Man kennt Gemma Galgani als die Heilige der Passion — als die Trägerin der Stigmata, die Tochter der Schmerzen, die Braut des Gekreuzigten. Man denkt an den Karfreitag, wenn man an sie denkt, an die Dornenkrone, den Blutschweiß, die Wunden. Und doch gibt es in ihrem Leben eine andere, leisere Seite, die leicht übersehen wird: ihre Beziehung zum Jesuskind. Gemma, die so tief in das Leiden Christi eintauchte, hatte zugleich eine kindliche, zärtliche, fast spielerische Vertrautheit mit Jesus als dem kleinen Kind in der Krippe. Und Weihnachten — das Fest der Menschwerdung — war in ihrem Leben mit Schlüsselmomenten verbunden, die man kennen muss, um sie ganz zu verstehen.
Das traurigste Weihnachten — 1886
Das erste Weihnachtsfest, das Gemma ohne ihre Mutter erlebte, war zugleich das erste, an dem die zerstreute Familie wieder vereint wurde. Aurelia war im September 1886 gestorben, und der Vater hatte die Kinder bei verschiedenen Verwandten untergebracht, weil er allein nicht für sie sorgen konnte. Gemma, damals acht Jahre alt, lebte bei Onkel und Tante in S. Gennaro. Sie war dort so geliebt, dass die Tante Elena sich weigerte, sie herzugeben. Das Kind, das die Tränen der Erwachsenen sah, sagte mit einer Gelassenheit, die bei einer achtjährigen erschreckt: „Oh Tante, lass mich gehen, um ihnen zu gefallen; ich komme bald wieder."
So kehrte die Familie an Weihnachten zusammen. Aber es war ein trauriges Fest. Niemand konnte die Mutter ersetzen, und sie fehlte an jeder Ecke. Alle waren traurig — außer Gemma. Sie, die den größten Verlust erlitten hatte, tröstete die anderen mit einer Kraft, die weit über ihr Alter hinausging: „Warum sollten wir weinen? Die Mama ist im Himmel." Es sind Worte, die das ganze Wesen Gemmas offenbaren: den Blick, der über das Sichtbare hinausgeht, das Vertrauen, das sich nicht am Schmerz festklammert, und jene Mischung aus kindlicher Einfachheit und überirdischer Reife, die alle verwirrte, die ihr begegneten. Für den Vater war es, wie Pater Amedeo Casetti C.P. schreibt, „wahrscheinlich das traurigste Weihnachten seines Lebens." Doch aus diesem traurigsten Weihnachten erwuchs eine Entscheidung, die Gemmas Leben prägen sollte: Enrico beschloss, seine Tochter an die Schule der seligen Elena Guerra zu geben — jenes Kolleg der Oblatinnen des Heiligen Geistes, in dem Gemma aufblühen und zur Erstkommunion geführt werden sollte.
Das Gelübde — Weihnachten 1896
Zehn Jahre später, an Weihnachten 1896, legte Gemma das Gelübde der Keuschheit ab. Sie war achtzehn Jahre alt. Es war das Jahr, in dem sie eine schwere Fußoperation ohne Betäubung über sich ergehen ließ — eine Operation, bei der ihr Mut den Chirurgen in Erstaunen versetzte. Und es war das letzte Weihnachten, das sie mit ihrem Vater verbrachte; er starb im November des folgenden Jahres.
Dass Gemma ausgerechnet Weihnachten für dieses Gelübde wählte, ist kein Zufall. Es ist das Fest, an dem Gott selbst ein Kind wird — klein, verletzlich, arm. Gemma, die selbst arm war, verletzlich, fast noch ein Kind, antwortete auf die Selbsthingabe Gottes mit ihrer eigenen: „Ich will ganz Jesus gehören." Es ist, als hätte sie dem Kind in der Krippe gesagt: Du hast dich mir geschenkt; ich schenke mich dir.
„Mein Vater, wenn du diesen Brief empfängst …" — Weihnachten 1900
Der Weihnachtsbrief, den Gemma am 24. Dezember 1900 an Pater Germano schrieb, gehört zu den zärtlichsten Dokumenten ihres Lebens. Er beginnt mit den Worten: „Mein Vater, wenn du diesen Brief empfängst, wird das Jesuskind geboren sein." Dass Gemma ihren Seelenführer „Papa" (Babbo) nannte, war schon ungewöhnlich genug. Aber die Art, wie sie von der Geburt Jesu spricht — als wäre es ein Familienereignis, das jeden Augenblick eintreten wird, und das man nicht verpassen darf —, offenbart jene kindliche Unmittelbarkeit, die den Kern ihrer Mystik ausmacht. Für Gemma war Weihnachten kein Gedenktag. Es war kein Rückblick auf ein Ereignis, das zweitausend Jahre zurücklag. Es war Gegenwart. Jesus wurde jetzt geboren, in dieser Nacht, in ihrem Herzen. Und sie war dabei — nicht als Zuschauerin, sondern als Beteiligte, die das Kind in ihren Armen hielt.
Das Kind in ihren Armen
Gemma sah Jesus nicht nur als den Gekreuzigten. In ihren Ekstasen erschien er ihr auch als schönes Kind — und diese Begegnungen gehören zu den innigsten Seiten ihrer mystischen Erfahrung. An ihren Beichtvater Monsignore Volpi schrieb sie einmal: „Monsignore, gestern Abend in der gewohnten Stunde der Nachtwache geschah mir etwas Merkwürdiges: Kaum hatte ich begonnen, die Heilige Stunde zu halten, als ich plötzlich einzuschlafen schien. Ich schien ein schönes Kind von drei Jahren in meinen Armen zu halten; es küsste mich und liebkoste mich und fragte mich, ob ich es kenne und ob ich es liebe. Ich umarmte es innig und sagte ihm, dass ich es sehr liebe. Es sagte mir, wenn ich ganz sein wolle, werde es mich zu seiner Braut nehmen. Ich war sehr glücklich." Man beachte die Szene: kein strahlender Thron, keine überwältigende Majestät — ein dreijähriges Kind in den Armen eines jungen Mädchens. Es küsst sie, liebkost sie, fragt sie, ob sie es liebt. Es ist die Intimität der Krippe, nicht die Erhabenheit des Kreuzes. Und Gemma antwortet, wie ein Kind antwortet: „Ich umarmte es innig und sagte ihm, dass ich es sehr liebe." Keine theologischen Formeln, keine mystische Sprache — nur die unmittelbare Regung eines liebenden Herzens. Auch die Muttergottes erschien Gemma manchmal mit dem Jesuskind in den Armen und reichte es ihr zum Liebkosen. Und bei der mystischen Vermählung nahm Jesus die Gestalt eines schönen Kindes an, gehalten von seiner Mutter, die einen Ring von seinem Finger nahm und ihn auf Gemmas Finger steckte.
Die Prophezeiung des Jesuskindes
Einmal, während Gemma ihre Anbetungsstunde vor dem Allerheiligsten hielt, erschien ihr das Jesuskind und sagte unter anderem: „Versichere deinen Beichtvater, dass es Jesus ist, der zu dir spricht; und dass du durch mein Wirken in dir eine Heilige sein wirst und Wunder wirken und zur Ehre der Altäre erhoben wirst." Es ist eine der erstaunlichsten Prophezeiungen in Gemmas Leben — und sie wurde buchstäblich erfüllt: Gemma wurde 1933 seliggesprochen und 1940 heiliggesprochen. Dass es das Jesuskind war, das diese Prophezeiung aussprach — nicht der Gekreuzigte, nicht der Auferstandene, nicht der verherrlichte Christus —, hat eine eigene Bedeutung. Es ist, als wollte Gott sagen: Gerade in meiner Kleinheit bin ich allmächtig. Gerade in der Krippe liegt die Verheißung des Himmels. Einem Kind so unschuldig und arglos wie Gemma, konnte Jesus solche Geheimnisse sicher offenbaren, ohne sie in die Gefahr des Stolzes zu bringen — denn Gemma war selbst ein Kind, ein Kind, das nie aufhörte, ein Kind zu sein.
Das letzte Weihnachten — 1902
Am Weihnachtsabend 1902 — weniger als vier Monate vor ihrem Tod — nahm Gemma an der Christmette teil. Es sollte ihre letzte sein. Was in jener Nacht geschah, beschrieb sie in einem Brief: „Gestern Abend in der Mitternachtsmesse, als der Priester zur Opferung kam, sah ich Jesus, der mich dem ewigen Vater als Opfer darbrachte.“ Dann präsentierte Jesus sie der Muttergottes mit den Worten: „Du musst dich um diese liebe Tochter kümmern, denn sie ist eine Frucht meiner Passion." Es war ihre Weihe als Passionistin — die einzige Art, in der sie je eine Nonne sein würde. In der Christmette, in der Nacht, in der das Kind zur Welt kommt, wurde die Tochter der Passion dem Vater als Opfer dargebracht. Weihnachten und Karfreitag, Krippe und Kreuz, verschmolzen in einem einzigen Augenblick. Gemma verstand es und brachte das Opfer: „Ich bitte nicht mehr darum, ins Kloster einzutreten", sagte sie danach, „denn ein besseres Kloster erwartet mich." Zu Tante Cäcilia, die meinte, sie werde das Passionistinnenhabit noch tragen, sagte sie: „Jesus hat das Habit einer Passionistin für mich an den Pforten des Paradieses bereit."
Krippe und Kreuz
Was sagt uns das alles? Es sagt uns, dass man die heilige Gemma nicht versteht, wenn man nur auf den Karfreitag schaut. Gemma ist auch eine Heilige der Weihnacht — des Geheimnisses der Menschwerdung, der Kleinheit Gottes, der Zärtlichkeit zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf. Ihre ganze Mystik ist im Grunde eine Mystik der Kindschaft: Sie war das Kind, das sich in die Arme des Vaters wirft; und Gott war das Kind, das sich in ihre Arme legen ließ. Der Generalpromotor des Glaubens erkannte bei der Prüfung von Gemmas Tugenden eine „wahrhaft kindliche Arglosigkeit, ähnlich jener, die in der heiligen Theresia vom Kinde Jesus so hell leuchtete." Es ist kein Zufall, dass beide Heiligen — Theresia von Lisieux und Gemma von Lucca — das Kind Jesus liebten: Theresia nannte sich „vom Kinde Jesus", Gemma hielt das Kind in ihren Armen. Beide gingen den „kleinen Weg" der Kindschaft, des Vertrauens, der Hingabe. In der Krippe liegt das Kind, das am Kreuz sterben wird. Am Kreuz hängt der Mann, der in der Krippe gelegen hat. Gemma wusste das — nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen. Sie hielt das Kind in den Armen und küsste seine Hände, die eines Tages durchbohrt werden würden — und die auch ihre Hände durchbohren würden. Weihnachten und Karfreitag waren für sie keine getrennten Feste. Sie waren zwei Seiten derselben Liebe: der Liebe eines Gottes, der so klein wird, dass er in eine Krippe passt, und so groß, dass er ein Kreuz füllt.
