Ein Haus wird zum Heiligtum
Die Giannini wurden „das Reliquiar, das den Edelstein barg“ – so formulierte es ein Passionist über jene Familie aus Lucca, die Gemma Galgani in den letzten Jahren ihres Lebens aufnahm und ihr damit ermöglichte, ihre einzigartige Berufung zu leben. Es ist eine Geschichte gegenseitiger Verwandlung: Die Giannini gaben einem verarmten, verwaisten Mädchen ein Zuhause, und dieses Mädchen gab ihrem Haus einen Glanz, der bis heute leuchtet. Gemma Galgani lebte etwas weniger als vier Jahre bei der Familie Giannini – von 1899 bis zu ihrem Tod am Karsamstag 1903. Es war die kürzeste, aber zugleich die entscheidende Periode ihres Lebens: Hier empfing sie die Geißelungsmale, die Dornenkrönung, Blutränen und Blutschweiß; hier erschien ihr die Gottesmutter mit dem Jesuskind; hier umarmte sie das große Kruzifix, das sich von der Wand löste; hier schrieb sie ihre Autobiografie und die Hunderte von Briefen an P. Germano; hier betete sie alldonnerstäglich die Heilige Stunde. Und hier wurde jedes dieser außerordentlichen Ereignisse von Familienmitgliedern beobachtet, begleitet und aufgezeichnet – ohne diese Zeugnisse wäre Gemmas mystisches Leben der Nachwelt weitgehend verborgen geblieben. Der vorliegende Artikel zeichnet das Verhältnis Gemmas zur gesamten Familie Giannini nach: zum Familienoberhaupt Matteo, zu seiner Frau Giustina, zu seiner Schwester Cecilia, die Gemmas „Adoptivmutter“ wurde, und zu den elf Kindern, unter denen die kleine Eufemia eine Sonderstellung einnahm. Er erzählt, wie Gemma in dieses Haus kam, wie sie dort lebte, wie die Familie mit ihren mystischen Phänomenen umging – und welche Frucht diese Begegnung über den Tod hinaus trug.
Die Familie Giannini – ein Porträt
Der Haushalt in der Via del Seminario
Die Familie Giannini war eine wohlhabende, tief gläubige katholische Familie in Lucca. Ihr Haus in der Via del Seminario Nr. 6 (später Nr. 10) lag im Herzen der Stadt. Der Haushalt bestand aus dem Vater Matteo Giannini, seiner Frau Giustina, ihren elf Kindern und Matteos unverheirateter Schwester Cecilia, die liebevoll „Tante Cecilia“ genannt wurde und bei der Betreuung der vielen Kinder half. Es war ein lebhaftes, großes Haus, das stets offen stand – insbesondere für durchreisende Priester und Ordensleute, vor allem für die Passionisten-Missionare, die gelegentlich durch Lucca kamen.
Matteo Giannini – Der Patriarch
Matteo Giannini war ein angesehener Bürger Luccas, der seinen großen Haushalt mit Besonnenheit und tiefem Glauben führte. Er war ein großer Freund und Wohltäter der Passionisten vom Ritiro „L’Angelo“ bei Ponte a Moriano. Im Seligsprechungsprozess Gemmas legte er ein bedeutsames Zeugnis ab. Über den Einfluss Gemmas auf sein Haus sprach er von „meinen fünf Söhnen, die mir ein großer Trost sind“ – ein Satz, der andeutet, wie tief Gemmas stilles Beispiel in die Erziehung der Kinder gewirkt hatte. Matteo war zugleich derjenige, der mit Gemmas Eigenarten am meisten zu kämpfen hatte. Bischof Proserpio berichtet, dass Matteo sich bisweilen schämte, mit Gemma außer Haus zu gehen – nicht wegen ihres Charakters, sondern wegen ihres auffälligen Äußeren. Gemma trug Sommer wie Winter ein bodenlanges schwarzes Wollkleid, einen schwarzen Mantel und ihren berühmten schwarzen Strohhut mit breiter Krempe, den sie eigens hatte anfertigen lassen, um die bewundernden Blicke junger Männer abzuwehren. Matteo gestand: „Ich würde mich nicht mit ihr draußen zeigen lassen.“ Und doch war es derselbe Matteo, der mit seiner Frau bereitwillig zustimmte, das verarmte, verwaiste Mädchen trotz seiner eigenen großen Familie als Tochter des Hauses aufzunehmen. Bei der Heiligsprechung Gemmas am 2. Mai 1940 saß der hochbetagte Matteo Giannini mit seinem langen weißen Bart unter den 1.300 Bürgern Luccas im Petersdom. Er war einer der wenigen noch Lebenden, die Gemma persönlich gekannt hatten.
Giustina Giannini – Die Mutter des Hauses
Giustina, die Ehefrau Matteos und Mutter der elf Kinder, trug die Hauptlast des täglichen Familienlebens. In den Seligsprechungsakten bezeugte sie, dass Gemma als Geschenk einer Gräfin Guinigi bei der Firmung eine goldene Uhr erhalten habe, die sie jedoch kaum trug. Giustina teilte mit ihrem Mann die Überzeugung, dass Gemma trotz der Belastung für den ohnehin großen Haushalt in der Familie willkommen sei. Gemeinsam nahmen sie Gemma als Tochter auf und behandelten sie als Familienmitglied, nicht als Bedienstete – auch wenn Gemma selbst die bescheidensten Hausarbeiten bevorzugte.
Cecilia Giannini – Die „Adoptivmutter“
Die Schlüsselfigur in Gemmas Aufnahme bei den Giannini war Cecilia, die unverheiratete Schwester Matteos, geboren am 29. Dezember 1847 in San Cassiano di Controne bei Lucca. Cecilia war eine Frau tiefer Frömmigkeit, die im Haushalt ihres Bruders lebte und sich um die Kinder kümmerte. Sie war es, die als Erste eine heilige Liebe zu Gemma empfand und ihren Bruder bat, das heiligmäßige Mädchen bei ihnen aufzunehmen. Cecilia wurde für Gemma zur Adoptivmutter, zur geistlichen Begleiterin und zur unentbehrlichen Vertrauten. Jeden Morgen stand Gemma binnen fünf Minuten fertig an der Tür und wartete auf Cecilia, um gemeinsam zur heiligen Messe zu gehen. Cecilia war es, der Gemma sich anvertrauen konnte wie keinem anderen Menschen. Wenn Cecilia verfügbar war, brachte Gemma ihre Handarbeit zu ihr und sie sprachen über geistliche Dinge. Es war auch Cecilia, der Gemma einst die Not ihrer eigenen Familie anvertraute: „Sie griffen mir mit den Händen in die Tasche und nahmen mir die fünf oder sechs Soldi, die ich hatte, weg.“ Am Heiligabend 1931 starb Cecilia Giannini im Alter von vierundachtzig Jahren. Ihre Grabinschrift auf dem alten Kommunalfriedhof in Lucca, neben Gemmas ursprünglichem Grab, lautet: „Sie lebte, um allen Gutes zu tun, bis zur Selbstvergessenheit. Sie beherbergte und liebte als Tochter die ehrwürdige Gemma Galgani.“
Die Kinder – Elf Geschwister und eine Heilige in ihrer Mitte
Die elf Kinder Matteos und Giustinas wuchsen mit Gemma im selben Haus auf. Unter ihnen ragten zwei Gestalten besonders hervor: Giuseppe (Joseph) Giannini, einer der Söhne und angehender Rechtsanwalt, war derjenige, der Gemmas Kleidungsstil am schärfsten kommentierte. Über ihren schwarzen Strohhut bemerkte er trocken: „Ich würde mich nicht mit ihr draußen zeigen lassen.“ Als Gemma in diesem Aufzug zur Hochzeit eines ihrer Brüder erschien, rief die Braut entsetzt aus: „Was ist denn mit der los? Was macht die hier in diesem Aufzug?“ Gemma hatte als Hochzeitsgeschenk ein Büchlein mitgebracht: „Anleitung zum frommen Leben“ von Franz von Sales. Später, als die Braut von Gemmas Stigmen erfuhr, dürfte sie verstanden haben, dass jemand, der Nagelwunden in den Händen trägt, nichts anderes auf dieser Erde festhalten kann. Eufemia Giannini, das jüngste oder eines der jüngsten Kinder, geboren am 27. Oktober 1884, wurde Gemmas engste Vertraute unter den Kindern. Als Gemma ins Haus Giannini kam, war Eufemia knapp fünfzehn Jahre alt. Es entstand eine innige geistliche Freundschaft, die Eufemias ganzes Leben bestimmen sollte. Es war Eufemia, die zusammen mit Cecilia Gemmas Ekstasen beobachtete und aufzeichnete: „Wir Erwachsenen folgten ihr in ihr Zimmer und riefen sie. Wenn sie nicht antwortete, näherten wir uns und fanden sie bereits in Ekstase. Dann ergriffen wir einen Bleistift und jedes erreichbare Stück Papier und schrieben auf, was sie sagte. Wenn sie kurz schwieg, gingen wir sofort weg. So fand sie sich, als sie wieder zu Bewusstsein kam, allein und glaubte, niemand habe bemerkt, was geschehen war.“ Auf dem Sterbebett sagte Gemma zu Eufemia, sie werde „ihren Platz auf Golgatha einnehmen“. Keine drei Jahre später, am 8. Januar 1906, trat Eufemia in das Passionistinnen-Kloster in Lucca ein – dasselbe Kloster, für dessen Gründung Gemma gebetet und gelitten hatte. Am 25. März 1906 nahm sie den Ordensnamen Gemma Maddalena an, und am 11. April 1907, dem Jahrestag von Gemmas Tod, legte sie die feierliche Profess ab. 1939 gründete sie die Kongregation der Missionsschwestern der heiligen Gemma. Am 15. März 2008 wurde sie von Papst Benedikt XVI. zur Ehrwürdigen erklärt.
Wie Gemma zu den Giannini kam
Die erste Begegnung – Sommer 1899
Im Frühsommer 1899 predigten zwei Passionisten-Patres eine Volksmission in Lucca. Gemma, die bereits die Stigmen empfangen hatte, wurde innerlich erleuchtet, bei einem von ihnen zu beichten und ihm von den außerordentlichen Phänomenen zu berichten. Der Pater, P. Gaetano, fragte Gemma, ob sie die Signora Cecilia Giannini kenne. Als Gemma bejahte, verabredete er ein Treffen im Hause Giannini, um mehr Zeit für die Prüfung der Erscheinungen zu haben. Eufemia Giannini erinnerte sich später genau, wie Gemma zum ersten Mal in ihr Haus kam: Es war Palmira Valentini, eine Freundin Gemmas, die Cecilia eines Abends besuchte und aufgeregt berichtete, was sie bei Gemma beobachtet hatte. Cecilia, in Eile, antwortete: „Ja, sehr interessant, aber bring sie zu uns nach Hause, dann kannst du uns alles besser erzählen.“ Zwei oder drei Tage später kam Palmira mit Gemma, und das war das erste Mal, dass Gemma das Haus der Giannini betrat.
Von der Gastfreundschaft zur Adoption – 1899 bis September 1900
In dieser Zeit lebte Gemma noch bei ihren Tanten, doch die Situation war zunehmend unhaltbar. Ihre außerordentlichen mystischen Erlebnisse – die Ekstasen, die Stigmen, die Erscheinungen – wurden im Haus der Galgani weder verstanden noch geschätzt. Gemmas Beichtvater seit Kindertagen, Monsignor Giovanni Volpi, Weihbischof von Lucca, kannte die geistliche Reife der Familie Giannini und bat Cecilia, ob Gemma bei ihnen unterkommen könne. Eufemia beschrieb den stufenweisen Prozess: „Monsgr. Volpi, der keinen Weg fand, Gemma in ein Kloster zu bringen, nutzte gern die Möglichkeiten, die sich durch die Vorsehung öffneten, und empfahl Signora Cecilia, sie in unserem Haus zu behalten. Zuerst blieb Gemma von morgens bis abends bei uns, dann begann meine Tante, in ihrem Zimmer ein Bett für Gemma aufzustellen, damit sie bei ihr schlafe.“ Cecilia bat ihren Bruder Matteo, das heiligmäßige Mädchen ganz aufzunehmen. Matteo, der Gemma bereits kennengelernt und ihre Sanftmut und Tugenden bewundert hatte, war gemeinsam mit seiner Frau bereit, ihr trotz der eigenen großen Familie ein Zuhause zu geben. Schwieriger war es, Gemmas Tanten zu überzeugen. Obwohl sie nicht immer verständnisvoll waren, liebten sie ihre Nichte, die ihr größter Trost im Haus war. Doch als sie erkannten, welch großer Vorteil die Aufnahme für Gemma in geistlicher und materieller Hinsicht sein würde – und dass es auch die mittellose Familie Galgani entlastete –, stimmten sie schließlich zu. Im September 1900 wurde Gemma endgültig als Tochter des Hauses Giannini aufgenommen.
Das Leben im Haus Giannini
Gemmas Alltag – Dienerin aller
Gemma führte im Haus Giannini ein stilles, arbeitsames Leben. Sie bevorzugte die bescheidensten Hausarbeiten: Häkeln, Stricken und das Flicken der Socken und Kleidung der großen Familie. Ein Priester, der häufig bei den Giannini zu Gast war und Gemma bei ihren täglichen Pflichten beobachtete, konnte nicht umhin, „ihren Geist der Sammlung und Vereinigung mit Gott“ zu bewundern: „Selbst inmitten der ablenkendsten häuslichen Beschäftigungen schien sie stets in Gott versunken und in beständiger Betrachtung. Doch dies hinderte sie nicht daran, mit großer Sorgfalt alles zu tun, was sie gerade tat.“ Beim Essen war Gemma äußerst zurückhaltend. Sie setzte sich zur Familie, nahm einige wenige Bissen und entschuldigte sich dann, um sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen, während die anderen noch plauderten. Wenn Fremde ins Haus kamen, zog sie sich zurück – zum einen aus Höflichkeit, zum anderen, um sich nicht durch Gespräche ablenken zu lassen, die sie nicht interessierten. War jemand im Haushalt krank, pflegte sie den Kranken mit größter Fürsorge und Hingabe. Und wenn ein Bettler an die Tür klopfte, empfand sie tiefe Befriedigung darin, ihm zu helfen. Morgens stand sie eilig auf, richtete in aller Schnelle ihr Haar mit einem Zickzack-Scheitel und wartete nach kaum fünf Minuten still an der Tür auf Signora Cecilia, um gemeinsam in die Kirche zu gehen. Ihr einziger Gedanke war die Begegnung mit Jesus in der heiligen Kommunion. So weit es ihr möglich war, führte Gemma im Hause Giannini das Leben einer Passionistin außerhalb der Klausur: Sie hatte bereits während ihrer schweren Krankheit ein Gelübde der Keuschheit abgelegt und fügte nun – mit Erlaubnis ihres Beichtvaters – die Gelübde der Armut und des Gehorsams hinzu. Sie trug ein Passionisten-Zeichen und betete täglich das Stundengebet.
Ekstasen und Stigmen – die Familie als Zeugin
Gemma war häufig in Ekstase versunken, selbst mitten bei ihren täglichen Verrichtungen. Im Haus Giannini empfing sie die Male der Geißelung Jesu, die Dornenkrönung, Tränen und Schweiß aus Blut. Hier erschien ihr die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind. Hier löste sich das große Kruzifix von der Wand und umarmte sie. Alldonnerstäglich, von elf Uhr abends bis Mitternacht, betete Gemma die Heilige Stunde – jene Betrachtung über Jesu Todesangst im Garten Gethsemani, die ihr einst ihre Lehrerin Giulia Sestini durch das Gebetbuch der seligen Elena Guerra vermittelt hatte. Während dieser Stunden öffneten sich ihre Wunden und bluteten. Die Familie Giannini reagierte auf diese Phänomene mit einer erstaunlichen Mischung aus ehrfurchtiger Diskretion und praktischem Sinn. Eufemia und Cecilia waren die Hauptzeuginnen: Sie folgten Gemma leise in ihr Zimmer, beobachteten ihre Ekstasen und schrieben mit Bleistift auf jedem erreichbaren Stück Papier mit, was Gemma in ihren Dialogen mit Jesus, der Gottesmutter und dem Schutzengel sagte. Wenn Gemma schwieg, zogen sie sich sofort zurück, damit Gemma beim Erwachen nicht bemerkte, dass sie beobachtet worden war. Diese Aufzeichnungen, die Ekstasen-Protokolle, wurden zu einer der wichtigsten Quellen für P. Germano Ruoppolos Biografie und für den späteren Seligsprechungsprozess. Über Gemmas Charakter bezeugte Eufemia: „Gemma war immer sehr fügsam und gehorsam; sie war einfach und benahm sich nie gekünstelt. Wir bemerkten nie auch nur den geringsten Anflug von Unaufrichtigkeit an ihr. Es schien ihr gleichgültig zu sein, ob man ihr glaubte oder nicht; sie antwortete mit einem ›Ja‹ oder einem ›Nein‹ und suchte gewöhnlich keine Erklärungen zu geben. Sie war immer gut und freundlich zu allen, aber ohne Zeremonie.“ Der Brunnen im Garten – Gemmas Kampf um die Reinheit Eine der dramatischsten Episoden im Haus Giannini ereignete sich im Garten. Eines Tages, nachdem Gemma das Abendessen beendet hatte, erschien ihr der Teufel, schnaubend vor Wut, und drohte, sie mit einer Versuchung gegen die Reinheit zu überwältigen. Gemma wurde bleich, hob die Hände zum Himmel und rannte ohne zu zögern geradewegs zu einem tiefen Brunnen im Garten. Es war Winter und das Wasser eiskalt. Sie machte das Kreuzzeichen und warf sich hinein. Sie wäre mit Sicherheit ertrunken, hätte nicht eine unsichtbare Hand ihr zu Hilfe geeilt und sie zitternd aus dem Wasser gezogen. Der Brunnen ist bis heute im Garten der Casa Giannini erhalten und kann von Pilgern besichtigt werden. Er steht als stummes Zeugnis für die Radikalität, mit der Gemma ihre Keuschheit verteidigte – und für die geduldig-staunende Liebe einer Familie, die mit solchen Vorkommnissen in ihrem Haus leben lernte. Reibungen und Prüfungen – Das Zusammenleben war nicht immer einfach So sehr die Giannini Gemma liebten, so sehr stellte ihr ungewöhnliches Leben die Familie auch vor Herausforderungen. Gemmas Ekstasen waren nicht steuerbar – sie konnte mitten in der Arbeit, beim Essen oder im Gespräch in Verzueckung fallen. Gemmas Kleidung sorgte in der ganzen Nachbarschaft für Gesprächsstoff. Straßenjungen umringten sie, zerrten an ihren Kleidern, riefen Beschimpfungen und spuckten ihr ins Gesicht – und Gemma zeigte keinerlei Groll. Die Dämonenangriffe, die Gemma erlitt, waren für die Hausbewohner mitunter erschreckend. Der Teufel warf sie aus dem Bett, schlug sie, ließ sie mit geschwollenem Gesicht und verrenkten Knochen auf dem Boden liegen. Einmal fand ihr Schutzengel sie so schwer misshandelt, dass er sie aufhob und ins Bett legte und die ganze Nacht über sie wachte. Gemmas Schreie während dieser Angriffe müssen die Familie zutiefst beunruhigt haben. Dennoch hielt die Familie stand. Ein Priester, der die Giannini häufig besuchte und Gemma bei ihren täglichen Pflichten gut kannte, wusste bis zu ihrem Tod nichts von ihrer außerordentlichen Heiligkeit – so vollkommen war Gemmas Demut, so diskret war die Familie im Umgang mit dem Geheimnis, das in ihrem Haus lebte.
Das Haus Giannini als geistlicher Ort
P. Germano – über die Giannini zu Gemma
Es war im Haus Giannini, dass Gemma erstmals von P. Germano Ruoppolo hörte, einem herausragenden Passionisten und Freund der Familie, der in Rom lebte. Monsignor Volpi verwies sie an diesen geistlichen Meister. P. Germano wurde Gemmas Seelenführer und begleitete sie mit großer Weisheit und Unterscheidungsgabe auf den Wegen des Geistes. Zwischen dem jungen Mädchen und dem Pater entspann sich ein reger Briefwechsel, der uns zum Großteil erhalten ist und zusammen mit den Ekstasen-Protokollen die wichtigste Quelle für die Spiritualität der Heiligen aus Lucca bildet. Am Schreibtisch in ihrem Zimmer bei den Giannini schrieb Gemma ihre Autobiografie und die Hunderte von Briefen, die heute in zwei umfangreichen Bänden veröffentlicht vorliegen. Das große Kruzifix – Zentrum des Hauses Im Haus Giannini hing ein großes Kruzifix, das in Gemmas mystischem Leben eine zentrale Rolle spielte. Die Überlieferung berichtet, dass es sich von der Wand löste und Gemma umarmte. Vor diesem Kruzifix betete Gemma ihr berühmtes Hingabegebet: „Mein lieber Gott, ich überlasse mich ganz Deinen heiligsten Händen, damit Du mit mir und meinen Dingen tust, was Dir am liebsten ist. In dieser süßen Hingabe ruhe ich an Deinem göttlichen Herzen, wie das zarte kleine Mädchen an der Brust seiner Mutter ruht. Du denkst an alles, und ich werde nur daran denken, Dich zu lieben und Deinen heiligsten Willen zu erfüllen.“ Das Kruzifix, der berühmte „Canterale“ (die Kommode) und der Schreibtisch sind bis heute in der Casa Giannini erhalten.
Ein Gebetsgebet wird zum Verhängnis – der Teufel verbrennt das Manuskript
Gemma schrieb ihre Autobiografie auf Anweisung P. Germanos. Das fertige Manuskript wurde Cecilia zur Aufbewahrung gegeben, die es in einer Schublade versteckte, bis sich eine Gelegenheit bot, es P. Germano zu übersenden. Einige Tage vergingen, und Gemma glaubte zu sehen, wie der Teufel durchs Fenster des Zimmers fuhr, in dem die Schublade stand, hämisch grinste und in der Luft verschwand. Als er bald darauf zurückkam, um sie mit einer abstoroßenden Versuchung zu belästigen, und scheiterte, verließ er sie zähneknirschend und rief triumphierend: „Krieg, Krieg, dein Buch ist in meinen Händen!“ Als man die Schublade öffnete, fand man das Manuskript mit Brandspuren auf jeder Seite – Gemmas schöne Handschrift war noch lesbar, doch jede Seite sah aus, als sei sie versengt worden. Das Manuskript ist bis heute erhalten – ein weiteres stilles Zeugnis aus dem Haus Giannini.
Die schmerzliche Trennung – Gemmas letzte Wochen
Am 21. September 1902 wurde Gemma schwer krank. Die Ärzte diagnostizierten Tuberkulose. Um die Giannini-Familie – vor allem die vielen Kinder – vor Ansteckung zu schützen, beschlossen die Ärzte, Gemma aus dem Haus zu entfernen. Es vergingen einige Monate, bevor die Familie sich dazu überwinden konnte. Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden: Man mietete ein Zimmer in der Via della Rosa Nr. 29, direkt gegenüber dem Giannini-Haus, und spannte eine Schnur mit einer Glocke über den dazwischenliegenden Hof, damit Gemma die Familie rufen konnte. Am 24. Januar 1903 wurde Gemma in dieses bescheidene Zimmer überführt. P. Germano schrieb, sie habe dieses letzte Opfer mit einer ruhigen Ergebung gebracht, die selbst jene erstaunte, die sie am besten kannten. Gemma konnte nun wahrhaftig sagen: „Ich habe alles geopfert; mir bleibt nichts mehr, als mich auf den Tod vorzubereiten.“ Knapp zwei Monate später, am Karfreitag 1903, trat Gemma mit ausgestreckten Armen in eine lange Ekstase ein – ans Kreuz genagelt, wie sie sagte, mit Jesus. Wer sie an jenem Tag und in der folgenden Nacht leiden sah, wusste, dass das Ende nahte. Am Karsamstag, dem 11. April 1903, wurde ein Priester gerufen, der ihr die Letzte Ölung spendete. Im Beisein der Giannini-Familie starb Gemma am Nachmittag jenes Karsamstags – sie war fünfundzwanzig Jahre alt. Ihr Gesicht war so friedvoll, dass die Anwesenden kaum glauben konnten, dass sie tatsächlich tot war.
Das Erbe – Wie Gemma die Familie Giannini verwandelte
Matteos fünf Söhne und Gemmas stilles Wirken
Matteo Giannini sprach im Seligsprechungsprozess von „meinen fünf Söhnen, die mir ein großer Trost sind“ – und deutete damit an, wie tief Gemmas stilles Beispiel der Tugend in seine Familie hineingewirkt hatte. Gemma hatte weder gepredigt noch belehrt. Sie hatte gehäkelt und Socken geflickt, Kranke gepflegt und Bettlern geholfen, wenig gesprochen und viel gebetet. Aber die Übernatürlichkeit ihres Lebens, die selbst ein Priester nicht erkannte, der sie täglich sah, hatte die Atmosphäre eines ganzen Hauses geprägt.
Eufemias Berufung – die Frucht einer Freundschaft
Die tiefste Frucht von Gemmas Jahren bei den Giannini war die Berufung Eufemias. Auf dem Sterbebett hatte Gemma zu ihrer jungen Freundin gesagt, sie werde ihren Platz auf Golgatha einnehmen. Eufemia trat 1906 in das Passionistinnen-Kloster in Lucca ein – das Kloster, das Gemma in einer Ekstase von Christus den Auftrag erhalten hatte zu gründen. Eufemia nahm den Ordensnamen Gemma an. Später, nach langen Jahren der Klausur und einer schweren Krankheit, empfing sie vor dem Allerheiligsten eine Vision: Die Orte, an denen Gemma geboren wurde, lebte und starb, sollten von gottgeweihten Seelen behütet werden. 1939 gründete sie die Missionsschwestern der heiligen Gemma Galgani, die bis heute die Casa Giannini in Lucca und das Geburtshaus in Camigliano betreuen. Am 26. August 1971 starb die ehrwürdige Mutter Gemma Eufemia Giannini, umgeben von ihren Schwestern, nachdem sie die heilige Kommunion empfangen hatte.
Die Giannini bei der Heiligsprechung 1940
Am 2. Mai 1940, Christi Himmelfahrt, füllten 1.300 Bürger Luccas unter der Führung ihres Erzbischofs den Petersdom in Rom. Papst Pius XII. kniete vor dem Altar nieder – er kniete vor der kleinen Gemma Galgani. Unter den Anwesenden waren zahlreiche Mitglieder der Familie Giannini, die Gemma so treu begleitet hatten: der hochbetagte Matteo mit seinem langen weißen Bart, Eufemia, inzwischen Ordensfrau und Gründerin, und weitere Familienmitglieder. Auch Gemmas jüngste Schwester Angelina war da, sitzend neben der Zitine-Schwester, die Gemma einst als Kind unterrichtet hatte. Was vor vierzig Jahren in einem stillen Haus in der Via del Seminario begonnen hatte, fand an diesem Tag seine Vollendung unter der Kuppel der größten Kirche der Christenheit.
Die Casa Giannini heute – ein Pilgerort
Das Haus der Familie Giannini in der Via del Seminario 10 in Lucca ist heute ein Pilgerort, der von den Schwestern der heiligen Gemma betreut wird. Besucher können Gemmas Zimmer sehen, das Bett, in dem sie schlief, den Schreibtisch, an dem sie ihre Autobiografie und ihre Briefe schrieb, die berühmte Kommode, das große Kruzifix, das Gemma umarmte, die kleine Statue der Schmerzhaften Mutter, die Gemma weinen sah und die eine Erinnerung an ihre eigene Mutter Aurelia war. Im Garten ist der Brunnen erhalten, in den Gemma sich stürzte, um einer Versuchung zu widerstehen. Die Schwestern zeigen den Pilgern auch den Platz, an dem Gemma mit der Familie aß. Von der Casa Giannini ist es nur ein kurzer Weg zur Chiesa di Santa Maria della Rosa, in der Gemma täglich die heilige Messe besuchte, und zum Haus in der Via della Rosa, in dem sie am Karsamstag 1903 starb. Die drei Orte bilden zusammen ein Dreieck des Gedenkens im Herzen von Lucca.
Die Schwestern sind täglich von 9.00 bis 12.00 Uhr und von 15.00 bis 18.00 Uhr erreichbar unter der Telefonnummer +39 0583 48237. Es gibt auch einen kleinen Laden mit Andachtsgegenständen.
Schluss: Das Reliquiar und der Edelstein
Was die Familie Giannini für Gemma war, lässt sich nicht in einem einzigen Wort fassen. Sie waren Gastgeber und Adoptivfamilie, Beschützer und Zeugen, Pfleger und Chronisten. Sie gaben einer verarmten Waise ein Dach über dem Kopf und empfingen dafür einen Schatz, der ihr Haus in ein Heiligtum verwandelte. Sie hüteten das Geheimnis eines Lebens, das von außen so schlicht wirkte und von innen so überwältigend war, mit einer Diskretion, die nur aus tiefer Liebe kommen kann. In Gemmas eigenem Bild gesprochen: Wenn Gemma der Edelstein war – die „Gemma Christi“, wie Pius XII. sie nannte –, dann waren die Giannini die Fassung, die den Edelstein hielt und sein Licht erstrahlen ließ. Ohne die Giannini hätte Gemma die letzten Jahre ihres Lebens nicht so leben können, wie sie es tat. Ohne Cecilia hätte sie keine Begleiterin auf dem Weg zur Messe gehabt. Ohne Eufemias Bleistift wären die Ekstasen unaufgezeichnet geblieben. Ohne Matteos Großherzigkeit hätte sie kein Haus gehabt, in dem sie leiden, beten und sterben konnte. Und ohne Gemma hätte Eufemia nie den Weg ins Kloster gefunden, hätte nie die Schwestern gegründet, hätte nie die Casa Giannini zu dem Pilgerort gemacht, der sie heute ist. Matteos fünf Söhne wären vielleicht weniger trostreich gewesen. Cecilias Grab trüge nicht die Worte, die ihrem Leben Sinn gaben. So hat die Vorsehung zwei Geschöpfe zusammengeführt – eine verwaiste Mystikerin und eine großherzige Familie – und aus ihrer Begegnung eine Geschichte geflochten, die heute noch Pilger aus aller Welt nach Lucca führt. Cecilias Grabstein fasst es in die schönsten Worte: „Sie lebte, um allen Gutes zu tun, bis zur Selbstvergessenheit.“ Das war der Geist des Hauses Giannini. Und in diesem Geist konnte Gemma zur Heiligen reifen.
