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„Sie setzte sich zu ihnen“ - Gemma Galganis Liebe zu den Armen und Leidenden

Wenn von Gemma Galgani die Rede ist, denkt man zuerst an Stigmata, Ekstasen und mystische Visionen. Doch wer nur das Übernatürliche in ihrem Leben sieht, übersieht das Wesentliche. Denn die Biografie der jungen Frau aus Lucca erzählt auch eine andere Geschichte: die Geschichte einer konkreten, handfesten, manchmal geradezu robusten Nächstenliebe. Gemma wusch eitrige Wunden, fütterte Bettler, schuftete in der Küche und trug das Leid anderer buchstäblich am eigenen Leib. Ihre Liebe zu den Armen war keine fromme Geste, sondern gelebte Wirklichkeit – und sie kannte keine Trennung zwischen dem Dienst am Leib und dem Dienst an der Seele.

 

Kniend vor der Magd

Gemma lebte seit 1899 im Haus der angesehenen Familie Giannini in Lucca, wo sie wie eine Tochter behandelt wurde. Doch sie verstand sich nicht als Dame des Hauses, sondern als Dienerin. Obwohl sie eine feine Erziehung genossen hatte und in feinen Handarbeiten geübt war, bevorzugte sie bewusst die einfachsten Tätigkeiten: Kleider ausbessern, Strümpfe stricken, Wasser aus dem Brunnen holen, den Mägden beim Zimmerputzen helfen, Mahlzeiten herrichten, Geschirr spülen. Feinere Stickereien lehnte sie ab – das erschien ihr als Eitelkeit und Zeitverlust. Besonders eindrücklich ist die Episode mit einer erkrankten Magd im Haus. Die Frau war von ekelhaften Eiterbläschen befallen worden. Gemma, die Tochter aus gutem Hause, ging sofort zu ihr. Sie brachte das Zimmer in Ordnung, richtete das Bett, und dann kniete sie nieder, um die eiternden Wunden zu waschen und zu verbinden. Die Reaktion der Kranken war Undank: Grobheiten, Schmähungen, schließlich die Erklärung, sie empfinde Ekel an Gemma und wolle sie nicht mehr sehen. Gemma gab nicht auf. Im Gegenteil: Sie verdoppelte ihren Eifer und war, wie die Biografie festhielt, mit peinlichster Sorgfalt darauf bedacht, die arme Kranke zufriedenzustellen. In dieser Szene verdichtet sich Gemmas ganzes Verständnis von Nächstenliebe: Es ging ihr nicht um Dankbarkeit, nicht um ein gutes Gefühl, sondern um den Dienst an Christus im leidenden Menschen – auch dann, wenn dieser Mensch sie zurückstieß.

 

Die besten Bissen für die Bettler

Die schönste Szene der Biografie zum Thema Armenliebe spielt sich an der Haustür der Familie Giannini ab. Im Haus gab es eine Vorratskammer, in der übriggebliebene Speisen für die Verteilung an Bedürftige aufbewahrt wurden. Sobald Gemma die Hausglocke läuten hörte, vermutete sie, es seien arme Leute draußen. Öffnete niemand gleich, bat sie selbst um Erlaubnis, es zu tun. Dann geschah etwas, das über bloßes Almosengeben weit hinausging: Gemma ließ die Bettler in den Hausflur eintreten und Platz nehmen. Sie holte die besten Bissen aus der Vorratskammer und brachte sie ihnen. Und während die Armen aßen, setzte Gemma sich zu ihnen. Sie stellte Fragen, hörte zu, sprach mit ihnen über den Glauben, über Frömmigkeit, über Ergebung in Gottes Willen. Die Biografie hält fest, dass die Bettler an Leib und Seele gestärkt und ausgesöhnt mit ihrem Los das Haus verließen. Das Bild ist von ergreifender Schlichtheit: die junge Mystikerin, die sich neben die Bettler setzt, nicht über ihnen steht, nicht von oben herab gibt, sondern Gemeinschaft stiftet. In dieser Geste liegt eine Theologie der Nächstenliebe, die keine gelehrten Worte braucht: Der Arme ist nicht Objekt des Mitleids, sondern Geschwister, dem man auf Augenhöhe begegnet.

 

Das Hausmütterchen

Schon bevor Gemma in die Familie Giannini kam, hatte sie im eigenen Elternhaus die Rolle einer Fürsorgerin übernommen. Mit siebzehn Jahren widmete sie sich ganz den Hausgeschäften und stand den jüngeren Geschwistern bei. Die Biografie beschreibt, wie sie sich schuldig fühlte, wenn sie bei einem der Geschwister irgendeinen Mangel oder Fehler bemerkte – als hätte sie nicht genug gewacht. Besonders achtete sie darauf, dass den Jüngeren nichts fehlte, damit sie nicht unwillig würden. Diese mütterliche Fürsorge war umso bemerkenswerter, als die Familie nach dem Ruin des Vaters in bitterer Armut lebte. Gemma wusste also, was es hieß, arm zu sein. Sie kannte die Scham der verschuldeten Familie, die ihre Not verbarg. Sie hatte selbst erfahren, wie es war, wenn der kranken Schwester nicht einmal die gewöhnlichste Labung zukam. Ihre spätere Liebe zu den Armen war keine Barmherzigkeit aus dem Überfluss, sondern die Solidarität einer Frau, die selbst die Armut am eigenen Leib erfahren hatte.

 

Schmerzen übernehmen: Die Heilung der Hausmutter

Gemmas Nächstenliebe erreichte eine Dimension, die den Rahmen des Üblichen sprengt. Als die Hausmutter Giustina Giannini schwer erkrankte und die Ärzte das Äußerste befürchteten, bat Gemma Gott um etwas Ungewöhnliches: Er möge ihr selbst die Schmerzen der Kranken auferlegen. Gott erhörte sie. Giustina wurde auf der Stelle geheilt. Gemma hingegen litt monatelang unter denselben Schmerzen, die sie fast an den Rand des Grabes brachten. Man kann diese Episode als mystisches Phänomen deuten – und das ist sie zweifellos. Aber in ihrem Kern ist sie ein Akt der Nächstenliebe in ihrer radikalsten Form: die Übernahme fremden Leidens, das buchstäbliche Mittragen der Last eines anderen Menschen. Es war dasselbe Prinzip, das schon Gemmas Vater Enrico gelebt hatte, als er betete, Gott möge ihn statt seiner Tochter sterben lassen. Die Bereitschaft, sich für andere zu opfern, lag in der Familie.

 

Sünder auf der Achsel

Die tiefste und umfassendste Form von Gemmas Nächstenliebe war jedoch unsichtbar: das beharrliche Gebet für die Sünder. Gemma trug, wie sie es selbst ausdrückte, ständig irgendeinen Sünder „auf der Achsel“. Sie bot sich Gott als Sühneopfer an, vergoss Blut und Tränen für Menschen, die sie nie getroffen hatte, und rang in Ekstasen mit Jesus und Maria um die Rettung verlorener Seelen. Dabei bewies sie eine Hartnäckigkeit, die selbst Gott abzuringen schien, was er zunächst verweigerte. Als Jesus einmal erklärte, er kenne einen bestimmten Sünder nicht mehr, ließ Gemma nicht locker. Sie wandte sich an Maria, dann an den seligen Gabriel, sie verdoppelte ihr Gebet – und betete ein ganzes Jahr lang weiter, bis die Bekehrung auf dem Sterbebett eintrat. Die Biografie bezeugt mehrere solcher Bekehrungen, die auf Gemmas Fürbitte zurückgeführt werden. Diese geistliche Barmherzigkeit war für Gemma keine Ergänzung zur leiblichen, sondern deren Vollendung. Wer einem Bettler Brot gab und für einen Sünder betete, tat in ihren Augen dasselbe: Er nährte den ganzen Menschen. Die Armen, denen sie Essen brachte, bekamen auch ein gutes Wort für die Seele. Die Sünder, für die sie betete, wurden von ihr ebenso konkret getragen wie die Kranke, deren Wunden sie verband.

 

Süßigkeiten für die Kinder

Selbst auf dem Sterbebett, in den letzten Wochen ihres Lebens, blieb Gemmas Nächstenliebe lebendig. Wenn die jüngsten Kinder der Familie Giannini an ihr Krankenlager geschlichen kamen, empfing sie diese auf das Freundlichste und schenkte ihnen die Süßigkeiten, die man ihr zur Erfrischung gebracht hatte – die sie aber in liebevollem Zartsinn für die Kleinen aufbewahrt hatte. Und als ihre Schwester Angiolina beim Anblick der Sterbenden in heftiges Weinen ausbrach, tröstete Gemma sie mit den Worten: „Weine nicht, Angiolina.“ Es ist dieses Bild, das am Ende bleibt: Eine junge Frau, die selbst im Sterben noch an andere denkt. Die ihre letzten Süßigkeiten verschenkt. Die andere tröstet, obwohl sie selbst des Trostes bedurft hätte. In Gemma Galganis Nächstenliebe gibt es keinen Unterschied zwischen dem Großen und dem Kleinen, zwischen dem Mystischen und dem Alltäglichen. Eiternde Wunden waschen und für Sünder bluten, Bettlern Brot bringen und Kindern Süßigkeiten schenken – alles entsprang derselben Quelle: einer Liebe, die sich nicht für sich selbst aufsparte, sondern sich verströmte, bis nichts mehr übrig war.