Am 2. Mai 1940, dem Fest Christi Himmelfahrt, sprach Papst Pius XII. im Petersdom zu Rom die junge Mystikerin aus Lucca heilig. Nur 37 Jahre waren seit Gemma Galganis Tod vergangen – eine ungewöhnlich kurze Zeitspanne für die damalige kirchliche Praxis. Pius XII. nannte sie den „Stern seines Pontifikates“ und verfasste das feierliche Dekretschreiben Sanctitudinis Culmen („Der Gipfel der Heiligkeit“) zu ihrer Kanonisation. Damit war ein Weg abgeschlossen, der schon wenige Jahre nach Gemmas Tod begonnen hatte und sich über drei Jahrzehnte erstreckte – ein Weg, der von der Skepsis der Prüfer, von medizinischen Gutachten, von zwei außerordentlichen Wundern und von der unerschütterlichen Überzeugung ihres Seelenführers P. Germano geprägt war.
Der Beginn des Verfahrens (1907–1920)
Gemma starb am 11. April 1903. Bereits 1907 – nur vier Jahre später – begannen die ersten kirchlichen Untersuchungen in der Diözese Lucca. Die treibende Kraft war P. Germano Ruoppolo CP, Gemmas Seelenführer und Biograph, der zugleich als Generalpostulator für die Seligsprechung des sel. Gabriel Possenti tätig war. Zwischen 1907 und 1910 fanden die diözesanen Voruntersuchungen (Processi informativi) statt, bei denen zahlreiche Augenzeugen vernommen wurden: Mitglieder der Familie Giannini, Krankenschwestern, Priester, Freundinnen wie Palmira Valentini, und nicht zuletzt Monsignore Volpi, Gemmas Beichtvater. Am 28. April 1920, dem damaligen Fest des hl. Paulus vom Kreuz, wurde die Sache offiziell in Rom eingeführt. Damit begann der kanonische Prozess, der jedes noch so kleine Detail von Gemmas Leben unter die Lupe nahm.
Heroischer Tugendgrad (1922–1931)
Der kanonische Prozess dauerte neun Jahre. Die Untersuchungskommission prüfte nicht nur die mysischen Phänomene – Stigmata, Ekstasen, Visionen, Blutschweiß –, sondern vor allem Gemmas Tugenden: ihren Gehorsam, ihre Demut, ihre Reinheit, ihre Geduld im Leiden, ihre Liebe zu den Armen und Kranken. Das offizielle vatikanische Dekret stellte dabei ausdrücklich klar, dass der Heilige Stuhl kein Urteil über die übernatürliche Natur der mysischen Phänomene fällte. Es war Gemmas Heroismus in den Tugenden, der zählte – nicht die Stigmata. Am 29. November 1931 wurde in Gegenwart von Papst Pius XI. das Dekret verlesen, das Gemmas Tugenden als heroisch anerkannte. Von diesem Tag an durfte sie als „Ehrwürdige Dienerin Gottes Gemma Galgani“ angerufen werden.
Die Seligsprechung (1933)
Für die Seligsprechung waren zwei anerkannte Wunder erforderlich. Die Kirche prüfte zwei Fälle aus den Jahren 1907 und 1919, die von medizinischen und theologischen Gutachtern als unerklirlich durch natürliche Ursachen eingestuft wurden. Am 5. Januar 1933 bestätigte Papst Pius XI. die beiden Wunder, und am 14. Mai 1933 – einem Sonntag – erhob er Gemma Galgani feierlich zur Seligen. Am Tag der Seligsprechung selbst geschah ein bemerkenswertes Ereignis, das später für die Heiligsprechung bedeutsam werden sollte. Für die Kanonisation waren zwei weitere, streng geprüfte Wunder erforderlich. Die Kirche anerkannte folgende Fälle: Das erste Wunder: Im September 1932, noch vor der Seligsprechung, litt die zehnjährige Elisa Scarpelli aus Lappano (Kalabrien) an Gesichtskrebs. Die Ärzte erklärten den Fall für unheilbar. Am Tag der Seligsprechung, als Elisa erfuhr, dass Gemma zur Seligen erklärt worden war, nahm sie ein Bild Gemmas, entfernte die Verbände von ihrem Gesicht und legte das Bild direkt auf die krebsbefallenen Stellen. Sie rief: „Gemma, schau mich an und hab Mitleid mit mir! Bitte heile mich!“ Die Wunden heilten augenblicklich. Als sie in den Spiegel blickte, rief sie erstaunt nach ihrer Mutter. Die Ärzte bestätigten die vollständige Heilung. Das zweite Wunder: Ebenfalls in Lappano lebte der Bauer Natale Scarpelli (kein Verwandter von Elisa), der seit 1918 an schweren Krampfadern litt. Nach einer Beinverletzung im April 1935 entwickelte sich ein großes, schmerzhaftes Geschwür, das jede Behandlung erfolglos machte. Seine Tochter legte eine Reliquie der seligen Gemma auf das Geschwür, während die Familie betete. Am nächsten Morgen war das Geschwür verschwunden und der Mann konnte wieder gehen und arbeiten. Der behandelnde Arzt Dr. Valentini und ein zweiter Mediziner, Dr. Jacobelli, attestierten das Wunder. Dr. Jacobelli schrieb, dieses Wunder sei nicht nur unbegreiflich, sondern widerspreche allen pathophysiologischen Gesetzen der Medizin. Beide Wunder wurden am 8. Dezember 1938 dem Heiligen Vater vorgelegt. Am 26. März 1939, dem Passionssonntag, erkannte Papst Pius XII. sie offiziell an.
Die feierliche Heiligsprechung am 2. Mai 1940
Am Himmelfahrtstag des Jahres 1940 füllte eine gewaltige Menschenmenge den Petersdom. Gemma wurde gemeinsam mit der seligen Maria von der heiligen Euphrasia Pelletier, der Gründerin der Schwestern vom Guten Hirten, kanonisiert. Über dem Portal der Basilika hing ein großes Banner, das beide neuen Heiligen zeigte – zwei sehr unterschiedliche Frauen, die doch in ihrer Ganzhingabe an Gott vereint waren. Kardinal Carlo Salotti trat als Prokurator vor den päpstlichen Thron. Der konsistoriale Anwalt verlas die Bitte in lateinischer Sprache: Der Kardinal ersuche Seine Heiligkeit dringend, die seligen Maria von der heiligen Euphrasia Pelletier und Gemma Galgani in das Verzeichnis der Heiligen aufzunehmen. Die Bitte wurde dreimal vorgetragen – beim dritten Mal mit dem Zusatz „aufs Dringendste“. Dann erhob sich Pius XII. Die dreifache Krone wurde ihm aufs Haupt gesetzt. Eine feierliche Stille legte sich über die versammelten Tausende. Und der Papst sprach die Kanonisationsformel: „Zur Ehre der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zum Wachstum der christlichen Religion erklären wir kraft der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen, dass die seligen Jungfrauen Maria von der heiligen Euphrasia Pelletier und Gemma Galgani Heilige sind, und schreiben sie in das Verzeichnis der Heiligen ein.“ Unter der gewaltigen Menschenmenge im Petersdom befanden sich dreizehnhundert Bürger aus Lucca, angeführt von ihrem Erzbischof. Viele von ihnen hatten Gemma noch persönlich gekannt. Da waren die zahlreichen Mitglieder der Familie Giannini, die sich so hingebungsvoll um die junge Mystikerin gekümmert hatten. Und da saß Gemmas jüngste Schwester Angiolina – jene Angiolina, die einst am Krankenbett der Sterbenden in Tränen ausgebrochen war und der Gemma zugeflüstert hatte: „Weine nicht, Angiolina.“ Jetzt saß sie neben der Ordensschwester von der hl. Zita, die Gemma als Kind unterrichtet und ihre ersten Schritte auf dem Weg der Heiligkeit begleitet hatte.
Ein Edelstein des Paradieses
Schon bei Gemmas Taufe am 13. März 1878 hatte der Pfarrer Don Olivo Dinelli gesagt: „Die Edelsteine sind im Paradies. Hoffen wir, dass auch dieses Kind ein Edelstein des Paradieses sei.“ Zweiundsechzig Jahre später war diese Hoffnung erfüllt. Der Name Gemma – italienisch für „Edelstein“ – hatte sich als prophetisch erwiesen. Papst Benedikt XV. hatte bereits bei der Einführung des Seligsprechungsverfahrens gesagt, die fromme Jungfrau Gemma Galgani sei, wenn nicht durch Habit und Profess, so doch zweifellos durch Wunsch und Zuneigung zu Recht unter die Ordenskinder des hl. Paulus vom Kreuz zu zählen. Und Pius XI. begrüßte bei der Seligsprechung die Passionisten zum Besitz dieses wahren Edelsteins der Heiligkeit, der eine zusätzliche Ehre für ihre Kongregation bedeute. Das Mädchen aus Lucca, das nie in ein Kloster eintreten durfte, das keine Ordensfrau wurde, das arm und krank und von vielen unverstanden starb, hatte seinen Platz im Verzeichnis der Heiligen gefunden. Der Edelstein war geschliffen. Und er leuchtete.
Gedenktag und Patronate
Der liturgische Gedenktag der heiligen Gemma Galgani ist der 11. April – ihr Todestag, der Karsamstag des Jahres 1903. Im Kalender der Passionisten wird er am 16. Mai begangen. Gemma ist Patronin der Studenten, der Apotheker, der Fallschirmjäger, der Waisen, derjenigen, die an Rückenleiden oder Kopfschmerzen leiden, und derer, die Reinheit des Herzens suchen. Ihre sterblichen Überreste ruhen heute im Santuario di Santa Gemma Galgani in Lucca, dem Passionistinnenkloster, dessen Gründung Gemma vorhergesagt hatte und das wenige Jahre nach ihrem Tod errichtet wurde.
Siehe auch: Die Seligsprechung - Der Weg der heiligen Gemma Galgani zur Ehre der Altäre
