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„Wie lieb habe ich dich, mein Engel!“ - Die heilige Gemma Galgani und ihr Schutzengel

Die Biografie vergleicht das Verhältnis Gemmas zu ihrem Schutzengel mit der Geschichte des jungen Tobias und des Erzengels Raphael. Und tatsächlich hat diese Freundschaft etwas von jener biblischen Vertrautheit: Sie war alltagsnah und himmlisch zugleich, zärtlich und streng, voller kleiner Aufträge und großer Geheimnisse. Kein anderes Verhältnis in Gemmas Leben – mit Ausnahme ihrer Beziehung zu Jesus selbst – war so unkompliziert und beständig wie jenes zu ihrem Engel.

 

Sichtbar und beständig

Was Gemmas Engelbeziehung von der Erfahrung der meisten Heiligen unterschied, war die sichtbare und beständige Gegenwart des Engels. Sie sah ihn mit leiblichen Augen. Sie berührte ihn mit der Hand. Sie sprach mit ihm, wie ein Freund mit einem Freund spricht. Gemma selbst sagte darüber: „Jesus hat mich keineswegs allein gelassen, er bewirkt, dass mein Schutzengel stets bei mir ist.“ Sie erblickte ihn auf verschiedene Weise: bald wie er in der Luft schwebte, die Flügel entfaltet und die Hände über sie ausbreitend, bald wie er neben ihr kniete. Beteten sie gemeinsam Psalmen, wechselten sie mit den Versen ab. Bei Stoßgebeten entstand zwischen ihnen ein heiliger Wettstreit. Wenn Gemma den Blick zu ihm erhob oder mit ihm sprach, verlor sie den Gebrauch der Sinne – man konnte sie rütteln, schlagen, stechen, sie hätte nichts davon verspürt. Sobald sie aufhörte, ihn anzublicken, kehrte sie sofort zu sich zurück.

 

Vertraulich wie Tobias und Raphael

Die Gespräche zwischen Gemma und ihrem Engel waren oft von einer entwaffnenden Einfachheit. Die Biografie überliefert einige dieser Fragen, die Gemma an ihn richtete:

„Sag mir, mein Engel, was hatte doch der Beichtvater heute morgen, dass er so ernst war und mich nicht anhören wollte? Wird mir der Pater aus Rom antworten auf den Brief? Und jener Sünder, den ich meine, wann wird ihn Jesus mir bekehren? Was soll ich jener Person, die mich um Rat gefragt hat, antworten? Sag mir, mein Engel, ist Jesus mit mir zufrieden?“ Der Engel passte sich Gemmas kindlicher Offenheit an und beantwortete ihre Fragen. Für P. Germano, den Seelenführer, war der Engel gleichsam ein zweiter Jesus. Gemma setzte ihm ihre eigenen und fremden Bedürfnisse auseinander. In ihren Trübsalen, besonders beim Kampf mit dem Teufel, hatte sie ihn stets an der Seite. Sie gab ihm Aufträge an Gott, an Maria, an ihre Schutzpatrone im Himmel. Sogar verschlossene und versiegelte Briefe übergab sie ihm mit der Bitte, er möge ihr zu gegebener Zeit die Antwort vermitteln – und die Briefe wurden tatsächlich fortgenommen. Wenn eine Antwort auf sich warten ließ, wurde Gemma ungeduldig: „Es sind doch schon viele Tage her, dass ich es Ihnen durch den Engel sagen ließ; wie kommt es nur, dass Sie nichts getan haben in der Sache? Sie hätten mir wenigstens durch den Engel berichten lassen können!“

 

Der strenge Erzieher

Der Schutzengel war nicht nur Freund und Trost, sondern auch Lehrer und Erzieher – und zwar ein strenger. Er ließ Gemma keinen Fehler durchgehen, nicht einmal unfreiwillige. Gemma bemerkte darüber: „Er ist wohl streng, mein Engel, aber das gefällt mir. In den vergangenen Tagen tadelte er mich drei oder viermal täglich.“ Einmal diktierte er ihr sogar eine ganze Regel für ihr geistliches Leben. Auf seinen Befehl nahm Gemma Papier und Feder, setzte sich an den Schreibtisch, während der Engel an ihrer Seite stand und ihr folgende Weisungen erteilte: „Meine Tochter, denke daran: Wer Jesus wahrhaft liebt, spricht wenig und erträgt alles. Ich befehle dir im Namen Jesu, deine Ansicht nie zu äußern, wenn du nicht darum befragt wirst. Wenn du einen Fehler begangen hast, klage dich sofort darüber an. Gehorche pünktlich und ohne Widerrede. Sei aufrichtig. Vergiss nicht, die Augen zu bewachen, und bedenke, dass das abgetötete Auge die Schönheit des Himmels schauen wird.“ Gemma antwortete auf diese Strenge mit Dankbarkeit: „Teurer Engel, wie lieb habe ich dich! – Warum? – Weil du mich lehrst, brav zu sein, demütig zu bleiben und Jesus wohlzugefallen.“

 

Der goldene Schmuck

Eine der ersten Begegnungen mit dem Schutzengel fand Ende 1895 statt, als Gemma siebzehn Jahre alt war. Von einem Verwandten hatte sie eine goldene Taschenuhr und ein Kreuz mit Kette geschenkt bekommen. Aus Rücksicht auf den Spender legte sie den Schmuck einmal um den Hals, als sie ausging. Als sie nach Hause zurückkehrte und die Stücke ablegte, erschien ihr der Schutzengel mit strenger Miene: „Das wertvolle Geschmeide, womit sich die Braut eines gekreuzigten Königs schmückt, kann nur in den Dornen und im Kreuze bestehen.“ Diese Worte genügten. Gemma schob Uhr und Kette unwillig von sich, nahm auch den Ring ab, den sie bisher getragen hatte, warf sich auf den Boden und versprach unter Tränen, nie wieder etwas der Eitelkeit Dienendes zu tragen. Sie hielt dieses Versprechen ihr ganzes Leben lang.

 

Die Wahl der Dornenkrone

Ein besonders einprägsamer Augenblick: Der Schutzengel erschien Gemma mit zwei Kronen in der Hand – die eine aus Dornen, die andere aus blendend weißen Lilien. Er forderte sie auf, diejenige zu wählen, die ihr mehr gefalle. Gemma antwortete ohne Zögern: „Ich will die des Heilandes! Gib mir die Krone des Heilandes Jesu; diese allein gefällt mir.“ Der Engel reichte ihr die Dornenkrone und behielt die Lilienkrone für sich. Gemma nahm sie mit heißem Verlangen und drückte sie sich auf das Haupt.

 

Die Probe des Gehorsams

P. Germano stellte Gemma auf die Probe, indem er ihr verbot, sich über eine bestimmte Grenze hinaus mit dem Engel zu unterhalten. Gemma gehorchte sofort und sagte dem Engel bei seinem nächsten Erscheinen freimütig: „Geduld, mein lieber Engel, der Pater will nichts davon wissen. Ich muss mich nun reservierter verhalten.“ Als der Engel trotzdem erschien und sie ansprach, wehrte Gemma sich: „Heiliger Engel, hör mich an: Besudle deine Hände nicht mit mir, ziehe ab, geh zu einer anderen Seele, welche Gottes Gaben zu schätzen weiß! Ich verstehe das nicht.“ Der Engel erwiderte ruhig: „Was fürchtest du denn?“ – „Gegen den Gehorsam zu handeln.“ – „Nein, denn mich schickt dein Pater.“ Darauf ließ sie ihn sprechen – und schrieb hinterher reumütig an P. Germano: „Verzeihen Sie mir; ich werde nicht mehr auf den Engel horchen.“ Als der Seelenführer zudem beanstandete, dass manchmal auch andere Engel mitkämen, antwortete Gemma verblüfft: „Wahrhaftig, jetzt kenne ich mich nicht mehr aus. Andere, die sich ins Gebet begeben, sehen ihren Engel. Wenn ich den meinigen sehe, so schelten sie und regen sich auf. Was habe ich da zu tun? Regen Sie sich doch nicht auf; ich will brav sein und gehorchen.“

 

Beschützer im Kampf

Der Schutzengel war Gemmas stärkster Verbündeter im Kampf gegen den Teufel. Er zügelte die Gewalt Satans, kämpfte mit ihm, um sie seinen Händen zu entreißen, und stand ihr in den Gefahren des Lebens schützend zur Seite. Einmal sagte er in zärtlichem Mitleid: „Armes Kind, du bist schwach und bedarfst immer des fremden Beistandes; wie viel Geduld muss ich mit dir haben!“ Gemma hatte ein einfaches Mittel gelernt, um gute Geister von bösen zu unterscheiden: Jesus hatte ihr geraten, bei jeder Erscheinung auszurufen „Gebenedeit sei Jesus und Maria!“, ihr Seelenführer fügte hinzu: „Es lebe Jesus!“ Die guten Geister antworteten stets freudig; die bösen verschwanden.

 

Berührendes Verhältnis

Was das Verhältnis Gemmas zu ihrem Schutzengel so berührend macht, ist seine Menschlichkeit. Hier gibt es keine ätherische Ferne, kein ehrfurchtsvolles Erstarren. Hier gibt es ein Mädchen, das seinem Engel Aufträge erteilt und sich beschwert, wenn die Antwort zu lange dauert. Hier gibt es einen Engel, der tadelt, tröstet, Psalmen betet, Briefe überbringt und geduldig erklärt, warum er trotz des Verbots gekommen ist. Gemma fasste ihr Gefühl in wenigen Worten zusammen, die alles sagen: „Teurer Engel, wie lieb habe ich dich! – Weil du mich lehrst, brav zu sein, demütig zu bleiben und Jesus wohlzugefallen.“