Wenn in der Literatur über Gemma Galgani von ihrer Familie die Rede ist, steht meist die Mutter Aurelia im Vordergrund – die heiligmäßige Frau, die ihrer Tochter den Glauben einpflanzte. Doch es gab noch eine andere prägende Gestalt in Gemmas Kindheit: ihren Vater Enrico Galgani. Er war Apotheker, ein Mann von schlichter Gutmütigkeit, und er liebte seine Tochter Gemma mit einer Innigkeit, die manchmal fast überschäumend war. Ihre Geschichte ist die eines Vaters, der alles für seine Kinder gab – und am Ende alles verlor.
Der Vater, der immer fragte: „Wo ist Gemma?“
Enrico Galgani war ein aufmerksamer Vater. Mit wachsamen Augen verfolgte er die Fortschritte seiner Tochter in Tugend und Lernen, und er dankte Gott dafür. An schulfreien Tagen wollte er Gemma stets um sich haben. Musste er einen Tag auf ihre Gesellschaft verzichten, so war bei der Heimkehr fast immer seine erste Frage: „Wo ist Gemma?“ Man zeigte dann auf das Kämmerlein, in das sich die Kleine gewöhnlich zurückzog, um zu lernen, zu arbeiten oder zu beten. Machte Enrico einen Ausgang in die Stadt, so nahm er Gemma mit und gewährte ihr auch sonst mancherlei Gunst. Doch diese auffällige Bevorzugung war Gemma selbst unangenehm. Schon als kleines Kind besaß sie ein feines Gefühl für Unparteilichkeit. Sie drang mit Bitten und Klagen in den zärtlichen Vater, er möge ihr doch nicht ein solches Übermaß von Liebe schenken – sie verdiene es nicht und beanspruche es noch weniger. Gelangte sie damit nicht zum Ziel, so nahm sie Zuflucht zu den Tränen, wodurch sie ihren Zweck noch am ehesten erreichte. Die Biografie merkt an, dass die Geschwister Gemma trotz der väterlichen Bevorzugung liebten und ihr nicht neidisch waren – ein Zeichen dafür, dass Gemmas Wesen offenbar jeden Neid entwaffnete.
Ein Vater, der weise wählte
Enricos Liebe zu seinen Kindern zeigte sich auch in seinen Entscheidungen. Schon einen Monat nach Gemmas Geburt siedelte er mit der ganzen Familie von Camigliano nach Lucca über, vor allem um seinen Kindern eine bessere Erziehung zu ermöglichen. Später, als Gemma von einer längeren Zeit bei der Tante zurückkehrte, konnte es der zärtlich liebende Vater nicht übers Herz bringen, seine Tochter neuerdings von sich zu lassen. Statt sie in eine Erziehungsanstalt als Interne zu geben, schickte er sie als Externe in das Institut der Schwestern von der heiligen Zita. Die Biografie lobt diese Entscheidung ausdrücklich: Der Vater war gut beraten, als er seine Tochter jenen ausgezeichneten Erzieherinnen übergab. Auch in der Frage der Erstkommunion spielte Enrico eine Rolle. Als die kleine Gemma mit Tränen in den Augen bat: „Gebt mir Jesus!“, war es der Beichtvater, der dem Vater erklärte, man solle Gemma die Kommunion nicht länger vorenthalten, wenn man nicht wolle, dass sie vor Sehnsucht sterbe. Am Vorabend ihrer Erstkommunion schrieb Gemma ihrem Vater ein Briefchen, das in seiner Schlichtheit ihr ganzes Wesen offenbart: „Lieber Papa! Ich schreibe diese wenigen Zeilen, weil ich Dich liebe.“ Sie bat ihn um Verzeihung für ihren Ungehorsam und um seinen Segen.
Im Sturm der Schicksalsschläge
Die Beziehung zwischen Vater und Tochter wurde bald von schweren Prüfungen überschattet. Zunächst war es der Tod der Mutter Aurelia im Jahr 1886. Enrico hatte versucht, die kleine Gemma vor der Ansteckungsgefahr zu schützen, indem er sie zur Tante nach San Gennaro bringen ließ – er fürchtete, sein geliebtes Kind könnte sonst noch vor der Mutter sterben. Es war die Entscheidung eines Vaters, der vor einer unmöglichen Wahl stand: die Tochter von der sterbenden Mutter zu trennen, um ihr Leben zu retten. Dann kam der Tod von Bruder Gino im September 1894. Gemma hatte ihren Lieblingsbruder Tag und Nacht am Sterbebett gepflegt, und als er starb, brach sie selbst zusammen. Drei Monate lag sie schwer krank darnieder, am Rande des Grabes. Die Biografie schildert den Vater in diesen Wochen in ergreifenden Worten: Gemma selbst gestand, sie sei nicht imstande, die Pflege zu schildern, die ihr alle, insbesondere der Vater, angedeihen ließen. Wiederholt sah sie ihn weinen und Jesus bitten, er möge ihn statt seiner Tochter sterben lassen. Es scheint, so merkt die Biografie an, dass der Himmel dieses Gebet erhörte. Denn etwa zwei Jahre später starb der zärtlich liebende Vater, während Gemma genas. Dieser Satz gehört zu den erschütterndsten der gesamten Biografie: Ein Vater, der darum bat, an der Stelle seines Kindes sterben zu dürfen – und dessen Bitte gewährt wurde.
Ruin und Tod des Vaters
Die Biografie zeichnet ein liebevolles Porträt von Enrico Galgani: Er war ein Mann vom alten Schlage, gutmütig, einfach, wohltätig. Da er selbst niemanden zu täuschen vermochte, hielt er auch die anderen für ehrlich und aufrichtig. Diese Gutgläubigkeit wurde ihm zum Verhängnis. Andere verstanden es, aus seiner Gutmütigkeit Vorteil zu ziehen. Dazu kamen die langen Krankheiten seiner Frau und seines Sohnes Gino sowie andere Unglücksfälle. Das ehemals ansehnliche Vermögen schmolz zusammen, und als er die fälligen Wechsel nicht mehr einlösen konnte, war der Ruin unvermeidlich. Sämtliche Güter wurden beschlagnahmt. Die große Familie geriet in Armut und Elend. Kurz darauf erkrankte Enrico an Halskrebs und starb im Alter von 57 Jahren. Kaum hatten die Gläubiger die Nachricht vernommen, ließen sie die Apotheke schließen und zogen selbst die wenigen Möbel an sich, die der Familie noch geblieben waren. Die Biografie vergleicht das Schicksal der Galgani-Kinder mit der Geschichte des biblischen Dulders Hiob: Die armen Waisen sahen sich förmlich auf die Gasse gesetzt.
Gemmas Antwort: Ergebung und Liebe
Wie reagierte Gemma auf den Verlust ihres Vaters? Die Biografie betont, dass sie dem Hinscheiden des Vaters mit jener Ruhe und Ergebung beiwohnte, die ihr ganzes geistliches Leben kennzeichnete. Doch man täusche sich nicht: Diese Gelassenheit war nicht Gefühllosigkeit. Die Biografie hält ausdrücklich fest, dass Gemma eine innige Liebe zu ihren Eltern hatte, besonders zu ihrer Mutter – aber auch zum Vater. Es war vielmehr jene Tugend der Losschälung, die Gemma durch Jahre des Verlustes erlernt hatte: die Fähigkeit, geliebte Menschen loszulassen, weil sie darauf vertraute, dass Gott sie zu sich genommen hatte. Nach dem Tod des Vaters verschlechterte sich Gemmas Lage dramatisch. Bald erkrankte sie selbst schwer an Rückenmarksschwindsucht. Die Biografie erwähnt den Mangel an der notwendigen Nahrung nach dem Tode ihres Vaters als eine der schweren Prüfungen, die Gemma zu tragen hatte. Der Vater, der einst geweint und gebetet hatte, sein Kind möge leben, war nicht mehr da, um für sie zu sorgen.
Vom irdischen zum himmlischen Vater
In Gemmas geistlichem Erleben erhielt die Vater-Gestalt eine tiefere Dimension. Jesus selbst sprach zu ihr die Worte: „Ich werde dein Vater sein.“ Was Enrico nicht mehr leisten konnte – Schutz, Fürsorge, Geborgenheit –, das übernahm in Gemmas Erleben der himmlische Vater. Die Tatsache, dass Gemma Gott in ihren Gebeten vertraulich als „Vater“ ansprach und ausrief: „O Vater! Allein mit dir allein!“, lässt erahnen, wie tief die Erfahrung väterlicher Liebe in ihr verwurzelt war – und wie sehr sie diese nach Enricos Tod im Gebet wiederfand. Auch in ihren mystischen Visionen begegnete ihr Gott der Vater: In einer frühen Vision sah sie ihn als ehrwürdigen Greis, der sie als sein Kind ansprach. Die kindliche Erfahrung des guten, wenn auch unvollkommenen irdischen Vaters Enrico wurde so in eine himmlische Vaterschaft hinein verwandelt und überhöht.
Enricos Vermächtnis
Was bleibt von Enrico Galgani? Die Biografie zeichnet ihn nicht als Heiligen, sondern als einen zutiefst menschlichen Vater: liebevoll bis zur Übertreibung, gutgläubig bis zur Naivität, aufopfernd bis zum buchstäblichen Selbstopfer. Er war der Mann, der seine Lieblingstochter nicht aus den Augen lassen konnte und der bereit war, sein Leben für sie hinzugeben. Er war aber auch der Mann, dessen Gutmütigkeit die Familie in den Ruin trieb und der seine Kinder als mittellose Waisen zurückließ. Und doch: Gerade in dieser Mischung aus Größe und Schwäche liegt die Rührung, die Enricos Gestalt auslöst. Sein Gebet am Krankenbett der Tochter – „Herr, lass mich statt ihrer sterben“ – ist vielleicht der reinste Ausdruck väterlicher Liebe, den die Biografie enthält. Dass dieses Gebet nach dem Zeugnis der Biografie erhört wurde, verleiht der Geschichte eine fast biblische Dimension: Ein Vater gibt sein Leben, damit sein Kind leben kann. Gemma hat dieses Opfer nie vergessen. Und in der Tiefe ihres geistlichen Lebens, in ihrem vertrauensvollen Rufen nach dem himmlischen Vater, klingt noch immer das Echo der Stimme Enricos nach, der einst bei der Heimkehr fragte: „Wo ist Gemma?“
Siehe auch: Gemma Galgani und die prägende Liebe ihrer Mutter Aurelia
