Am langen Tisch der Familie Giannini gibt es einen Platz, den niemand begehrt: ganz am Ende, hinter dem breiten Rücken der Tante Cäcilia, von deren geschäftiger Lebhaftigkeit halb verdeckt. Genau diesen Platz hat Gemma Galgani sich ausgewählt. Kein Zufall. Gemma fastet – unaufhörlich und streng – und sie möchte, dass es keiner merkt. Am letzten und unbequemsten Platz der Tafel ist das am leichtesten.
Der Stuhl und der Löffel
Gemma hat noch eine zweite Entdeckung gemacht: einen Stuhl, der ein Stück niedriger ist als die anderen. Auch der gehört nun ihr. Und dann – das eigentliche kleine Meisterstück – der Löffel.
Da ihr die Sorge für das Tischbesteck anvertraut wurde, hat sie unter all den Suppenlöffeln einen gefunden, der in seiner hohlen Mitte ein Loch hat. Ein Löffel, der nicht hält, was er verspricht. Genau der richtige. Von da an ist es „ihr“ Löffel. Mit ihm ist sie bei der Suppe, bei den guten Cremen und den Tunken der luccheser Küche immer als letzte fertig – und hat doch weniger gegessen als alle anderen. Das Loch im Löffel tut still seine Arbeit, und niemand am Tisch bemerkt etwas.
Bei Fleisch und Fisch wird es schwieriger
Solange die Schüsseln mit Flüssigem kreisen, gelingt das Versteckspiel gut. Bei Fleisch und Fisch aber – und was die luccheser Küche sonst noch aufträgt – ist es schwieriger. Hier hilft kein Löffel mit Loch.
Und dann ist da noch Cäcilias Blick. Die Tante überwacht das Mahl mit scharfen Augen, und ihr entgeht wenig. Wenn Gemmas Teller zu lange unberührt bleibt, dauert es nicht lang bis: „Was sind das für Geschichten? Iss!“ Cäcilia brummt es, ohne viel Federlesens. Sie erspart „ihrer“ Gemma keine Rüge – vor anderen erst recht nicht. Wer Gemma liebhat, sagt ihr die Wahrheit. Und Cäcilia liebt sie sehr.
Herr Matteo, der Apotheker
Vom oberen Ende des Tisches klingt eine andere Stimme, väterlicher im Ton, aber nicht weniger bestimmt. Matteo Giannini – Cavaliere, Hausherr, Wohltäter der Passionisten und, wie er selbst nie vergisst, gelernter Apotheker – hat ebenfalls ein Auge auf den Teller seiner Schutzbefohlenen. „Gemma, iss! Sonst musst du Appetit-Tee trinken und meine Pulver und Pillen schlucken!“ Er bleibt eben immer Apotheker, auch im fröhlichen Kreis der Seinen und vor den dampfenden Schüsseln hausgemachter Makkaroni. Das Rezept gegen mangelnden Appetit hat er stets zur Hand. Gemma lacht. Und sie folgt. Sie isst – ein bisschen mehr, widerwillig und mit dem Lachen, das ihr eigen ist – und spart sich das Hungern auf später, auf eine Stunde, in der es keiner sieht.
Nur Der am Kreuz
Das ist der letzte Satz in Rubatschers Erzählung, und er ist der schönste: Gemma spart sich das Fasten auf „ein anderes Mal, wenn es keiner merkt, nur Der am Kreuz.“ Kein Traktat über Askese hätte das besser sagen können. Das Fasten ist kein Selbstzweck, keine Zur-Schau-Stellung, keine Leistung. Es ist ein stilles Gespräch zwischen zwei Personen: Gemma und Jesus. Die anderen am Tisch sitzen nicht mit dabei. Und doch sitzt Gemma mitten unter ihnen. Lacht mit Matteo, hört auf Cäcilia, isst, wenn sie muss. Die Heiligkeit versteckt sich nicht im Kloster – sie versteckt sich im Loch eines Suppenlöffels.
Was diese Geschichte über Gemma sagt
Maria Veronika Rubatscher hat in ihrem zweibändigen Werk „Bei Gemma Galgani“ (1950) viele besondere Szenen aus Gemmas Leben festgehalten. Diese hier, auf den Seiten 284 bis 285, ist eine der menschlichsten. Sie zeigt eine Gemma, die keine Heilige im Schaukasten ist. Sie sitzt am schlechten Platz, isst mit dem kaputten Löffel, lacht über den Apotheker-Witz von Herrn Matteo und gehorcht der rauen Cäcilia. Und tut das alles mit einer Leichtigkeit, die nur möglich ist, wenn man weiß, für wen man es tut.
