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„Ich verlange von dir nur Liebe.“ - Gemma Galgani und die Freiheit, nichts von sich selbst zu erwarten

Im Sommer 1900 schrieb Gemma Galgani in ihr Tagebuch einen Satz, der alles zusammenfasst, was sie über sich selbst und über Gott dachte. Nach der Kommunion sprach sie Jesus an und sagte: „Wenn du eine Vergeltung von mir willst, die den Gnaden gleichkommt, musst du sie spärlicher austeilen. Denn was willst du von einer solchen Mistgrube erwarten, die nur fähig ist, dich zu beleidigen?“ Es gibt zwei Möglichkeiten, diesen Satz zu lesen. Die eine ist psychologisch: eine junge Frau mit niedrigem Selbstwertgefühl, die sich selbst herabsetzt. Die andere ist theologisch: eine Seele, die bis auf den Grund verstanden hat, dass der Mensch aus sich heraus nichts vermag – und dass genau darin nicht Verzweiflung liegt, sondern Freiheit. Gemmas ganzes Leben spricht dafür, dass die zweite Lesart die richtige ist.

 

Die größte Sünderin der Welt

Wer Gemmas Autobiografie liest, stößt auf jeder Seite auf Selbstanklagen, die beim ersten Lesen befremden. Sie nennt sich die größte Sünderin der Welt, die Allerletzte und Allerunwürdigste aller Kreaturen. Sie bittet ihren Seelenführer P. Germano, Gott auszurichten, wie schlecht sie sei. Und P. Germano bezeugt: Sie meinte es so. Nicht als rhetorische Floskel, sondern als ehrliche Überzeugung.

Das ist schwer auszuhalten für moderne Ohren. Wir sind gewohnt, Selbstliebe als Voraussetzung für ein gesundes Leben zu betrachten, und Selbstabwertung als Symptom einer Störung. Doch bei Gemma führt die Selbsterkenntnis nicht in die Depression, sondern in die Anbetung. Sie sieht sich selbst im Licht Gottes – und in diesem Licht wird alles Menschliche durchsichtig. Nicht vernichtet, aber durchsichtig. Und was hindurchscheint, ist nicht das eigene Vermögen, sondern die Gnade.

 

Nicht einmal die Belohnung der Tugend

Am deutlichsten zeigt sich Gemmas Verständnis der Gnade in einem Gebet, das P. Germano in seiner Biografie überliefert. Gemma betete: „Gib mir, mein Jesus, die Gnade, dass ich alles nur um deinetwillen tue, ohne Belohnung zu erwarten, nicht einmal die Belohnung der Tugend.“ Dieser letzte Nebensatz ist von einer Radikalität, die man erst beim zweiten Lesen erfasst. Gemma bittet nicht nur darum, keinen irdischen Lohn zu suchen – das wäre fromme Konvention. Sie bittet darum, nicht einmal die Tugend selbst als Ertrag ihrer Anstrengung betrachten zu dürfen. Die Tugend soll nicht ihr Verdienst sein, sondern Gottes Geschenk. Nicht einmal das Gutsein will sie sich zurechnen. Das ist kein Masochismus. Es ist die konsequenteste Form dessen, was die katholische Theologie die Lehre von der Gnade nennt: dass der Mensch durch eigene Kraft weder den Glauben ergreifen noch die Liebe üben kann, sondern dass beides Geschenk ist. Gemma hat diese Lehre nicht in Büchern gelernt – sie hat kaum theologische Bücher gelesen. Sie hat sie erlebt.

 

Der Stolz als eigentlicher Feind

Wenn Gemma von ihren Sünden spricht, meint sie nicht spektakuläre Vergehen. Was sie bei sich entdeckt und bekämpft, ist fast immer dasselbe: der Stolz. Im Tagebuch berichtet sie, wie Jesus sie fragt, worin sie ihm ähnlich sei. Sie versteht nicht. Er antwortet: „Im Demütigsein.“ Und sie kommentiert: „Da verstand ich alles. Mein größter Fehler war immer der Stolz gewesen.“ Dieser Kampf gegen den Stolz durchzieht das gesamte Tagebuch mit einer Ehrlichkeit, die jeden Verdacht der Frömmelei zerstreut. Gemma beschreibt, wie sie es nicht schafft, sich vor einer Mitbewohnerin zu verdemütigen. Wie sie lügt und es erst Stunden später zugibt. Wie der Schutzengel sie tadelt und der Teufel ihr einflüstert, sie solle sich auf ihre Bußwerke etwas einbilden. Was Gemma bekämpft, ist präzise jene Haltung, die meint, man könne aus eigener Kraft gut werden. Sie kennt diese Versuchung – und sie durchschaut sie als den eigentlichen Feind.

 

„Als du mich erschaffen hast, hast du es ohne mich getan“

Im vielleicht tiefsten theologischen Moment des Tagebuchs spricht Gemma nach der Kommunion mit Jesus und sagt: „Wie habe ich das alles verdient? Wie kann ich für so viele Gnaden je dir danken?“ Und dann, in einer Wendung von erstaunlicher Klarheit: „Als du mich erschaffen hast, hast du es ohne mich getan – so hast du auch schon ohne mich alles Lob, das du verdienst.“ Die Logik ist bestechend: Wenn Gott den Menschen ohne dessen Mitwirkung erschaffen hat, dann kann der Mensch auch der Gnade nichts hinzufügen, was nicht schon Geschenk wäre. Das Lob, die Tugend, die Liebe – alles kommt von Gott und kehrt zu Gott zurück. Der Mensch ist nicht Produzent, sondern Gefäß. Eine junge Frau ohne theologische Ausbildung formuliert hier, im Gespräch mit Jesus, was Augustinus in Jahrhunderten der Auseinandersetzung mit dem Pelagianismus erarbeitet hat: Dass die Gnade allem zuvorkommt und dass auch unser Ja zu Gott schon Gnade ist.

 

Keine Passivität, sondern Empfangsbereitschaft

Man könnte einwenden: Wenn der Mensch nichts vermag, wozu dann überhaupt leben? Wozu sich mühen, kämpfen, gehorchen? Gemma gibt die Antwort nicht theoretisch, sondern durch ihr Leben. Denn dieselbe Frau, die sich für die größte Sünderin hielt, war alles andere als passiv. Sie pflegte ihren todkranken Bruder Tag und Nacht. Sie half den Armen, wo sie konnte. Sie gehorchte ihrem Beichtvater in allem, auch wenn es sie zerriss. Sie betete stundenlang und stand früh auf, um zur Kommunion zu gehen. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – sie tat all das nicht, weil sie glaubte, sich dadurch den Himmel zu verdienen. Sie tat es, weil Jesus es von ihr erbat. Und selbst die Kraft dazu schrieb sie nicht sich selbst zu, sondern ihm. „Ich verlange von dir nur Liebe“, sagt Jesus im Tagebuch. Und Gemma versteht: Auch die Liebe, die sie für ihn empfindet, ist sein Geschenk. Der Kreislauf ist vollkommen geschlossen. Alles kommt von Gott, alles geht zu Gott, und der Mensch ist der glückliche Ort, an dem sich dieses Geben und Empfangen ereignet.

 

Losschälung

P. Germano berichtet, was ihn an Gemma am meisten beeindruckte: nicht die Stigmata, nicht die Ekstasen, sondern ihre Losschälung von allem Irdischen. Sie besaß nichts und wollte nichts besitzen. Nicht einmal geistliche Tröstungen beanspruchte sie für sich. Lobsprüche missfielen ihr, weil sie niedrig von sich dachte. Tadel nahm sie an, weil er ihr half, die Wahrheit über sich selbst zu sehen.

Diese Losschälung war die praktische Konsequenz ihrer Gnadenlehre. Wer nichts von sich selbst erwartet, dem kann auch nichts genommen werden. Wer kein Verdienst beansprucht, den kann kein Mißerfolg zerbrechen. Wer die Tugend als Geschenk empfängt, muss nicht verzweifeln, wenn er fällt – denn der Geber kann sie jederzeit neu schenken. Gemma fiel oft. Sie lügte, sie war stolz, sie war ungehorsam. Aber sie stand immer wieder auf – nicht aus eigener Kraft, wie sie sagte, sondern weil Jesus sie aufhob.

 

Eine Botschaft für unsere Zeit

Wir leben in einer Kultur der Selbstoptimierung. Der Mensch soll an sich arbeiten, sich verbessern, seine Ziele erreichen. Scheitern gilt als Schande, Schwäche als Makel. In der religiösen Variante dieser Haltung wird auch die Heiligkeit zum Projekt: Man muss mehr beten, mehr fasten, mehr leisten – und dann wird man vielleicht gut genug für Gott. Gemma widerspricht dem von Grund auf. Nicht mit einer Theorie, sondern mit ihrem Leben. Sie zeigt, dass Heiligkeit nicht das Ergebnis menschlicher Anstrengung ist, sondern das Ergebnis göttlicher Gnade, die auf eine offene Seele trifft. Der Mensch muss nicht gut genug für Gott werden – er muss nur aufhören, so zu tun, als könnte er es aus eigener Kraft. Genau das meint Jesus, wenn er im Tagebuch zu Gemma sagt, er werde sie mit der Zeit zu einer Heiligen machen. Er werde es tun. Nicht sie. Und Gemma, mit jener Ehrlichkeit, die alles an ihr durchdringt, kommentiert diesen Satz so: „Darüber sage ich nichts, weil es unmöglich ist.“ Sie glaubt nicht an sich. Sie glaubt an ihn. Und genau das, so scheint es, war genug.