Im Leben der heiligen Gemma Galgani gibt es eine Gestalt, die oft übersehen wird und die doch zu den wichtigsten Zeuginnen ihrer Heiligkeit gehört: Eufemia Giannini, eines der Kinder jener Familie, die Gemma als Pflegetochter aufnahm. Eufemia war Gemmas Liebling unter den Giannini-Kindern, die Vertraute ihrer Geheimnisse, die Augenzeugin ihrer Ekstasen und die treue Begleiterin in der letzten Krankheit. Was Gemma in diese junge Seele hineinlegte, trug Frucht über Jahrzehnte: Eufemia wurde Passionistin, gründete eine eigene Ordensgemeinschaft im Geist der heiligen Gemma und wurde 2008 von Papst Benedikt XVI. zur Ehrwürdigen erklärt.
Ein Kind im Haus der Heiligen
Eufemia Giannini wurde am 27. Oktober 1884 in Lucca geboren, als Tochter des Cavaliere Matteo Giannini und seiner Frau Giustina. Die Familie gehörte zu den angesehensten der Stadt und war tief im katholischen Glauben verwurzelt. Eufemia besuchte die Grund- und Sekundarschule bei den Dorothea-Schwestern und legte anschließend erfolgreich das Lehrerinnenexamen ab. Sie war also sechs Jahre jünger als Gemma – ein Teenager, als die junge Mystikerin in ihr Elternhaus einzog. Im Frühling 1899 geschah das Ereignis, das Eufemias Leben für immer verändern sollte. Gemma Galgani, die verwaiste Apothekerstochter, wurde in die Familie Giannini aufgenommen. Eufemias Bruder Mariano erinnerte sich später an die erste Begegnung der beiden Mädchen. Die Familie kannte Gemma zunächst nur dem Namen nach – durch eine Tante, die Gemma erwähnt hatte. Doch als die junge Frau ins Haus kam, war die Wirkung unmittelbar. Zwischen Eufemia und Gemma entstand eine Verbindung, die über gewöhnliche Freundschaft weit hinausging.
„Bei dir schäme ich mich nicht mehr“
Gemma war von Natur aus zurückhaltend und bemühte sich ängstlich, die außerordentlichen Gnadenerweise – Ekstasen, Stigmata, Visionen – vor den Blicken anderer zu verbergen. Doch gegenüber Eufemia ließ sie diese Scheu fallen. Gemma sagte zu ihr: „Bei dir schäme ich mich nicht mehr.“ Es ist ein Satz von ergreifender Schlichtheit. Er zeigt, dass Gemma in diesem Mädchen eine Seele erkannte, der sie sich anvertrauen konnte, ohne Angst vor Unverständnis oder Neugier.Und an einem anderen Tag, als Eufemia sich mit P. Germano unterhielt, sagte Gemma: „Lass mich bei euch sein, damit ich dich besser kennenlernen kann.“ Die Heilige suchte die Nähe dieses Kindes – nicht umgekehrt. Gemeinsam mit Tante Cecilia wurde Eufemia zur wichtigsten Chronistin von Gemmas mysischem Leben. Die beiden schrieben Gemmas Worte während der Ekstasen mit – jene Gespräche mit Jesus, die zu den kostbarsten Zeugnissen der christlichen Mystik gehören. Ohne Eufemia und Cecilia wären hundertfünfzig dieser Gespräche verloren.
Was Eufemia über Gemma bezeugte
Im Seligsprechungsprozess und in späteren Aussagen gab Eufemia ein Bild von Gemma, das in seiner Nüchternheit überzeugender ist als jede Hagiografie. Über Gemmas Alltag sagte sie: „Gemma war immer sehr fügsam und gehorsam; sie war einfach und verhielt sich nie mit geziertem Benehmen. Wir haben nie die leiseste Spur von Falschheit bei ihr bemerkt. Sie antwortete mit einem ‚Ja‘ oder einem ‚Nein‘ und versuchte normalerweise nicht, sich in Erklärungen zu ergehen. Sie war immer gut und freundlich zu allen, aber ohne Zeremonie. Manchmal wusste sie nicht einmal, wie man ‚Danke‘ sagt.“ Über Gemmas Platz bei Tisch erinnerte sich Eufemia an ein bezeichnendes Detail: Gemma nahm nie an den Familiengesprächen teil. Höchstens wechselte sie ein paar Worte mit den jüngsten Kindern – Dina, Prisca, Guglielma und Maria –, die neben ihr am Ende des rechteckigen Tisches saßen. Über Gemmas Demut gab Eufemia ein besonders eindrückliches Zeugnis: „Obwohl sie so begabt war, hätte nur ein winziges bisschen Stolz ihr großes geistliches Gebäude zum Einsturz gebracht. Doch als hätte sie von alledem nichts gewusst, blieb sie immer auf ihrem Platz – dem letzten –, heiter und ruhig. Sie nahm nicht wahr, ob die Menschen sie liebten oder ihr übelwollten, ob man sich um sie kümmerte oder nicht. Lob und Tadel ließen sie gleichgültig. Sie hatte die Wahrheit über sich selbst erkannt und lebte nach dieser Wahrheit und war immer glücklich über ihr Nichts.“ Und Eufemia fügte hinzu: „Ich, die ich sie im familiären Leben gekannt habe, kann sagen, dass sie sich für nichts hielt und sich immer den niedrigsten Diensten widmete. Ich erinnere mich, dass sie in den letzten Tagen ihrer Krankheit den Krankenschwestern, die sie nach ihrem Lieblingsgebet fragten, mit großer Innigkeit antwortete: ‚Mein Jesus, Barmherzigkeit!‘“ Eufemia schloss: „Man konnte die Tugend der Demut an ihrem schüchternen Antlitz sehen, an ihrer gesammelten Haltung, ihrer leisen Stimme und an jeder ihrer Handlungen und Worte, so dass sie für uns alle zu Hause ein Vorbild, ein Beispiel und eine Schule der Demut war.“
Die Vision von den Bäumen
Eufemia berichtete auch von einer Vision, die Gemma ihr anvertraut hatte: Jesus zeigte Gemma eine unermessliche Ebene voller Bäume. In der Mitte stand auf einem Platz ein stattlicher Baum, höher als alle anderen. Jesus sagte: „Diese Bäume sind Tugenden. Der höchste und stattlichste ist die Demut.“ Es war diese Vision, die Gemma die Bedeutung der Demut lehrte – und die sie Eufemia weitergab, als wäre es das Natürlichste der Welt.
„Lerne, Eufemia, wie Jesus geliebt werden will“
Die ergreifendste Szene zwischen den beiden spielte sich in Gemmas letzter Krankheit ab. Gemma wurde von einem schweren Hustenanfall geschüttelt, der sie fast zu ersticken drohte. Sie murmelte etwas, das die Umstehenden nicht verstanden. Dann bemerkte sie Eufemia, die mit einer Schüssel dastand und sie mitleidig anschaute. Gemma blickte sie an und sagte: „Lerne, Eufemia, wie Jesus geliebt werden will.“ Es waren Worte am Rand des Todes, gerichtet an ein junges Mädchen mit einer Schüssel in der Hand. Und doch waren sie ein Vermächtnis. Eufemia hat sie nie vergessen.
Das Erbe: Von Eufemia zu Mutter Gemma
Die Begegnung mit Gemma bestimmte Eufemias gesamtes weiteres Leben. Am 21. November 1905, nur zweieinhalb Jahre nach Gemmas Tod, trat sie bei den Passionistinnen in Lucca ein – in genau jenem Kloster, dessen Gründung Gemma vorhergesagt und für das sie so inständig gebetet hatte. Am 25. März 1906 empfing Eufemia das Ordenskleid und wählte als Ordensnamen: Gemma Magdalena von Jesus. Den Namen der heiligen Freundin, die ihr gezeigt hatte, wie man Jesus mit ganzem Herzen liebt. Am 11. April 1907 – dem Jahrestag von Gemmas Tod – legte sie die feierliche Profess ab. Es war, als habe Gemma vom Himmel aus den Zeitpunkt bestimmt. Rund dreißig Jahre lebte Eufemia als Klausurnonne. Dann, nach schweren gesundheitlichen Prüfungen und tiefen geistlichen Erfahrungen, verließ sie das Kloster, um etwas Neues zu beginnen. Nach Gesprächen mit bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit – darunter Papst Pius XII., Padre Pio von Pietrelcina und Pater Giacomo Alberione – gründete sie am 4. Mai 1939 die Schwestern von der hl. Gemma (Le Sorelle di Santa Gemma). Das Charisma dieser neuen Gemeinschaft beschrieb Eufemia so: Sie habe den Geist der heiligen Gemma Galgani als Geschenk des Herrn empfangen und müsse ihn persönlich weiterleben und ihm durch das Institut eine Fortdauer in der Zeit geben. In einer intellektuellen Vision habe der Herr ihr gezeigt, dass die Orte, an denen die heilige Gemma geboren wurde, lebte und starb, von gottgeweihten Seelen unter dem Schutz der Heiligen gehütet werden sollten. So übernahmen die Schwestern von der hl. Gemma die Pflege des Giannini-Hauses in Lucca, in dem Gemma die letzten Jahre ihres Lebens verbracht hatte, sowie ihres Geburtshauses in Camigliano.
Die Ehrwürdige
Eufemia Giannini – Mutter Gemma, wie sie nun hieß – starb am 26. August 1971. Gegen Ende ihres Lebens war sie gelähmt und ans Bett gefesselt, kommunizierte aber weiterhin durch ihren Blick und ihr sanftes, mütterliches Lächeln. Mitschwestern, die sie noch kannten, erinnerten sich gerade an dieses Lächeln. 1990 wurde der kanonische Prozess für ihre Seligsprechung eröffnet. Am 15. März 2008 erklärte Papst Benedikt XVI. sie zur Ehrwürdigen Dienerin Gottes. Ihr Gedenktag wird am 26. August begangen.
Zwei Edelsteine
Die Geschichte von Eufemia und Gemma ist die Geschichte einer Begegnung, die Frucht trug über ein ganzes Jahrhundert. Ein Mädchen mit einer Schüssel in der Hand hörte am Krankenbett einer Sterbenden die Worte: „Lerne, wie Jesus geliebt werden will.“ Und sie lernte es. Sie lernte es so gründlich, dass sie selbst auf dem Weg zur Heiligkeit ist. Gemma Galgani und Eufemia Giannini – die Heilige und die Ehrwürdige, die Mystikerin und ihre Schülerin, die Pflegetochter und das Kind des Hauses: Sie gehören zusammen wie der Same und die Frucht. Und die Schwestern von der hl. Gemma, die noch heute in Lucca und Camigliano die Orte der Heiligen hüten, sind der lebendige Beweis dafür, dass Gemmas Feuer nicht erloschen ist.
