Thérèse von Lisieux hat den „kleinen Weg“ beschrieben. Gemma Galgani ist ihn gegangen, ohne ihn zu beschreiben. Das ist kein kleiner Unterschied – es ist vielleicht der entscheidende.
Beide Frauen lebten im selben Jahrzehnt, beide starben jung an Tuberkulose, beide brannten vor Liebe zu Jesus. Und beide gelangten auf ihre Weise zu derselben Erkenntnis: dass Heiligkeit keine Leistung ist, sondern ein Fallen – in die Hände Gottes, der aufängt.
Thérèse und das Buch, das sie schließt
In einem Brief an Pater Adolphe Roulland schreibt Thérèse von Lisieux: „Manchmal, wenn ich gewisse geistliche Abhandlungen lese, in denen die Vollkommenheit durch tausenderlei Erschwerungen hindurch und von einer Menge Illusionen umgeben beschrieben wird, ermüdet mein armer kleiner Geist gar schnell. Ich schließe das gelehrte Buch, das mir Kopfschmerzen macht und das Herz austrocknet, und greife zur Heiligen Schrift. Dann erscheint mir alles voll Licht. Ein einziges Wort erschließt meiner Seele unendliche Horizonte – die Vollkommenheit scheint mir leicht, ich sehe, dass es genügt, sein Nichts zu erkennen und sich wie ein Kind Gott in die Arme zu werfen.“
Thérèse von Lisieux, Brief an P. Adolphe Roulland
Das ist die Bewegung des kleinen Weges in einem einzigen Atemzug: das gelehrte Buch wird zugeklappt. Die Schrift wird geöffnet. Die Vollkommenheit wird leicht. Das Kind fällt. Thérèse hat diesen Weg reflektiert, erarbeitet, in Sprache gefasst. Sie hat ihn aus ihrer Erfahrung heraus beschrieben und damit anderen erschlossen. Das ist das Große an ihr als Kirchenlehrerin: Sie hat nicht nur gelebt, was sie lehrte – sie hat es auch lehrbar gemacht.
Gemma und das Buch, das sie nie zugeklappt hat
Gemma Galgani hatte kaum Bücher. Sie war keine gebildete Leserin, die sich von geistlichen Abhandlungen müde gelesen hatte und dann zur Schrift zurückfand. Sie ist nie in die Irre gegangen, aus der Thérèse zurückkehren musste. Und doch ist der Ort, an dem beide ankommen, derselbe. P. Germano schreibt über Gemma: „Wenn es eine Tugend gab, die Gemma auszeichnete, war es ihre evangelische Einfachheit.“ Nicht angelernte Einfachheit. Nicht erkämpfte Einfachheit. Evangelische Einfachheit – jene, die das Evangelium meint, wenn es sagt: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder. In ihrer Autobiographie schreibt Gemma: „Mein ganzes Leben habe ich nie auf meine Gebete geachtet.“ Ein Satz, so nebenbei hingeworfen, der Thérèses ganze Reflexion über unvollkommenes Beten in einem Halbsatz zusammenfasst. Keine Theorie. Kein Programm. Nur die schlichte Feststellung eines Menschens, der sich nie selbst beobachtet hat.
„Ich verlange von dir nur Liebe“
Das Wort, das Jesus zu Gemma sagt – und das der Blogartikel auf dieser Website trägt, der allein diesen Satz zum Thema macht – ist der präziseste Ausdruck des kleinen Weges, den man finden kann: „Ich verlange von dir nur Liebe.“ (Jesus zu Gemma Galgani, aus ihren Briefen) Nicht Vollkommenheit. Nicht Leistung. Nicht einmal gute Gebete. Nur Liebe. Thérèse hat zwei Seiten gebraucht, um dasselbe zu sagen. Jesus hat es Gemma in fünf Worten gesagt. Und Gemma hat es gelebt, ohne es zu sagen.
Das Nichts und das Alles
Thérèse sagt: „Es genügt, sein Nichts zu erkennen und sich wie ein Kind Gott in die Arme zu werfen.“ Gemma sagt: „Gemma allein vermag nichts. Aber Gemma mit Jesus vermag alles.“ Der Aufbau ist identisch. Das Nichts des Menschen. Das Alles Gottes. Dazwischen: das Kind, das fällt, und die Hände, die auffangen. Der Unterschied liegt einzig im Stil. Thérèse formuliert es als Einsicht: „Ich sehe, dass es genügt…“ Gemma formuliert es als Ausruf: „Gemma allein vermag nichts!“ Die eine analysiert. Die andere jubelt. Aber beide meinen dasselbe.
Zwei verschiedene Wege – ein Ziel
Thérèse kam aus einer tieffrommen, bücherreichen Familie in der Normandie. Sie hatte Teresa von Ávila gelesen, Johannes vom Kreuz, die Nachfolge Christi. Sie kannte die große mystische Tradition und spürte, dass sie nicht für sie gemacht war. Daraus entstand der kleine Weg: nicht als Abkürzung, sondern als Erkenntnis, dass Gott für die Kleinen einen anderen Aufzug gebaut hat als die große Treppe der Vollkommenheit. Gemma kam aus Lucca, aus einer Familie, die arm wurde. Sie hatte die Gabrielbiographie gelesen – und das war vermutlich das Buch, das ihr Leben am tiefsten geprägt hat. Sie kannte keine mystische Theorie. Sie hatte keine Tradition zu überwinden. Sie war einfach – von Anfang an. Thérèse beschreibt den Aufzug. Gemma fährt mit ihm – ohne zu wissen, dass er einen Namen hat.
Was uns das sagt
Der „kleine Weg“ ist keine Erfindung Thérèses. Er ist eine Entdeckung. Und wie alle großen geistlichen Entdeckungen gilt: Er war schon immer da. Andere sind ihn gegangen, bevor jemand ihn beschrieben hat. Gemma Galgani ist dafür ein Zeuge. Nicht weil sie Thérèse kannte, sondern weil sie denselben Jesus kannte. Und der führt alle, die sich ihm überlassen, am Ende an denselben Ort: in die Hände des Vaters, klein wie Kinder. Thérèse hat uns das Wort für diesen Ort geschenkt. Gemma hat uns gezeigt, wie man ihn geht. Beide sind unverzichtbar.
Ein letztes Wort: die Eucharistie
Es gibt noch einen Punkt, der beide verbindet und über den „kleinen Weg“ hinausführt: die Eucharistie.
Thérèse sagt, der kleine Weg sei vor allem der Weg der Kommunion – des täglichen Empfangens, nicht als Verdienst, sondern als Geschenk. Gemma schreibt an P. Germano: „Jeden Morgen gehe ich zur heiligen Kommunion: der größte und einzige Trost, den ich habe.“ Und an anderer Stelle: „Ist es möglich, dass es Seelen gibt, die nicht verstehen, was die seligste Eucharistie ist?“ Dieselbe Verwunderung. Dieselbe Liebe. Derselbe Weg. „Gemma allein vermag nichts. Aber Gemma mit Jesus vermag alles.“ Vielleicht ist das der beste Satz, der je über den kleinen Weg geschrieben wurde – von jemandem, der nie von ihm gehört hat.
„Ich verlange von dir nur Liebe.“
— Jesus zu Gemma Galgani
„Es genügt, sein Nichts zu erkennen
und sich wie ein Kind Gott in die Arme zu werfen.“
— Thérèse von Lisieux
Siehe auch: Zwei Schwestern im Geist? Gemma Galgani und Thérèse von Lisieux im Vergleich
