Die Frage klingt zunächst seltsam. Gemma Galgani — mutig? Man denkt zuerst an Sanftheit, an Gehorsam, an ein junges Mädchen, das leidet und schweigt. An Stigmata und Ekstasen. An eine Seele, die sich allem fügt. Aber das ist ein halbes Bild. Die andere Hälfte zeigt eine Frau, die dem Teufel ins Gesicht schaute, ohne davonzulaufen. Die Ungerechtigkeiten ertrug, ohne daran zu zerbrechen — und gelegentlich, mit einem Lächeln, auf sie antwortete. Die wusste, was sie wollte, und es sagte. Gemma war keine Duckmäuserin. Sie war jemand, dem Mut etwas bedeutete.
Körperlicher Mut — Die Operation ohne Betäubung
Die erste Form von Gemmas Mut war die schlichteste: körperliche Tapferkeit. Gemma musste sich im Laufe ihrer Krankheit mehrfach dem Glüheisen unterziehen. Als sie zum ersten Mal hörte, dass der Arzt die Kauterisation anwenden wollte, fragte sie ihn lächelnd, als beträfe die Frage eine andere Person: „Doktor, werden Sie die Kauterisation durchführen?" Die Ärzte bezeugten, dass sie während der gesamten Prozedur kein einziges Wort sprach und den Schmerz ruhig und beinahe gleichgültig ertrug. Am 4. Januar 1899, als sie dem Tod nahe war, wandten die Ärzte das Glüheisen an zwölf Stellen entlang der Wirbelsäule an. Pater Amedeo schreibt: „Das heldenhafte Mädchen, das mehr um die Bewahrung ihrer Schamhaftigkeit besorgt war als um die Wiederherstellung ihrer Gesundheit, unterzog sich dieser Operation ohne die Hilfe einer Betäubung." Man stelle sich das vor: ein zwanzigjähriges Mädchen, das sich nicht gegen den Schmerz wehrt, sondern gegen die Entblößung. Das ist kein Fatalismus. Das ist die Gelassenheit eines Menschen, der weiß, dass es Schlimmeres gibt als Schmerz — nämlich Jesus nicht ähnlich zu sein. Schon früher hatte sie die Pflege ihres an Tuberkulose sterbenden Bruders Gino übernommen — Tag und Nacht, ohne Rücksicht auf die Ansteckungsgefahr. Und später, als der Teufel sie mit schmutzigen Erscheinungen bedrängte, stürzte sie sich mitten im Winter in eine Zisterne mit Eiswasser — ein „berühmtes Bad“, wie sie es selbst nannte, das ihr fast das Leben gekostet hätte.
Gegen den Teufel — furchtlos
Die beeindruckendste Form von Gemmas Mut zeigt sich in ihren Kämpfen mit dem Teufel. Das klingt mittelalterlich — aber für Gemma war es gelebte Wirklichkeit. Der Teufel schlug sie, schleuderte sie zu Boden, erschien ihr in den Gestalten von Hunden, Katzen, schwarzen Affen, als Monsignore Volpi in Bischofskleidung, und plagte sie mit Versuchungen, die sie bis an die Grenze brachten. Was sie dem entgegenstellte, war kein frommer Wunsch, sondern ein echter Kampf. Pater Germano bezeugt, dass Gemma nach solchen Nächten manchmal mit blauen Flecken aufwachte — körperliche Spuren körperlicher Kämpfe. Schwester Agnes, die Oberin der Mantellaten, sah Gemma einmal, wie sie ihren linken Ellbogen mit der rechten Hand hielt, sichtlich unter Schmerzen. „Was ist passiert?“ — „Ich habe nichts getan. Chiappino hat mir hier einen Schlag auf den Arm gegeben.“ „Chiappino“ — Einbrecher — war Gemmas Spitzname für den Teufel. Er sagt alles über ihre Haltung: Der Fürst der Finsternis ist kein Fürst. Er ist ein armseliger Dieb. Als der Teufel sie einmal davon abhalten wollte, zur Kommunion zu gehen — „Geh nicht, du wirst ein Sakrileg begehen!“ —, gehorchte sie ihm ein einziges Mal. Als sie die Kirche verließ, sah sie ihn am Eingang stehen, zufrieden und triumphierend. In diesem Moment verstand sie den Betrug, kehrte auf der Schwelle um und empfing die Kommunion. Auf die Frage, warum, antwortete sie: „Um ihn zu ärgern.“ Und als er einmal Grimassen schneidend davonlief, schrieb sie an ihren Beichtvater: „Wenn Sie ihn gesehen hätten, Pater, hätten Sie laut gelacht! Er ist so hässlich! Aber Jesus hat mir gesagt, ich solle keine Angst vor ihm haben.“ Das ist kein naives Sich-Nicht-Fürchten. Gemma wusste, dass der Feind wiederkam. Aber sie lief nicht weg. Sie blieb stehen, rief Jesus an und wartete auf die nächste Runde. Am Morgen ging sie zur Kommunion. Das ist Mut.
Gegenüber den Menschen — ein differenziertes Bild
Hier wird es komplizierter. Gegenüber Menschen zeigte Gemma nicht dieselbe ungebrochene Standfestigkeit wie gegenüber dem Teufel. Und das ist menschlich — und ehrlich. Es gab Menschen, gegenüber denen Gemma schwieg, wo sie hätte sprechen können. Cäcilia Giannini, die sie zuweilen vor anderen rügte, erntete meistens Schweigen. Aber es wäre falsch, das als Duckmäusertum zu lesen. Was bei Gemma aussieht wie Schwäche, ist meistens eine Entscheidung: die Entscheidung, nicht auf Unrecht zu bestehen, weil sie etwas Größeres im Blick hat. Das ist eine Form von Mut, die nicht laut ist — aber nicht weniger echt. Wo es darauf ankam, konnte Gemma auch laut werden. Ein junger Apotheker aus Camaiore hatte sich in sie verliebt und bedrängte ihre Freundin Alessandrina Valsuani, Gemma seine Liebe zu erklären. Alessandrina weigerte sich empört. Darauf schrieb der junge Mann einen Brief und zwang Alessandrina, ihn Gemma zu überbringen. Gemma zerriss den Brief, arrangierte ein Treffen im Garten eines Nachbarn — öffentlich, in Gegenwart eines Zeugen — und sagte dem Mann direkt ins Gesicht, er solle nicht an sie denken, nicht einmal zu ihr herschauen, denn sie gehöre Jesus, und alle ihre Gedanken und Zuneigungen seien für Ihn allein.
Die Klosterablehnung — oder: der Mut, die Wahrheit zu sagen
Die größte menschliche Ungerechtigkeit in Gemmas Leben war die Ablehnung durch die Klöster. Sie wollte Passionistin werden. Das war ihr tiefster Wunsch, ein Wunsch, den sie als Berufung verstand. Und sie wurde abgewiesen — aus Gründen, die mit ihrer Person wenig zu tun hatten: Krankheit in der Familie, keine Mitgift, eine Mystik, die die Schwestern überforderte. Die Antwort aus Tarquinia war, wie Pater Amedeo schreibt, „mehr als eine bloße Ablehnung — sie war in scharfen und demütigenden Worten abgefasst.“ Wie hat Gemma das getragen? Nicht mit Aufbegehren. Nicht mit Bitterkeit. Aber auch nicht mit Gleichgültigkeit. Sie litt. Sie weinte. Und dann sagte sie zu ihrer Tante Elisa jene Worte, die sich als Prophezeiung erweisen sollten: „Hör zu, Tante! Lebendig wollen sie mich nicht — aber nach meinem Tod werden sie froh sein, mich zu haben.“ Zwanzig Jahre später, 1923, wurde ihr Leib aus dem Friedhof von Lucca in die Kapelle des Passionistinnenklosters überführt — desselben Ordens, der sie zu Lebzeiten abgewiesen hatte. Heute wird er dort als kostbarster Schatz verehrt. Gemma bat weiter — mit einer Beharrlichkeit, die an Sturheit grenzt. An die Oberin schrieb sie: „Ich kann arbeiten, fegen, Geschirr spülen, Wasser holen und auch nähen. Ich werde allen gehorchen. Nehmen Sie mich auf?“ An Pater Germano: „Wenn Sie wüssten, wie unglücklich ich in der Welt bin! Helfen Sie mir, Passionistin zu werden … Bringen Sie mich irgendwo unter.“ Und als die Antwort immer noch Nein blieb, sagte sie: „Ich bitte nicht mehr darum, ins Kloster einzutreten, denn ein besseres Kloster erwartet mich.“ Das ist nicht resigniertes Verstummen. Das ist die Haltung eines Menschen, der weiß, dass es eine Gerechtigkeit gibt, die über die menschliche hinausgeht — und der dieser Gerechtigkeit vertraut. Das braucht mehr Mut als jeder Protest.
Mut gegenüber Gott
Die am wenigsten beachtete Form von Gemmas Mut ist ihre Offenheit gegenüber Gott selbst. Sie sagt Gott, was sie denkt. Sie klagt. Sie bittet um Dinge, die man nicht zu bitten wagt. Sie verhandelt. In den Ekstasen spricht sie mit Jesus und Maria, wie ein Kind mit seinen Eltern spricht — nicht in Formeln, sondern in Worten, die aus dem Herzen kommen: „Mama, geh zu Jesus und sage ihm, er möge den Sündern vergeben! Er kann dir nicht Nein sagen!“ Als Jesus ihr die Türen der Zukunft öffnete und ihr die Leiden zeigte, die sie erwarteten, antwortete sie ihm: „Du sagst mir, du bereitest mir eine Zukunft voller Leiden. Aber die Zukunft ist in den Händen Gottes, und deshalb bin ich nicht erschreckt." Und an anderer Stelle, mit einer Kühnheit, die an die Psalmen erinnert: „Ich habe ein solches Vertrauen zu dir, o Jesus, dass ich, selbst wenn ich die Pforten der Hölle offen und mich am Rand des Abgrunds sähe, nicht verzweifeln würde. Und selbst wenn ich Himmel und Hölle gegen mich verbündet sähe, würde ich die Hoffnung auf Barmherzigkeit nicht aufgeben, weil ich immer noch auf dich vertrauen würde." Das ist keine fromme Floskel. Das ist ein Mensch, der mit Gott wirklich redet — der die Angst kennt und sie ausspricht, der das Leiden sieht und es annimmt, und der auf eine Zusage vertraut, die größer ist als alles, was dagegen steht.
Der Mut des Bleibens
Gemma war keine Kämpferin im politischen oder sozialen Sinn. Ihr Mut war anders als der Mut, den wir heute oft meinen: nicht der Mut des Widerstands, nicht der Mut der öffentlichen Auseinandersetzung, nicht der Mut der Selbstbehauptung. Ihr Mut war der Mut des Bleibens. Bleiben im Leiden, ohne davonzulaufen. Bleiben im Gebet, wenn Gott schwieg. Bleiben in der Liebe, wenn Menschen sie enttäuschten. Pater Germano hat ihren Charakter so beschrieben: „Von Natur aus war sie lebhaft. Wer sie aufmerksam beobachtete, konnte nicht umhin festzustellen, dass sie ein sanguinisches Temperament hatte und dass ihr Blut leicht in Wallung geriet. Nur die Gewalt, die sie ihrer natürlichen Veranlagung antat, hinderte sie daran, das zu werden, was manche tatsächlich von ihr sagten — ein kleiner Wildfang.“ Das ist der Schlüssel. Gemmas Sanftheit war keine angeborene Temperamentssache. Sie war eine errungene Haltung — eine täglich erneuerte Entscheidung, nicht das zu tun, was der Charakter verlangte, sondern das, was die Liebe verlangte. Pater Amedeo fügt hinzu: „Im Laufe der Jahre machte Gemma solche Fortschritte in der Tugend, dass sie noch vor dem Verlassen der Schule eine beinahe vollkommene Selbstbeherrschung erlangt hatte. Was künstlich oder gezwungen an ihrem Benehmen gewesen war, verschwand, und die Tugend schien zur zweiten Natur zu werden.“ Das braucht Mut. Mehr Mut, als laut zu sein. Denn der lauteste Mut ist oft der billigste. Der stille Mut — der Mut, der am Morgen aufsteht, zur Messe geht, den Tag erträgt, am Abend die Angriffe des Teufels aushält, am nächsten Morgen wieder aufsteht und wieder zur Messe geht — das ist der Mut der Heiligen. Gemma hatte ihn. Fünfundzwanzig Jahre lang, jeden Tag, bis zum Karsamstag 1903, als sie mit einem Lächeln auf den Lippen die Augen schloss und zu dem ging, den sie allein geliebt hatte.
