Unter allen Menschen, die im Leben der heiligen Gemma Galgani eine Rolle spielten, nimmt Cäcilia Giannini einen ganz einzigartigen Platz ein. Sie war nicht ihre leibliche Mutter, nicht ihre Ordensoberin, nicht ihre Seelenführerin – und war doch von alledem etwas. In den knapp vier Jahren, die Gemma im Hause der Familie Giannini verbrachte (1899–1903), wurde Tante Cecilia, wie sie von allen genannt wurde, zu jener Person, die der jungen Mystikerin am nächsten stand: Adoptivmutter, Vertraute, Beobachterin der göttlichen Gnadenwirkungen und treue Begleiterin bis in den Tod.
Wie sie sich fanden
Cäcilia Giannini war die unverheiratete Schwester des Cavaliere Matteo Giannini, Oberhaupt einer der angesehensten Familien Luccas. Die Biografie beschreibt sie als eine Frau, die sich ganz der Übung guter Werke widmete und auf dem Wege der Vollkommenheit schon weit vorangeschritten war. Sie kannte Gemma zunächst nur vom Sehen. Die eigentliche Begegnung wurde durch einen Passionistenpater vermittelt, der bei den Gianninis zu Gast war und das Gespräch auf die junge Galgani brachte. Er bat Cecilia, das Mädchen aufzusuchen. Cecilia tat es – und erkannte sofort, dass sie an Gemma einen wahren Schatz gefunden hatte. Gemma ihrerseits staunte über das liebevolle Entgegenkommen und die gediegene Tugend, die sie bei jener gewahrte, die bald ihre Adoptivmutter werden sollte. Es schien ihr, sie befinde sich nunmehr in der richtigen Umgebung. Für Gemma war diese Begegnung eine Erlösung. In der eigenen Familie hatte sie täglich mit Schwierigkeiten zu kämpfen: Die Geschwister verstanden ihr zurückgezogenes Leben nicht, spähten durch Türspalten, wenn sie in Verzückung geriet, und luden sogar Bekannte ein, sie in diesem Zustand zu betrachten. Bei den Gianninis fand sie endlich Ruhe.
Ein Wunder der Vorsehung
Die Aufnahme Gemmas in die Familie Giannini war, wie die Biografie betont, ein wunderbares Eingreifen der göttlichen Vorsehung. Das Haus war nicht allzu geräumig, das Ehepaar hatte bereits elf Kinder – durchweg jüngeren Alters. Außerdem war Gemmas Mutter an Lungentuberkulose gestorben; man musste befürchten, dass das Zusammenwohnen mit dem Adoptivkind den gesunden Familiengliedern schaden könnte. Doch das Ehepaar Giannini sagte schlicht: „Gemma sei uns willkommen; sie wird das zwölfte in der Reihe der Kinder sein, die der Himmel uns geschenkt hat. Jeder ehre diese unsere neue Tochter, die Dienstboten sollen ihr mit Achtung begegnen, es darf ihr an nichts fehlen.“ Die Hausmutter Giustina Giannini bezeugte später: „Ich kann schwören, dass ich in den drei Jahren und acht Monaten, die Gemma bei uns zubrachte, nie bemerkt habe, dass ihretwegen auch nur die kleinste Unannehmlichkeit entstanden wäre, desgleichen habe ich bei ihr keinerlei Fehler wahrgenommen.“
Der gemeinsame Alltag
Das tägliche Leben von Gemma und Tante Cecilia folgte einem festen Rhythmus. Sobald Gemma morgens bemerkte, dass ihre Adoptivmutter aufgestanden war, erhob sie sich sofort und war in wenigen Minuten bereit, mit ihr zur Kirche zu gehen – stets in strenger Sammlung und heiligem Stillschweigen. Gemeinsam besuchten sie die nahe gelegene Kirche S. Maria della Rosa, hörten wenn möglich zwei heilige Messen und empfingen die Kommunion. P. Germano, der die beiden oft beobachtete, erinnerte sich gerührt daran, wie Gemma in stiller Sammlung an der Haustür wartete, bereit zum Kirchgang. Er fragte sie einmal: „Wohin denn, meine Tochter?“ – „Zu Jesus, Pater!“ – „Was tun?“ – Sie antwortete mit bescheidenem Lächeln: „Sie wissen es.“ Tante Cecilia bemerkte dazu: „Wenn man sie sah, kam es einem vor, als rüste sie sich jeden Morgen auf die Hochzeit.“ Nach der Rückkehr half Gemma sofort im Haushalt: Sie kleidete die Kleinen an, betete mit ihnen das Morgengebet und griff zu Handarbeiten. War freie Zeit, so nahm Tante Cecilia sie ins Arbeitszimmer oder in den Hof an die frische Luft und ließ sie stricken oder nähen.
Vertraute der Seele
In diesen ruhigen Stunden sprachen die beiden von Jesus, von der Sehnsucht nach dem Himmel, von den Geheimnissen der Kommunion. Dabei wusste Tante Cecilia ganz unauffällig die eine oder andere Frage zu stellen über das, was Gemma bei der Kommunion oder während der Ekstasen erfahren hatte. Gemma antwortete mit jener liebenswürdigen Unbefangenheit, die als Grundzug ihres Charakters bezeichnet werden darf. Hinter dieser scheinbar beiläufigen Plauderei verbarg sich ein durchdachtes System. P. Germano hatte Cecilia genaue Weisungen gegeben: Gemma musste, um jeder Gefahr der Täuschung zu entgehen, ihre inneren Erlebnisse von Fall zu Fall vollständig ihrer Wohlfäterin anvertrauen und durfte ihr nicht eines davon verschweigen. Was Gemma so in kindlicher Offenheit mitteilte, wurde P. Germano getreu berichtet, der danach seine Ratschläge erteilen konnte. Auf diese Weise konnten hunderfünfzig Gespräche der Ekstatischen aufgeschrieben werden. Ohne Cäcilia Giannini wären diese Zeugnisse verloren. Cecilia wurde so zur wichtigsten Beobachterin der mysischen Phänomene. Sie war es, die Gemmas Ekstasen aus nächster Nähe erlebte, die das Blut der Stigmata sah, die den Blutschweiß bemerkte, und die Familienmitglieder anwies, Gemmas Worte während der Verzückungen schriftlich festzuhalten.
Gehorsam und Liebe
Gemma gehorchte Tante Cecilia mit einer Bereitwilligkeit, die selbst P. Germano erstaunte. Brauchte Cecilia in der Kirche nur das Zeichen zum Aufbruch zu geben, so erhob sich Gemma sofort – selbst wenn sie in Ekstase versunken war. Cecilia entdeckte, dass es genügte, im Herzen den Wunsch auszudrücken: „Jesus, wenn es dein Wille ist, so bewirke, dass Gemma im Gehorsam sofort zu ihren Sinnen zurückkehrt“ – und Gemma gehorchte augenblicklich. War sie zu Bett gegangen und konnte wegen eines Gesprächs in der Nähe nicht einschlafen, brauchte Cecilia nur zu sagen: „Gemma, du bedarfst der Ruhe, schlafe jetzt!“ – und sie schloss die Augen und schlief ein. Zugleich bewahrte sich Gemma eine demütige Dankbarkeit, die sie kaum in Worte zu kleiden wusste. Sie schrieb an P. Germano: „Bitten Sie Jesus um Barmherzigkeit nicht für mich, sondern für die Tante hier, weil sie es mit mir gut meint. Denken Sie, mein Vater, in manchen Punkten bevorzugt sie mich vor den andern, sie geht darin soweit, dass sie mir das Bett wärmen lässt. Darf sie mir solche Dienste erweisen?“ Gemma empfand jede Fürsorge als unverdient und war bestürzt, wenn man ihr Gutes erwies.
Stellvertretendes Leiden
Die tiefste Verbindung zwischen Gemma und der Familie Giannini offenbarte sich in einer Episode stellvertretenden Leidens. Als die Hausmutter Giustina Giannini schwer erkrankte und die Ärzte das Äußerste befürchteten, bat Gemma Gott, er möge ihr die Schmerzen der Kranken senden. Gott erhörte sie. Giustina wurde zur Stunde geheilt; Gemma hingegen musste monatelang jene grausamen Schmerzen ertragen, die sie fast an den Rand des Grabes brachten. Es war ein Akt der Liebe, der alles übertraf, was man in Worten hätte sagen können.
Trennung und Treue
Als Gemmas Krankheit sich verschlimmerte und die Ärzte Tuberkulose diagnostizierten, musste die Sterbende aus Ansteckungsgründen vom Haus der Gianninis in eine kleine Nachbarwohnung verlegt werden. Es war der 24. Januar 1903. Gemma sagte weinend: „Jetzt verliere ich zum zweiten Male die Mutter. Aber es lebe Jesus! Nun bin ich allein mit meinem Jesus!“ Doch in Wahrheit wurde nichts getrennt. Cecilia weilte weiterhin täglich an Gemmas Krankenlager. Sie kam jeden Morgen, um die Schwerkranke abzuholen und zur Kommunion in die nahe Kirche zu begleiten – solange Gemma noch gehen konnte. Dann brachte sie Gemma selber zu Bett und verließ sie erst, wenn diese ihre Danksagung gemacht hatte. Die Biografie nennt sie in diesen Wochen die unermüdliche Pflegemutter. Sogar die Kleinsten der Familie schlichen sich herbei, versteckten sich hinter der Tante, um Gemma sehen zu können, von der sie sich kaum trennen konnten. Als Cecilia die Sterbende einmal mit einem Buch in der Hand sah und fragte, was sie lese, antwortete Gemma: „Die Vorbereitung auf den Tod.“ Und auf Cecilias Frage „Stirbst du ungern?“ gab sie zur Antwort: „O nein, ich habe keine Anhänglichkeit mehr an irgendjemand auf Erden.“ Als Gemma einmal hörte, wie ihre zweite Mutter zur Oberin der Krankenschwestern sagte: „Ich werde Sie für die Krankenpflege zu belohnen wissen“, rief sie sofort dazwischen: „Nein, nein, an die Schwestern denke ich mit Jesus!“ Selbst auf dem Sterbebett wollte sie nicht, dass ihretwegen jemand sich verpflichtet fühlte.
Die stille Zeugin
Was war Cäcilia Giannini für Gemma? Die Biografie nennt sie Adoptivmutter, Wohlfäterin, zweite Mutter. Doch all diese Worte greifen zu kurz. Cecilia war die Frau, die Gemma den Raum gab, heilig zu werden. In ihrem Haus konnte Gemma beten, leiden, in Ekstase geraten, die Stigmata empfangen – ohne ausgelacht, bespitzelt oder zur Schau gestellt zu werden. Cecilia beobachtete alles, notierte alles, berichtete alles an den Seelenführer – und bewahrte dabei eine Nüchternheit, die das Urteil der Kirche erst möglich machte. Als Gemma nach drei Jahren und acht Monaten im Hause Giannini starb, legte man ihr das braune Ordensgewand der Passionistinnen an – das Kleid, das sie im Leben nie hatte tragen dürfen. Sie lehnte im Tod den Kopf an die Schulter einer ihrer Wohlfäterinnen. Es ist nicht schwer zu erraten, wer diese Frau war.
