Jedes Jahr im Mai wird die Stadt Lucca zur Pilgerstätte für Verehrer der heiligen Gemma Galgani aus aller Welt. Der 16. Mai ist ihr liturgischer Gedenktag in der Erzdiözese Lucca und im Kalender der Passionistenfamilie – ein Fest, das mit einer Novene vorbereitet, mit einer Prozession gefeiert und mit einem stillen Gebet am Reliquienschrein abgeschlossen wird. Es ist das größte Fest, das Lucca seiner „jungen Heiligen“ widmet – und es hat eine Geschichte, die selbst etwas über Gemma erzählt.
Warum nicht der 11. April?
Gemäß der allgemeinen Tradition liegt der Gedenktag eines Heiligen auf seinem Todestag – dem dies natalis, dem „Geburtstag für den Himmel“. Für Gemma wäre das der 11. April 1903, der Karsamstag, an dem sie starb. Und tatsächlich feiert die Universalkirche Gemma am 11. April. Doch in Lucca und bei den Passionisten war man gezwungen, ein anderes Datum zu wählen. Nach der letzten Liturgiereform stellte sich heraus, dass gleich mehrere naheliegende Daten bereits vergeben waren: Der 11. April gehört dem heiligen Stanislaus, Bischof und Märtyrer. Der 2. Mai – der Tag ihrer Heiligsprechung 1940 – gehört dem heiligen Athanasius, Bischof und Kirchenlehrer. Und der 14. Mai – der Tag ihrer Seligsprechung 1933 und jahrelang ihr Festtag – wurde dem heiligen Matthias, Apostel, zugewiesen. So fiel die Wahl auf den 16. Mai. Es ist ein Datum, das zunächst willkürlich erscheinen mag, sich aber als erstaunlich passend erweist: Der 16. Mai liegt im Marienmonat, und Gemma nannte die Gottesmutter stets „la cara Mamma mia“ – meine liebe Mutter. Er folgt unmittelbar auf das Fest der Madonna delle Grazie von Montenero, der Patronin der Toskana. Und er liegt nahe genug an den anderen Daten, um an Gemmas Verbindung zum Österlichen Mysterium zu erinnern – jenes Mysterium, in dem sie lebte und starb. Im Mai, an der Schwelle zwischen Ostern und Pfingsten, hat ihr Fest seinen rechten Platz.
Fünfzehn Tage Vorbereitung: Die Quindicina
Das Fest beginnt nicht am 16. Mai, sondern fünfzehn Tage früher. Vom 1. bis zum 15. Mai wird in Lucca die sogenannte Quindicina gefeiert – eine fünfzehn Tage dauernde Gebetszeit zur Vorbereitung auf den Gedenktag. In den letzten neun Tagen – also ab dem 7. Mai – wird dies zur Novene verdichtet: neun Tage intensiven Gebets, in denen die Gläubigen sich täglich im Santuario versammeln. In diesen Tagen wird der Reliqienschrein mit den sterblichen Überresten der Heiligen aus dem Santuario der Passionistinnen in den Dom von Lucca überführt – in die Kathedrale San Martino, in der das berühmte Volto Santo aufbewahrt wird, jenes altehrwürdige Kruzifix, das seit Jahrhunderten Pilger nach Lucca zieht. Dort, neben dem Volto Santo, ruht Gemmas Reliquienschrein während der Novene. Es ist eine tiefsinnige Nachbarschaft: Gemma, die Stigmatisierte, neben dem Volto Santo, dem geheimnisvollen Antlitz des Gekreuzigten. Die Passionisten nennen Gemma „die schönste Gedenk-Medaille des Volto Santo von Lucca“ – ein lebendiges Abbild des Kreuzes.
Die Novene im Dom: Gemma beim Volto Santo
Neun Tage lang steht der Reliquienschrein der Heiligen im Dom. Jeden Abend versammeln sich die Gläubigen zum Gebet, zur Predigt und zur Verehrung der Reliquien. Die Atmosphäre in der alten Kathedrale, die Gemma selbst als Mädchen betreten hat, ist von einer besonderen Innigkeit geprägt. Viele Pilger kommen von weit her – aus ganz Italien, aber auch aus dem Ausland. Es ist derselbe Dom, in dem Gemma als junge Frau zum ersten Mal Passionisten gesehen hatte. Bei einer Volksmission zur Vorbereitung auf das Heilige Jahr 1900 hatte sie die Mönche in ihren schwarzen Habiten mit dem weißen Kreuz über dem Herzen erblickt – und sofort gewusst, dass sie zu ihnen gehörte. Jesus hatte ihr gesagt: „Du wirst eine Tochter meiner Passion sein, und eine bevorzugte Tochter.“ Die Novene im Dom führt die Gläubigen an genau diesen Ort zurück.
Der 16. Mai: Gemma kehrt heim
Am Festtag selbst, dem 16. Mai, findet das feierliche Pontifikalamt statt – in der Regel unter Vorsitz des Erzbischofs von Lucca oder eines Vertreters der Passionistenfamilie. Die Predigt ist Gemma gewidmet, ihrer Bedeutung für die Kirche, ihrer Botschaft für die Gläubigen von heute. Am Nachmittag oder Abend des 16. Mai geschieht dann das eigentliche Herzstück des Festes: die feierliche Rückführung des Schreins vom Dom zum Santuario der Passionistinnen. Der Reliquienschrein wird in einer Prozession durch die Straßen von Lucca getragen – durch dieselben Straßen, die Gemma zu Lebzeiten durchschritten hat, still und gesammelt, arm und unscheinbar, versunken in Gott. Die Prozession führt unter Gebeten, Gesängen und dem Klang von Instrumenten durch die Stadt. Es ist ein zutiefst rührender Anblick: Die Heilige, die im Leben so verborgen lebte, wird nun öffentlich durch die Straßen ihrer Stadt getragen. Sie, die nie in ein Kloster eintreten durfte, kehrt am Ende des Festtages in jenes Kloster zurück, das Jesus ihr aufgetragen hatte zu gründen und in dem sie nach ihrem Tod begraben wurde. Gemma selbst hatte zu P. Germano gesagt: „Bei den Passionistinnen werde ich sein, wenn ich tot bin.“ Am 16. Mai erfüllt sich dieses Wort aufs Neue.
Das Santuario: „Er hat die Niedrigen erhöht“
Das Santuario di Santa Gemma Galgani liegt an der Via di Tiglio am Stadtrand von Lucca. Es ist Teil des Passionistinnenklosters, das 1905 – zwei Jahre nach Gemmas Tod – gegründet und ab 1935 nach Plänen des Architekten Italo Baccelli neu erbaut wurde. Die Kirche in der Form eines griechischen Kreuzes, mit einer Kuppel und acht Fenstern, die Licht ins Innere strömen lassen, wurde 1965 vollendet. Auf der Hauptfassade steht die Inschrift: „Fecit mihi magna qui potens est“ – „Großes hat der Mächtige an mir getan“ (Lk 1,49), das Wort Marias aus dem Magnificat. Auf der gegenüberliegenden Seite liest man: „Et exaltavit humiles“ – „und er erhöht die Niedrigen“ (Lk 1,52). In diesen beiden Sätzen aus dem Lobgesang der Gottesmutter hat man das ganze Leben Gemmas zusammengefasst: die Niedrigkeit einer kranken, armen, abgewiesenen jungen Frau – und die Größe dessen, was Gott in ihr gewirkt hat. Unter dem Hauptaltar ruhen Gemmas sterbliche Überreste. Auch die Reliquien ihres Seelenführers P. Germano Ruoppolo und ihres Beichtvaters Monsignore Giovanni Volpi werden in der Klosterkirche aufbewahrt. Es ist ein Ort der Stille und des Gebets, an dem die klausurierten Passionistinnen Tag für Tag das Offizium singen – jene Passionistinnen, deren Kloster Gemma vorhergesagt hat.
Ein Jahr mit Gemma: Die anderen Gedenktage
Der 16. Mai ist der Höhepunkt, aber nicht der einzige Gedenktag. Die Passionistinnen von Lucca begehen das ganze Jahr über Feiern zu Ehren Gemmas: Am 12. März, Gemmas Geburtstag, wird das „Kinderfest“ (Festa dei Bambini) gefeiert – eine Erinnerung daran, dass Gemma von klein auf ein Kind Gottes war, das „Gebt mir meinen Jesus!“ rief, bis man ihr endlich die Erstkommunion gestattete. Am 11. April, dem Todestag, wird in aller Stille des Heimgangs Gemmas gedacht – jenes Karsamstags, an dem sie mit den Worten starb: „Jesus, dir empfehle ich diese meine arme Seele.“ Am 8. Juni, dem Jahrestag der Stigmatisierung (Vorabend des Herz-Jesu-Festes 1899), findet eine Prozession statt – die „Festa delle Stigmate“. Zusätzlich gibt es am 8. eines jeden Monats um 16.30 Uhr ein Erinnerungsgebet an das Geschenk der Stigmata. Am ersten Donnerstag jedes Monats um 20.30 Uhr findet das „Cenacolo Passionista con Santa Gemma“ statt – ein passionistischer Abendmahlskreis im Gedenken an jene Donnerstagnacht-Gebete, die Gemma ihr ganzes kurzes Leben lang treu gehalten hat.
Gemma und das Volto Santo
Es gibt einen geistlichen Zusammenhang, der das Fest am 16. Mai und die Novene im Dom besonders tiefgründig macht: die Verbindung zwischen Gemma und dem Volto Santo von Lucca. Das Volto Santo – ein legendäres hölzernes Kruzifix, der Überlieferung nach von Nikodemus geschnitzt – ist seit Jahrhunderten das Wahrzeichen Luccas und Ziel von Pilgern auf der Via Francigena. Es ist ein Bild des gekreuzigten Christus. Gemma Galgani, die an ihrem eigenen Leib die Wundmale des Gekreuzigten trug, ist die lebendige Entsprechung dieses hölzernen Bildes. Wenn die Passionisten sie die „schönste Gedenk-Medaille des Volto Santo“ nennen, meinen sie: Was das Kruzifix in Holz zeigt, hat Gemma in ihrem Fleisch gelebt. Die Novene im Dom, bei der Gemmas Reliquien neben dem Volto Santo ruhen, macht diese Verbindung sichtbar.
Eine Heilige, die heimkommt
Das Fest am 16. Mai in Lucca ist mehr als eine kirchliche Feier. Es ist eine Heimkehr. Gemma, die als Kind elternlos wurde, als junge Frau kein Kloster fand, als Kranke aus dem Haus der Gianninis in eine fremde Wohnung gebracht wurde und dort allein starb – diese Gemma hat nun ein Zuhause. Jedes Jahr im Mai wird sie aus dem Santuario in den Dom getragen, verweilt dort während der Novene neben dem Volto Santo und kehrt am 16. Mai in feierlicher Prozession zurück in ihr Kloster. Es ist die Prozession einer Frau, die im Leben arm und still durch die Straßen von Lucca ging – und die nun, in der Herrlichkeit der Heiligen, dieselben Straßen im Triumph durchzieht. Die Inschrift auf ihrem Santuario sagt alles: „Er erhöht die Niedrigen.“ Und: „Großes hat der Mächtige an mir getan.“ Am 16. Mai feiert Lucca beides: die Niedrigkeit und die Größe. Die Stille und den Jubel. Die arme Gemma und die große Heilige.
