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„Occhi bassi!“ - Die heilige Gemma Galgani und die Kunst, mit Leichtigkeit demütig zu sein

Es gibt Geschichten aus dem Leben der Heiligen, die man nicht vergisst – nicht wegen ihrer Großartigkeit, sondern wegen ihrer Menschlichkeit. Diese hier ist eine davon. Gemma Galgani ist noch keine zwanzig Jahre alt. Ihr Vater ist tot, ihre Familie mittellos. Bis sie endlich bei der Familie Giannini aufgenommen werden darf, wohnt sie vorübergehend im Kloster der Servitinnen in Lucca – eine kurze, für Gemma nicht leichte Zeit, die die Schriftstellerin Maria Veronika Rubatscher in ihrem zweibändigen Werk „Bei Gemma Galgani“ (1950) festhält.

 

Eine strenge Lehrmeisterin

Im Kloster der Servitinnen hat Gemma eine Begleiterin bekommen, die man kaum als gütig bezeichnen würde: Schwester Maria. Diese Schwester hat es sich zur Aufgabe gemacht, die junge Gemma in Demut, Gehorsam und Geduld zu üben. Eine nicht unwichtige Aufgabe – aber Schwester Maria geht sie mit einer Strenge an, die wenig Raum für Wärme lässt. Nichts macht ihr Gemma recht. Ob sie näht oder strickt, flickt oder auskehrt – es gibt immer etwas auszusetzen. Das Wenige, was Gemma spricht, tadelt die Gestrenge als töricht und nicht der Mühe wert. Immer dieselben Kommandos: „Gemma, schweig! – Gemma, tu das! – Gemma, geh; und Gemma, komm!“ Und dann, beim gemeinsamen Ausgehen: „Occhi bassi!“ – „Die Augen nieder!“ – das Gebot der Sammlung und Bescheidenheit, das Klosterfrauen einander mahnend zuriefen, wenn die Versuchung lockte, die Welt zu betrachten. „Occhi bassi!“ – kommandiert Schwester Maria, die Augen nieder. Und schaut dabei selbst recht eifrig in die Welt.

 

Der Stein am Weg

Eines Tages gehen die beiden zusammen durch die Straßen von Lucca. Schwester Maria erteilt Gemma – natürlich – das gewohnte Gebot: „Occhi bassi! Die Augen nieder!“ Gemma gehorcht, wie stets, ohne Widerrede. Schwester Maria indes schaut sich um – durchaus aufmerksam, könnte man sagen. Und so geschieht es: Sie sieht den Stein am Weg nicht, strauchelt, verliert fast das Gleichgewicht. Noch geht alles gut – aber die Flaschen in ihrem Korb, gefüllt mit Öl, Wein und Essig, wären beinahe zu Bruch gegangen. Gemma hat es gesehen. Und sie sagt – in einem Anflug jener jugendlichen Schelmerei, die man ihr nicht oft genug zuschreibt, mit dem lieben Lächeln, das, wie Rubatscher schreibt, „nie verletzt und stets erquickt“: „Occhi bassi! Augen nieder, Suor Maria!“ Es ist der Satz der Schwester – zurückgegeben. Nicht als Spott. Nicht als Rache. Sondern als das, was er ist: die Wahrheit, in einem einzigen freundlichen Augenzwinkern verpackt.

 

Die Reaktion der Schwester

Schwester Maria ist nicht amüsiert. Dass ausgerechnet Gemma – die stille, die gehorsame, die immer getadelte Gemma – sie mit ihrem eigenen Gebot ertappt hat, sitzt. Und so eilt sie, kaum beim Kaplan von San Paolino angelangt, zur nächsten verfügbaren geistlichen Autorität und schärft ihm ein: „Hochwürden, beten Sie bei Jesus für diese Schelmin da! Sie braucht es!“ Der Kaplan, so darf man vermuten, hat sich das Lachen verkneifen müssen.

 

Was diese Geschichte über Gemma sagt

Es wäre ein Fehler, diese Szene nur als heitere Anekdote zu lesen. Sie sagt etwas Wesentliches über Gemma Galganis Art, heilig zu sein. Gemma war keine schwerfällige Heilige. Sie war keine, die Demut als Selbstzerstörung lebte, die sich unter der Last frommer Gebote bog bis zur Unkenntlichkeit. Sie war – das bezeugen alle, die sie kannten – ein Mädchen von ungewöhnlicher Lebendigkeit, von feurigem Temperament, sodass P. Germano sie „fast eine kleine Wilde“ nannte und sie sich immer wieder mit Mühe zügeln musste. Diese Lebendigkeit, dieser Humor, diese Fähigkeit, eine Situation mit einem Lächeln zu entwaffnen – das gehört zu Gemma so sehr wie die Stigmata. Die Heiligkeit hat sie nicht flach gemacht. Sie hat sie frei gemacht. Wer wirklich demütig ist, braucht sich nicht zu verbiegen. Er kann stehen, wie er ist – und manchmal sogar lächeln. Suor Maria wollte Gemma Demut beibringen. Gemma hat ihr, ohne es zu wollen, eine Lektion in Demut erteilt: nämlich die, dass man zunächst die eigenen Augen niederschlagen sollte, bevor man es anderen befiehlt.

 

Ein kleines Wort über Schwester Maria

Es wäre ungerecht, Schwester Maria als bloße Antagonistin zu lesen. Dass Gemma vorübergehend in einem Kloster lebte und dort in den Tugenden geübt wurde, war kein Zufall – es war der ausdrückliche Wunsch ihres Beichtvaters, Bischof Volpi, der nach der Untersuchung der Stigmata empfahl, Gemma „für kurze Zeit in einem Konvent unterzubringen“. Er wollte die außerordentlichen Phänomene in Gemmas Leben prüfen, und er wollte sie geschützt wissen. Schwester Maria erfüllte eine Aufgabe. Ob sie es mit Freude tat oder aus Pflichtbewusstsein, ob hinter ihrer Strenge Zuneigung steckte oder echter Widerstand – das wissen wir nicht. Was wir wissen: Gemma hat ihr nie Übles nachgetragen. In ihrem Herzen gab es für niemanden Feindschaft. Nicht einmal für die, die sie schlugen. Und vielleicht hat auch Schwester Maria über den Tag am Weg in Lucca irgendwann gelacht.

 

Warum diese Geschichte heute noch zählt

Man begegnet der hl. Gemma Galgani in den meisten Texten als Stigmatisierte, als Mystikerin, als Tochter der Passion – ein Bild, das stimmt und doch unvollständig ist. Die Frau, die jeden Donnerstagabend eine Heilige Stunde hielt und dabei manchmal bis zwei Uhr nachts blieb, weil Jesus bei ihr war; die Frau, die ihren Schutzengel mit Briefen nach Rom schickte; die Frau, die für einen stadtbekannten Gotteslästerer so lange betete, bis er um Sterbesakramente bat – diese Frau war auch die, die am Weg in Lucca mit einem Lächeln „Occhi bassi, Suor Maria!“ sagen konnte. Die Heiligen sind uns am nächsten, wenn sie uns am menschlichsten begegnen. Und Gemma ist hier ganz nah.

 

Vgl. Maria Veronika Rubatscher: Bei Gemma Galgani, Band I, S. 264f. (EOS-Verlag St. Ottilien, 1950)