Eine verborgene Künstlerin
Wer an Gemma Galgani denkt, denkt an Stigmen und Ekstasen, an Buße und Leiden, an das schwarze Wollkleid und den berüchtigten Strohhut. Man denkt nicht an Aquarellmalerei. Nicht an Musik. Nicht an die Schönheit einer toskanischen Landschaft. Und doch gehören alle diese Dinge zu Gemma – und gerade die Spannung zwischen ihrem offenkundigen Talent für das Schöne und ihrer ebenso offenkundigen Weigerung, dieses Talent zur Geltung zu bringen, enthüllt einen der faszinierendsten Züge ihrer Persönlichkeit. Gemma war keine Ästhetin im modernen Sinn. Sie formulierte keine Theorie der Schönheit, besuchte keine Galerien, hörte keine Konzerte. Und doch war sie eine Frau, die Aquarelle malte, die für eine öffentliche Ausstellung gut genug waren; die in der Schule in Musik, Literatur und Französisch glänzte; die Altäre mit erlesener Sorgfalt schmückte; die Spitze für den Kirchenschmuck klöppelte; die gestickke Decken von bemerkenswerter Feinheit anfertigte; die auf den Mauern von Lucca spazierte, um die Stille der Natur dem Lärm der Stadtkapelle vorzuziehen; und deren eigene Schriften – Briefe, Tagebuch, Autobiografie, Ekstasen-Protokolle – von einer literarischen Kraft sind, die Kenner seit über einem Jahrhundert in Staunen versetzt. Dieser Artikel fragt: Hatte Gemma Galgani ein Interesse am Schönen? Die Antwort ist: Ja – aber es war ein Schönheitssinn, der durch den Filter einer radikalen Demut ging und sich daher fast ausschließlich im Dienst an Gott und am Nächsten äußerte. Gemma verbarg ihre Talente nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Furcht vor der Eitelkeit. Und paradoxerweise wurde gerade dieses Verbergen zum Quell einer Schönheit, die dauerhafter war als jedes Aquarell.
Die Malerin: Aquarelle, die niemand sehen sollte
Während ihrer Schulzeit bei den Zitine-Schwestern in Lucca wurde Gemma geschickt in der Malerei. Einige ihrer Aquarelle waren so gut, dass sie für würdig befunden wurden, öffentlich ausgestellt zu werden. Ihre Tante Elisa Galgani, die im Seligsprechungsprozess mehrfach als Zeugin aussagte, versuchte Gemma zu überreden, ein Bild zu malen, um ihrem Vater zu zeigen, wie begabt sie war. Gemma weigerte sich kategorisch: „Nein, denn es könnte danach im Salon aufgehängt werden, und alle würden sehen, was Gemma gemacht hat. Das ist Eitelkeit, und ich will sie nicht. Außerdem habt ihr mich neulich für eine Kleinigkeit gelobt, die ich für euch gemacht habe, und das hat mir nicht gefallen, denn ich will nicht gelobt werden.“ Dieser Satz ist bemerkenswert, weil er nicht eine fehlende Begabung offenbart, sondern eine bewusste Entscheidung gegen die Zurschaustellung. Gemma konnte malen. Sie konnte es offenbar gut genug, dass professionelle Betrachter ihre Arbeiten für ausstellungswürdig hielten. Doch sie wählte, dieses Talent zu verbergen – nicht weil sie es verachtete, sondern weil sie die Gefahr der Selbstgefälligkeit fürchtete, die mit dem Lob der Menschen einhergeht. Für Gemma war jede Begabung ein Geschenk Gottes, das nur dann seinen rechten Platz hatte, wenn es nicht zum Instrument der Selbstverherrlichung wurde. Es ist eine schmerzliche Ironie der Geschichte, dass keine einzige Aquarellarbeit Gemmas erhalten zu sein scheint – oder wenn doch, dann in den Archiven des Klosters in Lucca verborgen, genau dort, wo Gemma sie haben wollte: im Verborgenen. Was erhalten ist, ist eine bestickte Decke, die Gemma während ihrer Schulzeit anfertigte und die heute im Kloster-Sanktuarium aufbewahrt wird. Auch sie zeugt von feinem Geschmack und handwerklicher Sorgfalt.
Die Musikerin: „Sie glänzte in Französisch, Mathematik und Musik“
Alle Biografen Gemmas bezeugen übereinstimmend, dass sie an der Schule der Zitine-Schwestern in drei Fächern besonders hervorragte: Französisch, Mathematik und Musik. Das Fach Musik war an den italienischen Mädchenschulen des ausgehenden 19. Jahrhunderts keine Nebensächlichkeit. Es umfasste Gesang, Grundlagen der Harmonielehre und in der Regel auch den Umgang mit einem Instrument – gewöhnlich Klavier oder Harmonium. Dass Gemma in diesem Fach „glänzte“, deutet auf ein echtes musikalisches Talent hin. Doch auch hier begegnet uns die typische Gemma-Dynamik: Das Talent wird bezeugt, aber kaum gelebt. Schwester Giulia Sestini, Gemmas Lehrerin, berichtet, dass Gemma „keine Neigung oder Lust zu Spielen“ hatte und dass sie, wenn der Gehorsam sie zur Teilnahme an Schulaufführungen oder Konzerten zwang, stets eine erbauliche und ernste Haltung bewahrte. Gemma sang und spielte, wenn man es von ihr verlangte – aber sie suchte es nicht. Bezeichnend ist eine Szene, die Gemmas Tante Elisa Galgani überliefert. Eines Abends wollte Gemmas Vater Enrico, dass Gemma ihre Schwester zur Stadtkapelle auf der Piazza mitnehmen solle. Gemma antwortete: „Nein, Papa, lass uns auf die Mauern gehen; dort werden wir uns besser unterhalten.“ Die Mauern von Lucca – jene berühmten, von Bäumen gesäumten Renaissance-Wälle, die die Altstadt umschließen – waren menschenleer, weil alles Volk bei der Kapelle versammelt war. Dort konnte man in Stille spazieren und rechtzeitig zur Abendandacht in der Pfarrkirche sein. Gemma zog die Stille der Natur dem organisierten Vergnügen vor – nicht aus Menschenfeindlichkeit, sondern weil ihr Herz nach einem anderen Klang verlangte.
Die Schriftstellerin wider Willen
Gemmas Schriften als literarische Kunst
Gemma hat nie den Anspruch erhoben, eine Schriftstellerin zu sein. Alles, was sie schrieb, schrieb sie aus Gehorsam: die Autobiografie auf Anweisung P. Germanos, das Tagebuch auf Anweisung Monsignor Volpis, die Briefe als Mittel der geistlichen Führung. Und doch gehören ihre Texte zu den eindrucksvollsten spirituellen Schriften des 20. Jahrhunderts. Der Passionist P. Enrico Zoffoli, der die monumentale Studie „La Povera Gemma“ verfasste, sprach vom „unnachahmlichen Stil literarischer Schönheit“ ihrer Worte. Der selige Titus Brandsma, Karmelit und Märtyrer, verglich Gemmas Ekstasen-Texte mit einem „Himmel aus Silber, durchschossen von goldenen Strahlen“. Was macht Gemmas Schreibstil so bemerkenswert? Zunächst seine Unmittelbarkeit. Gemma schrieb nicht in der gefeilten Sprache einer gebildeten Autorin, sondern in der spontanen Sprache eines jungen Mädchens aus der Toskana, das mit Jesus spricht, wie es mit seinem liebsten Freund sprechen würde. Ihre Sätze sind kurz, oft fragmentarisch, durchbrochen von Ausrufen, Fragen, Seufzern. Es gibt kein stilistisches Kalkül, keine rhetorische Pose – und gerade deshalb treffen ihre Worte mit einer Wucht, die jede kalkulierte Rhetorik übertrifft.In ihren Briefen an P. Germano wechselt Gemma mühelos zwischen kindlicher Schlichtheit und der Tiefe einer reifen Mystikerin. „Vater – Ich fürchte mich so um meine Seele!“ beginnt ein Brief, und auf engem Raum entfaltet sich ein ganzes Drama des inneren Lebens: Furcht, Hoffnung, Liebe, Verlassenheit, Trost. In ihren Ekstasen spricht sie mit Jesus in einer Sprache, die Cecilia Giannini als „die Sprache eines Seraphim“ bezeichnete – eine Sprache, die sie selbst „unfähig“ sei wiederzugeben.
Die Autobiografie – ein Meisterwerk der Schlichtheit
Gemmas Autobiografie, verfasst auf Gehorsam gegenüber P. Germano, ist ein Text von entwaffnender Einfachheit. Sie erzählt ihre Kindheit, den Tod der Mutter, die Schulzeit, die Krankheiten, die ersten mystischen Erfahrungen – alles in einer Sprache, die so durchsichtig ist wie Glas. Es gibt keine Beschönigung, keine Selbststilisierung, keine literarische Ambition. Und doch – oder gerade deshalb – hat dieser Text eine Kraft, die Leser seit über hundert Jahren fesselt. P. Germano ließ das Manuskript Cecilia zur Aufbewahrung geben. Der Teufel stahl es und versuchte, es zu verbrennen. Als man die Schublade öffnete, fand man jede Seite mit Brandspuren versehen – und doch war Gemmas schöne Handschrift noch lesbar. Das Manuskript ist bis heute erhalten: ein Dokument, das buchstäblich durchs Feuer gegangen ist und dabei seine Schönheit bewahrt hat. Es wäre schwer, ein treffenderes Bild für Gemmas Verhältnis zur Kunst zu finden.
Die Ekstasen-Protokolle – Poesie aus dem Jenseits
Die sogenannten Ekstasen-Protokolle, jene Texte, die Eufemia und Cecilia Giannini mitschrieben, während Gemma in Verzückung sprach, gehören zu den außergewöhnlichsten Dokumenten der christlichen Mystik. Gemma wusste nicht, dass sie aufgezeichnet wurde. Sie sprach nicht zu einem Publikum, sondern zu Jesus, zur Gottesmutter, zum Schutzengel. Und gerade diese Unbewusstheit verleiht den Texten ihre Kraft. „Oh, wenn alle wüssten, wie schön Jesus ist, wie liebevoll er ist! Sie würden alle vor Liebe sterben. Und dennoch, wie kommt es, dass er so wenig geliebt wird? Oh, es ist verlorene Zeit, bei den Geschöpfen zu sein! Unser Herz ist geschaffen, um nur eines zu lieben: unseren großen Gott.“ Diese Worte Gemmas, aufgezeichnet während einer Ekstase, sind von einer sprachlichen Intensität, die den Vergleich mit den großen Mystikern der Kirchengeschichte aushält – mit Teresa von Ávila, Johannes vom Kreuz, Mechthild von Magdeburg. Und doch ist Gemmas Sprache einfacher, unmittelbarer, moderner.
Die liturgische Künstlerin: Altäre, Spitze, Paramente
Wo Gemma ihre künstlerische Begabung am freiesten entfalten durfte, war im Dienst der Liturgie. P. Germano berichtet, dass Gemma bereits als Schülerin „bemerkenswert“ darin war, wie sie die Altäre in der Kapelle und in den Klassenräumen pflegte und „schön schmückte“. Sie widmete ihre Zeit dem Reinhalten und der würdigen Dekoration dieser heiligen Orte. Hier galt das Verbot der Eitelkeit nicht, denn hier diente die Schönheit nicht Gemma, sondern Gott. Nach dem Ende ihrer Schulzeit nähte und stickte Gemma Altarwäsche für die Kirche und Kleidung für die Armen. Ihr Bruder Guido erinnerte sich, dass Gemma einmal ein Stück Klöppelspitze anfertigte, um einen Altar zu verzieren. Die bestickte Decke aus ihrer Schulzeit ist erhalten und bezeugt ein Auge für Muster, Proportion und Harmonie, das weit über bloße Handarbeit hinausgeht. Diese Gegenstände sind keine „Kunst“ im engeren Sinn – und doch sind sie Ausdruck eines Sinns für Schönheit, der ganz im Dienst des Heiligen steht.
Schönheit und Demut – Gemmas paradoxe Ästhetik
Der Strohhut als Anti-Ästhetik
Nichts zeigt Gemmas kompliziertes Verhältnis zur Schönheit deutlicher als die Episode mit dem Strohhut. Gemma war, nach dem Urteil aller Zeitgenossen, eine außergewöhnlich schöne junge Frau. Die Autoren des Buches „La Povera Gemma“ widmen der Schönheit Gemmas ein ganzes Kapitel mit der Überschrift „Gemma war schön“. Ihre Fotos zeigen ein Gesicht von klassischer Regelmäßigkeit mit großen, dunklen Augen und einem sanften, anziehenden Lächeln. Gemma war sich dieser Schönheit bewusst – und sie fürchtete sie. Als eine Hutmacherin ihr darauf hinwies, dass der gewünschte Strohhut nicht modisch sei und einem Mädchen wie ihr – „einem so schönen Mädchen“, wie die Tante stolz kommentierte – nicht stehe, bestand Gemma mit Nachdruck: „Machen Sie ihn genau so, wie ich ihn beschrieben habe, denn ich will ihn so.“ Der Hut mit der breiten Krempe sollte die bewundernden Blicke abwehren. Zusammen mit dem bodenlangen schwarzen Wollkleid und dem schwarzen Mantel bildete er eine Art Anti-Ästhetik: Gemma kleidete sich nicht hässlich, sondern streng – und wurde gerade dadurch zum Stadtgespräch. Der junge Rechtsanwalt Giuseppe Giannini bemerkte trocken: „Ich würde mich nicht mit ihr draußen zeigen lassen.“ Matteo Giannini gestand, dass er sich bisweilen schämte, mit Gemma das Haus zu verlassen. Als Gemma in diesem Aufzug zur Hochzeit eines der Giannini-Söhne erschien, rief die Braut entsetzt aus: „Was ist denn mit der los?“ Gemma hatte als Hochzeitsgeschenk ein Büchlein mitgebracht: die „Anleitung zum frommen Leben“ des heiligen Franz von Sales – eine sehr ästhetische Wahl, wenn man so will, denn dieses Werk ist eines der schönsten und elegantesten der katholischen geistlichen Literatur.
Vom Goldschmuck zum Kreuz – der Engel als Kunstkritiker
Eine der bezeichnendsten Szenen in Gemmas Autobiografie ereignete sich, als sie nach ihrer Firmung von einer Gräfin Guinigi als Geschenk eine goldene Uhr, eine Goldkette und ein Kreuz erhielt. Gemma hatte sich darauf gefreut, diese Schmuckstücke zu tragen, um ihrem Vater und der Familie eine Freude zu machen. Doch als sie zu Hause den Schmuck abnahm, erschien ihr der Schutzengel mit strengem Blick und sagte: „Bedenke, dass der Schmuck einer Braut eines gekreuzigten Königs Dornen und das Kreuz sind.“ Gemma gab die Schmuckstücke sofort ihren Brüdern. Der Vorfall ist mehr als eine Anekdote: Er zeigt, dass Gemma durchaus einen natürlichen Sinn für Schönheit und Schmuck besaß – sie hatte sich auf die Geschenke gefreut. Aber eine höhere Ästhetik, die Ästhetik des Kreuzes, überlagerte den natürlichen Geschmack und formte ihn um. Für Gemma wurde das Kreuz zum schönsten aller Gegenstände, das Leiden zur erhabensten aller Erfahrungen, die Wunden Jesu zum bewegendsten aller Anblicke.
Die Mauern von Lucca – Gemmas Sinn für die Schönheit der Natur
Gemma wuchs in Lucca auf, einer Stadt, die selbst ein Kunstwerk ist: umgeben von mächtigen Renaissance-Mauern, die zu breiten, baumbestandenen Promenaden umgewandelt wurden und einen Blick über die toskanischen Hügel mit ihren Weinbergen und Olivenhainen bieten. Ihr Geburtsort Camigliano, „ein lachendes Dörfchen am Fuß des blauen Pizzorne“, wie ein Biograf es nannte, „verborgen zwischen Weinbergen und Olivenhainen“, war eine Landschaft von geradezu poetischer Schönheit. Gemma war keine Naturromantikerin. Doch dass sie, als ihr Vater sie zur Stadtkapelle schicken wollte, stattdessen einen Spaziergang auf den menschenleeren Mauern vorschlug, zeigt einen instinktiven Sinn für die Stille und die Weite der Natur. Auf den Mauern gab es keinen Lärm, keine Menschenmenge, keinen weltlichen Zeitvertreib – nur den Blick über die grünen Hügel und den Weg zur Abendandacht. Für Gemma waren die Mauern von Lucca kein ästhetisches Erlebnis im modernen Sinn, sondern ein Ort, an dem die Seele frei atmen konnte, um sich auf Gott vorzubereiten. In ihrer Autobiografie beschreibt Gemma kaum je die äußere Welt. Keine Landschaft, kein Sonnenuntergang, kein Blumenstrauß wird geschildert. Und doch – die Art, wie sie die Erscheinungen Jesu und Marias beschreibt, verrät ein Auge für visuelle Details, das man bei einer begabten Malerin erwarten würde. Jesus erscheint ihr „triefend von Blut“, „mit offenen Wunden“, „bedeckt mit Speichel“ – Bilder von einer beinahe barocken Intensität. Die Gottesmutter erscheint ihr mit dem Jesuskind „im Glanz“. Gemmas inneres Auge war nicht weniger geschult als ihr äußeres.
Die Kunst des Leidens – Gemmas ästhetische Theologie
Wenn Gemma eine Ästhetik besaß, dann war es die Ästhetik des Kreuzes. In ihren Schriften und Ekstasen finden sich immer wieder Aussagen, die von einer tiefen Empfindung für die Schönheit des leidenden Christus zeugen. Sie spricht von der „heiligen Person Jesu“ mit einer Ehrfurcht, die zugleich Liebe und ästhetische Empfindung ist. Sie sieht in den Wunden Christi nicht nur ein Erlösungswerk, sondern eine Offenbarung der Liebe, die in ihrer Radikalität schön ist – schön nicht im Sinne der Annehmlichkeit, sondern im Sinne der Wahrheit. P. Zoffoli sprach vom „unnachahmlichen Stil literarischer Schönheit“ in Gemmas Worten und zog es vor, ihre Texte wörtlich wiederzugeben, „damit die Welt die Originalität und die unverwechselbare Kraft der Stimme der Mystikerin aus Lucca kosten kann“. Der selige Titus Brandsma sah in ihren Ekstasen ein „Echo des Passionsberichtes des Evangeliums“ – nicht eine theologische Abhandlung, sondern ein geistliches Kunstwerk, in dem das Mysterium des Kreuzes lebendig wird. Gemma selbst hätte sich gegen das Wort „Kunst“ verwahrt. Für sie war alles, was sie tat, schrieb und erlebte, nicht Kunst, sondern Liebe. Und doch ist es gerade diese Unbefangenheit, diese vollständige Abwesenheit jeder Pose und jedes Kalküls, die ihren Worten eine Schönheit verleiht, die jede bewusste Kunstfertigkeit übertrifft. Wie Cecilia Giannini an P. Germano schrieb, nachdem sie Gemma in Ekstase belauscht hatte: „Wenn Sie die Worte gehört hätten, so glühend vor Liebe! Es war wirklich ein Augenblick des Paradieses, aber ich könnte es Ihnen nicht beschreiben, denn ich bin dazu unfähig; ich bräuchte die Sprache eines Seraphim, um alles zu wiederholen, was ich höre.“
Gemma als Inspirationsquelle – die Nachwirkung in der Kunst
Bildende Kunst und Skulptur
Die Ironie ist vollkommen: Gemma, die ihre eigenen Aquarelle verbarg, wurde selbst zum Gegenstand unzähliger Kunstwerke. Die Bronzestatue auf ihrem Grab im Sanktuarium in Lucca stammt von dem Bildhauer Francesco Nagni und zeigt Gemma in liegender Haltung – ein Werk von stiller Anmut, das die friedvolle Gelassenheit ihres Antlitzes im Tod einfängt, wie die Augenzeugen sie beschrieben. In den Passionistenklöstern und Kirchen weltweit finden sich Gemälde, Statuen und Ikonen der Heiligen, in Stilen vom Naturalismus bis zur modernen sakralen Kunst. Besonders bemerkenswert sind die handgemalten Reliquienbeutel, die die Passionistinnen in Lucca anfertigen – kleine Kunstwerke der Andacht, jedes einzeln bemalt, die Blumen und Wachs vom Altar über Gemmas Reliquien enthalten. Sie stehen in einer Tradition der sakralen Volkskunst, die Gemma selbst mit ihren Altardekorationen und gestickten Paramenten begonnen hat.
Literatur und Film
Gemmas Schriften haben eine eigene literarische Wirkungsgeschichte. Das Buch „The Voices of Gemma Galgani“ von Rudolph Bell und Cristina Mazzoni (University of Chicago Press) erschloss erstmals einem breiten englischsprachigen Publikum die literarische Qualität von Gemmas Texten und stellte sie in den Kontext der modernen Mystik. Die Autoren beschrieben Gemma als „ein komplexes Mädchen-Frau-Porträt, gefangen zwischen dem Mittelalterlichen und dem Modernen“ – ein Urteil, das die ästhetische Faszination von Gemmas Schriften treffend einfängt. Im Jahr 2026 wurde ein neuer biografischer Film über Gemma Galgani veröffentlicht, der die Geschichte der jungen Mystikerin für ein modernes Publikum aufbereitet. Bereits die Beschreibung – „leidenschaftlich für das Leben, wie Millionen junger Menschen auf der ganzen Welt“ – zeigt den Versuch, Gemma nicht als weltfremde Asketin, sondern als eine zutiefst lebendige, kunstvolle Persönlichkeit darzustellen, deren Weg in die Mystik nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Sensibilität für das Schöne verlief.
Fotografien – die Schönheit wider Willen
Die fünf authentischen Fotografien Gemmas, die heute im Kloster-Sanktuarium in Lucca aufbewahrt werden, gehören zu den ergreifendsten Porträts der Heiligengeschichte. Sie wurden auf Anweisung P. Germanos im September 1900 aufgenommen – gegen Gemmas Willen. Cecilia organisierte die Aufnahmen und schrieb an P. Germano: „Ich habe das Porträt aufnehmen lassen, das Sie wünschten. Sie wollen mir die Negative nicht geben, aber sie haben versprochen, nie ohne meine Erlaubnis weitere Abzüge zu machen.“ Die Fotos zeigen Gemma in verschiedenen Haltungen: einmal im Profil mit gefalteten Händen und einem „verzauberten Ausdruck von feiner, himmlischer Schönheit“; ein anderes Mal während einer schmerzhaften Ekstase, „verklärt, die Augen weit und hell, von unvergleichlichem Reiz“; schließlich im Garten der Giannini mit der kleinen Elena an der Hand, in „aller natürlichen Schönheit mit ihrer Frisur, dem langen schwarzen Kleid, dem gewohnten kurzen Mantel, die Augen leicht gesenkt und das sanfte, einnehmende Lächeln, das sie so lieblich erscheinen ließ“. Diese Beschreibungen stammen aus dem Seligsprechungsprozess und zeigen, dass die Zeitgenossen in Gemmas Äußerem nicht nur Frömmigkeit, sondern eine ungewollte, natürliche Schönheit wahrnahmen.
Schluss: Die schönste aller Künste
Hatte Gemma Galgani ein Interesse am Schönen? Die Quellen geben eine nuancierte Antwort. Gemma besaß offenkundige Talente: Sie konnte malen, singen, sticken, klöppeln, schreiben. Sie hatte einen Sinn für die Schönheit der Liturgie, der Natur, der Stille. Ihre Schriften zeugen von einer sprachlichen Kraft und einer visuellen Intensität, die man ohne weiteres als künstlerisch bezeichnen darf. Doch Gemma ordnete all diese Talente einem einzigen Ziel unter: der Liebe zu Gott. Ihre Aquarelle verbarg sie aus Demut. Ihre Musik stellte sie in den Dienst des Gehorsams. Ihre Handarbeiten widmete sie dem Altar und den Armen. Und ihre Schriften – die einzige „Kunst“, die sie hinterlassen hat – entstanden nicht aus dem Wunsch, sich auszudrücken, sondern aus dem Gehorsam gegenüber ihrem Seelenführer. Paradoxerweise wurde gerade diese Selbstvergessenheit zur Quelle einer tieferen Schönheit. Gemmas Texte sind schön, weil sie nicht schön sein wollen. Ihre Ekstase-Worte sind poetisch, weil sie nicht als Poesie gemeint sind. Ihre Fotos sind ergreifend, weil sie gegen ihren Willen aufgenommen wurden. Ihre bestickte Decke ist kostbar, weil sie als schlichte Schularbeit entstand. Es gibt in der mystischen Tradition einen alten Gedanken, dass die höchste Kunst die Heiligkeit selbst ist – die Verwandlung eines menschlichen Lebens in ein Bild Gottes. Wenn das stimmt, dann war Gemma Galgani die größte Künstlerin, die je in Lucca gelebt hat – jener Stadt, die reich ist an schönen Kirchen und Palästen, wie ihr Biograf bemerkte. Ihre Kunst bestand nicht darin, Bilder zu malen oder Lieder zu singen, sondern darin, ihr ganzes Leben zu einem Bild des gekreuzigten Christus zu formen. Der Engel hatte es ihr bei der Firmung gesagt: „Der Schmuck einer Braut eines gekreuzigten Königs sind Dornen und das Kreuz.“ Gemma nahm diesen Schmuck an – und wurde dadurch, wider alle Absicht, zur „Gemma Christi“, zum Edelstein Christi, zum schönsten Edelstein in der Krone der Kirche.
