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Zwischen Nähe und Fremdheit - Gemma Galgani und das schwierige Verhältnis zu ihren Geschwistern

 

Gemma Galgani wuchs in einer kinderreichen Familie auf. Acht Kinder brachten Enrico und Aurelia Galgani zur Welt, und Gemma war das vierte von ihnen. Doch obwohl sie inmitten einer großen Geschwisterschar aufwuchs, war ihr Verhältnis zu Brüdern und Schwestern von Anfang an von einer eigentümlichen Spannung geprägt: einer tiefen Liebe auf der einen Seite und einem wachsenden Unverständnis auf der anderen. Denn je mehr Gemma sich dem geistlichen Leben zuwandte, desto weniger konnten ihre Geschwister ihr folgen. Die Geschichte dieser Beziehung ist die Geschichte einer Frau, die zwischen familiärer Zugehörigkeit und göttlicher Berufung zerrissen wurde.

 

Gino – der Bruder ihres Herzens

Unter allen Geschwistern stand Gemma keinem so nahe wie ihrem Bruder Gino, der eigentlich Luigi hieß. Die Biografie schildert eine Beziehung von außergewöhnlicher Innigkeit. „Ich liebte ihn mehr als alle“, gestand Gemma später ihrem Seelenführer. An schulfreien Tagen waren die beiden unzertrennlich. Was sie verband, war nicht nur geschwisterliche Zuneigung, sondern eine gemeinsame Leidenschaft: die Frömmigkeit. Zusammen bauten sie kleine Altärchen und schmückten sie festlich – ein kindliches Spiel, das zugleich Ausdruck einer tiefen religiösen Sehnsucht war. Gino hatte sich dem geistlichen Stand gewidmet und war ins Seminar eingetreten. Er hatte bereits die niederen Weihen empfangen und stand vor den höheren, als ihn die Tuberkulose ereilte – dieselbe Krankheit, an der schon die Mutter gestorben war. Für Gemma begann eine Zeit, die an den Tod Aurelias erinnerte: wieder musste sie hilflos zusehen, wie ein geliebter Mensch der Schwindsucht erlag. Doch diesmal wich Gemma nicht von der Seite des Kranken. Obwohl sie die Gefahr der Ansteckung kannte, blieb sie Tag und Nacht an Ginos Bett, pflegte ihn, sprach ihm Mut zu und half ihm, sich auf den Tod vorzubereiten. Als Gino im September 1894 starb, brach Gemma selbst zusammen. Drei Monate lang fesselte sie eine schwere Krankheit ans Bett, und der Vater weinte und bat Jesus, er möge ihn statt seiner Tochter sterben lassen.

 

Schelte statt Verständnis

Während Gino Gemmas Frömmigkeit teilte, war das Verhältnis zu den übrigen Geschwistern weit weniger harmonisch. Schon in der Schulzeit begann sich ein Riss aufzutun. Die Biografie berichtet, dass die Familie wenig Gefallen an dem zurückgezogenen Leben fand, das Gemma zunehmend führte. Die Geschwister schalten sie nicht selten aus. Sie wollten, dass Gemma sich zerstreute. Sie hinderten sie daran, frühmorgens in die Kirche zu gehen, und meinten, sie besuche das Gotteshaus zu häufig. Abends versuchten sie, Gemma wie ihre anderen Schwestern herauszuputzen und auf den Spaziergang mitzunehmen. Für die Geschwister war Gemmas Verhalten schlicht unbegreiflich. Sie war jung, lebendig, intelligent – warum wollte sie sich nicht am gesellschaftlichen Leben beteiligen? Warum zog sie das Gebet dem Vergnügen vor? Diese Kluft zwischen Gemmas innerem Erleben und dem Unverständnis ihrer Umgebung sollte sich im Laufe der Jahre noch vertiefen.

 

Das Hausmütterchen

Nach dem Abschluss ihrer Schulzeit – Gemma war gerade siebzehn Jahre alt – übernahm sie die Rolle der Hausfrau in der väterlichen Familie. Sie widmete sich den Hausgeschäften, stand den Geschwistern bei und versuchte, sie durch Rat, Tat und gutes Beispiel auf den Weg der Tugend zu führen. Die Biografie zeichnet das Bild einer jungen Frau, die ihre Verantwortung ernst nahm: Bemerkte sie bei einem Geschwisterkind irgendeinen Mangel oder Fehler, so schrieb sie sich selbst die Schuld zu, als hätte sie nicht genug gewacht. Besonders achtete sie darauf, dass den jüngeren Geschwistern nichts fehlte, damit sie nicht unwillig würden. Diese mütterliche Fürsorge war umso bemerkenswerter, als die Familie in zunehmende finanzielle Not geriet. Der gutmütige Vater Enrico war durch betrügerische Geschäftspartner in schwierige Verhältnisse geraten. In dieser Zeit der Armut hielten die Geschwister zusammen und taten ihr Möglichstes, um einander beizustehen – besonders als Gemma später selbst schwer erkrankte. Die Biografie bezeugt, dass die Hausgenossen weder Sorge noch Opfer scheuten, um der geliebten Schwester Linderung zu verschaffen, obwohl sie selbst Not litten.

 

Julia – die Vertraute ihres Herzens

Neben Gino gab es eine zweite Seelenverwandte unter den Geschwistern: die Schwester Julia. Während Gino Gemmas Frömmigkeit in der Kindheit geteilt hatte, wurde Julia zur Vertrauten ihrer innersten Geheimnisse. Die Biografie bezeichnet sie als „die treue Vertraute der innersten Geheimnisse ihres Herzens“. In Julia fand Gemma jemanden, dem sie sich anvertrauen konnte – ein seltenes Geschenk in einer Familie, die ihre mystischen Erfahrungen zunehmend mit Misstrauen betrachtete. Doch auch Julia wurde Gemma durch den Tod entrissen. Sie starb im Alter von nur achtzehn Jahren, und innerhalb eines einzigen Jahres verlor Gemma neben Julia auch eine Tante und einen weiteren Bruder. Die Art, wie Gemma diese Verluste ihrem Seelenführer mitteilte, offenbart sowohl ihren Schmerz als auch ihre geistliche Reife. Über Julia schrieb sie: „Sie, Pater, wussten selbst, wie gut diese meine Schwester war; allein Jesus hat sie für sich gewollt.“ Und sie fügte hinzu, der Pater möge sie nicht schelten, weil sie nicht geweint habe – denn Jesus wolle dies nicht.

 

Hinter der Tür: Neugierde und Unverständnis

Die tiefste Krise im Verhältnis zu den Geschwistern entstand durch Gemmas mystische Erfahrungen. Nachdem sie die Stigmata empfangen hatte und regelmäßig in Ekstasen fiel, konnten die verbliebenen Geschwister und Tanten diese Vorgänge nicht begreifen. Die Biografie schildert eine bedrückende Szene: Überall waren die Verwandten hinter Gemma her. Befand sie sich in ihrer Kammer, so schauten sie durch die Spalten der Tür, in der Erwartung, irgendeine Entdeckung zu machen. Bemerkten sie durch die Ritzen, dass Gemma in Verzückung geraten war, luden sie sogar befreundete Personen ein, um ihre Schwester in diesem Zustand zu betrachten. Für Gemma war dies eine Quelle tiefen Leidens. Jesus selbst hatte ihr befohlen, die außerordentlichen Gnadenerweise vor Unbefugten geheim zu halten. Doch ihre eigene Familie machte genau das Gegenteil und verwandelte ihre intimsten geistlichen Erfahrungen in ein Schauspiel. Gemma beklagte sich darüber sowohl bei ihrem Beichtvater als auch bei Jesus selbst. Das Zusammenleben in der eigenen Familie bereitete ihr, wie die Biografie festhielt, „täglich neue Schwierigkeiten“. Es war diese unerträgliche Situation, die schließlich dazu führte, dass Gemma in die Familie Giannini aufgenommen wurde – ein Schritt, den die Biografie als wunderbares Eingreifen der göttlichen Vorsehung deutet. Dort, bei der frommen Cecilia Giannini, fand Gemma endlich jenen geschützten Raum, in dem sie frei und ungehindert ihrem geistlichen Leben nachgehen konnte.

 

Der Klosterwunsch und die Geschwister

Als Gemma nach ihrer wunderbaren Heilung den Wunsch äußerte, in ein Kloster einzutreten, reagierten die Geschwister und Tanten bemerkenswert: Sie zweifelten nicht an der Echtheit ihres Berufs und widersetzten sich dem Plan auch nicht. Doch sie glaubten, die Verwirklichung werde nicht so schnell kommen. In diesem Moment zeigten sich die Geschwister von ihrer verständnisvollsten Seite – sie lehnten Gemmas Weg nicht ab, auch wenn sie ihn nicht ganz nachvollziehen konnten.

 

Gotteslasterung und Blutsschweiß

Eine besonders erschütternde Episode beleuchtet die Spannung zwischen Gemma und ihrer Familie auf dramatische Weise. Als Gemma eines Tages von der Kirche nach Hause zurückkehrte, wurde sie auf dem Weg von einem Familienmitglied eingeholt, das in Wut geraten war und schreckliche Gotteslästerungen ausstieß. Die Wirkung auf Gemma war verheerend: Sie begann zu zittern, ihre Kräfte verließen sie, und sie stürzte wie tot zu Boden. Das Blut drang durch die Poren am ganzen Leib hervor und durchtränkte ihre Kleider und sogar den Boden. Diese Episode – die die Biografie als möglicherweise einzigartiges Ereignis in der Heiligengeschichte seit dem Blutsschweiß Jesu im Ölgarten bezeichnet – offenbart den Abgrund zwischen Gemmas geistlicher Empfindsamkeit und der Lebenswirklichkeit ihrer Familie. Was für das Familienmitglied ein Wutausbruch war, bedeutete für Gemma eine Wunde, die buchstäblich bis aufs Blut ging.

 

Liebe in der Losschälung

Gemma Galganis Verhältnis zu ihren Geschwistern lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen. Es war geprägt von echter Liebe – der zärtlichen Nähe zu Gino und Julia, der mütterlichen Fürsorge für die Jüngeren, der aufopfernden Pflege am Krankenbett. Zugleich war es durchzogen von tiefem Unverständnis, von Neugierde, die zur Indiskretion wurde, und von einer Lebensweise der Geschwister, die mit Gemmas geistlicher Berufung nicht vereinbar war. Die Biografie deutet dieses Spannungsverhältnis theologisch als Weg der Losschälung: Gemma lernte, ihre Geschwister zu lieben, ohne sich an sie zu klammern, und ihre Verluste mit einer Ergebung in Gottes Willen zu tragen, die ihre Umgebung in Erstaunen versetzte. Am Ende war es gerade die Erfahrung der familiären Fremdheit, die Gemma tiefer in jene andere Familie trieb, die ihr Jesus versprochen hatte: „Ich werde dein Vater sein, und sie wird deine Mutter sein.“