit Teilen der Originaleinrichtung)
• Die Tradition des Flanierens auf den Mauern
• Buccellato, Olivenöl, Wein, der typische Lucchese-Charakter
Was sich grundlegend gewandelt hat
• Verkehr: Statt Pferdekutschen heute Fahrräder, motorini und sehr wenige zugelassene Autos. Die Altstadt ist weitgehend Fußgängerzone – ironischerweise wieder leiser, als sie es Anfang des 20. Jahrhunderts mit den ersten Automobilen wurde.
• Wirtschaft: Die Seidenmanufaktur ist verschwunden, die Papierindustrie hat sich konzentriert und industrialisiert. Statt Auswanderung kommt heute der Tourismus.
• Demografie: Die Stadt wuchs zwar nur moderat (heute etwa 88.000 Einwohner in der Gesamtgemeinde), aber der größte Teil lebt heute außerhalb der Mauern. Innerhalb der Mauern leben heute paradoxerweise weniger Menschen als 1900 – die Altstadt ist zunehmend vom Tourismus und von Zweitwohnungen geprägt.
• Kleidung: Vom dreiteiligen Anzug und der Schiebermütze ist nichts geblieben außer in den Vitrinen der Museen.
• Religiosität: Die Sonntagsmesse füllte 1900 die Kirchen, heute ist Lucca – wie ganz Italien – deutlich säkularer geworden.
• Lucca Comics & Games: Was um 1900 unvorstellbar gewesen wäre, ist heute Realität – einmal im Jahr verwandelt sich die Stadt in die größte Comic-Messe Europas.
• Internationales Publikum: Statt der wenigen Bildungsreisenden aus England oder Deutschland ist Lucca heute Ziel von Touristen aus aller Welt.
Ein letzter Gedanke
Wenn man heute frühmorgens, noch vor den ersten Touristen, über die Via Fillungo geht, an der Piazza Anfiteatro vorbei, die Treppe hinauf zur Mauer – dann ist man dem Lucca um 1900 vielleicht näher, als man denkt. Es fehlt nur das Klappern der Hufe, das Klingen der Glocken aller 99 Kirchen gleichzeitig, der Geruch von Petroleumlampen, der Anblick einer Dame mit Sonnenschirm. Aber die Steine, das Licht, die Aussicht über die Dächer auf die Apuanischen Alpen – das alles hätte auch Giacomo Puccini so gesehen, wenn er aus seinem Geburtshaus in der Via di Poggio trat, um auf der Piazza San Michele einen Espresso zu trinken. Lucca ist nicht stehen geblieben – aber es hat sein Gesicht behalten. Und das ist in einer Welt, die sich so rasend schnell verändert, fast schon ein kleines Wunder.
Quellen u. a.: Wikipedia (Lucca), Encyclopædia Britannica, Informagiovani Italia, italia.it sowie regionale Geschichts- und Reisemagazine.
