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„Dir empfehle ich meine arme Seele“ - Die letzten Tage und der Tod der heiligen Gemma Galgani

Gemma Galgani starb am Karsamstag, dem 11. April 1903, um ein Uhr nachmittags. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt. Ihr Sterben dauerte eine Woche und folgte dem Rhythmus der Karwoche so genau, als hätte sie ihr ganzes Leben darauf zugesteuert, gemeinsam mit dem Gekreuzigten zu sterben. Die Biografie schildert diese letzten Tage mit einer Dichte, die den Leser in das Sterbezimmer hineinversetzt – an das Bett einer jungen Frau, die zwischen furchtbarem Leiden und himmlischer Verzückung ihr Leben aushaucht.

 

Der letzte Besuch des Seelenführers

Schon im Oktober 1902 hatte P. Germano, Gemmas Seelenführer, die Sterbende in Lucca besucht. Als er sie fragte: „Was tun wir nun, Gemma?“, antwortete sie im Ton unaussprechlicher Freude: „Wir gehen zu Jesus, Pater!“ Und als er einwandte, er wolle nicht, dass sie jetzt sterbe, entgegnete sie schlicht: „Wenn aber Jesus wollte, was dann?“ Sie sprachen über die Einzelheiten ihres Todes – die Sterbsakramente, die Aufbahrung, die Beerdigung – mit einer Unbefangenheit, als handele es sich bloß darum, das Bett oder die Wohnung zu wechseln. Am nächsten Morgen empfing Gemma die Wegzehrung, gekleidet wie eine Braut, mit weißem Schleier auf dem Haupt, in tiefster Ekstase versunken. Der Priester, der die Kommunion brachte, erstarrte beim Anblick ihres verklärten Antlitzes; Flammen und Strahlen schienen davon auszugehen. Danach warf er sich neben dem Bett auf die Knie und weinte. P. Germano verabschiedete sich mit den Worten: „Gemma, wie lange wird es noch gehen? Ich möchte abreisen.“ Sie antwortete: „Vorderhand werde ich nicht sterben. Dieser Krankheit werde ich sicher zum Opfer fallen, aber nicht jetzt.“ Er gab ihr den letzten Segen und sollte sie auf dieser Erde nicht mehr sehen.

 

Die Karwoche 1903

Am Mittwoch in der Karwoche, dem 8. April, schien Gemma in Ekstase versunken. Sie heftete die Augen zum Himmel und flüsterte leise: „Jesus, Jesus.“ Als eine Krankenschwester fragte, ob Jesus sie getröstet habe, antwortete sie: „Wenn Sie nur ein Teilchen von dem sehen könnten, was Jesus mich sehen ließ, wie sehr würden Sie sich darüber freuen!“ An diesem Tag empfing sie die Wegzehrung. Am Gründonnerstag verlangte sie erneut nach der Kommunion. Als der Priester zögerte, erklärte sie, um dieses Trostes nicht beraubt zu werden, wolle sie den brennenden Durst ertragen. So empfing sie Jesus ein letztes Mal. Nach der Kommunion versank sie in Sammlung und sah eine Dornenkrone. Sie hörte die Worte: „Wie vieles hast du noch durchzumachen, bevor du zur Vollendung gelangst!“ Dann fragte sie die Schwester: „Was für ein Tag ist morgen?“ – „Karfreitag.“

 

Am Kreuz mit Jesus

Der Karfreitag brachte den Höhepunkt. Am Vormittag wollte die erschöpfte Krankenschwester sich entfernen. Gemma bat: „Verlassen Sie mich nicht, bis ich ans Kreuz geheftet bin. Ich muss mit Jesus gekreuzigt werden. Jesus hat mir gesagt, seine Kinder müssten am Kreuze sterben.“ Kurz darauf geriet Gemma in tiefe Ekstase. Sie breitete langsam die Arme aus und verharrte in dieser Stellung bis gegen halb zwei Uhr – in der Haltung des Gekreuzigten. Auf ihrem Antlitz erschien eine Mischung von Schmerz und Liebe, von Trostlosigkeit und Frieden. Sie sprach kein Wort. Die Umstehenden betrachteten sie voll Staunen und meinten, sie müsse jeden Augenblick verscheiden, so furchtbar litt sie am Leib und noch heftiger an der Seele.

 

Die letzten Worte

Am Karsamstag, gegen acht Uhr morgens, empfing Gemma die Letzte Ölung. Sie war wieder bei klarem Bewusstsein und betete mit, soweit es ihre ersterbende Stimme gestattete. Dann kam die letzte, schwerste Prüfung: die Verlassenheit. Die Biografie vermerkt mit schmerzlicher Nüchternheit, dass am Sterbebett weder der Beichtvater noch der Seelenführer noch sonst ein Geistlicher zugegen war – nur einige fromme Frauen, die die Sterbende eher beweinen als trösten konnten. Gott wollte, so deutet es die Biografie, dem Martyrium seiner Dienerin die Krone aufsetzen. Gemma blieb allein, um mit Jesus allein zu dulden und zu sterben. Aufgerieben vom Übel, erdrückt von den Schmerzen, vom Teufel an Leib und Seele gequält, ohne Trost vom Himmel oder von der Erde, strengte dieses schuldlose Geschöpf seine heisere Stimme ein letztes Mal an. Ihre letzten Worte waren: „Jetzt ist es wirklich wahr, dass ich nicht mehr kann. Jesus, dir empfehle ich diese meine arme Seele. Jesus!“ Die Biografie deutet diese Worte als das Consummatum est und das In manus tuas des sterbenden Erlösers – das „Es ist vollbracht“ und das „In deine Hände befehle ich meinen Geist.“

 

Ein Lächeln im Tod

Eine weitere halbe Stunde verging. Gemma saß in ihrem Bett, den Kopf an die Schulter einer ihrer Wohlfäterinnen gelehnt. Sie schien ruhig zu schlummern. Aller Augen waren auf ihr Antlitz gerichtet, dessen liebliche Schönheit selbst die langdauernde Krankheit nicht ganz zu verwischen vermocht hatte. Dann – auf einmal – umspielte ein süßes Lächeln ihren Mund. Gemma neigte das Haupt sanft zur Seite und verschied. Niemand merkte eigentlich ihr Verscheiden. Es trat keine Agonie ein. Man sah kein Zucken, kein Verdrehen, keinen Erstickungsanfall. Die Biografie findet dafür ein Bild von ergreifender Zartheit: Ihr Sterben glich einem Kuss, den die reine Seele ihrem reinen Körper beim Abschied gab. Es war ein Uhr nachmittags, Karsamstag, der 11. April 1903.

 

Danach

Die Krankenschwestern kleideten Gemma in ein braunes Ordenshabit – das Kleid der Passionistinnen, das sie im Leben nie hatte tragen dürfen. Auf die Brust legten sie ein Kruzifix, auf das Herz das Abzeichen der Passionisten. Um das Haupt flochten sie einen Blumenkranz, den Rosenkranz hängten sie ihr um den Hals, die Hände falteten sie so, wie Gemma sie in ihren Ekstasen zu halten pflegte. Das süße Lächeln, das im Tod ihren Mund umspielt hatte, blieb. Die Grabinschrift fasste ihr Leben in einen einzigen Satz: „Gemma Galgani, eine reinste Jungfrau, die, mehr durch die Glut der Gottesliebe als durch die Gewalt der Krankheit verzehrt, im fünfundzwanzigsten Jahre ihres Lebens, am Karsamstag den 11. April 1903, zur Hochzeit ihres himmlischen Bräutigams entschwebte.“ Dreizehn Tage später wurde ihr Herz dem Leichnam entnommen. Die Ärzte fanden es frisch, kräftig, biegsam, rotfarben und voll Blut – gleich einem lebenden Herzen. Die ärztliche Deputation war aufs Höchste erstaunt. Es war, als wolle auch der Körper bestätigen, was die Seele längst wusste: dass Gemmas Herz nie aufgehört hatte zu lieben.