Die Handschrift der heiligen Gemma - Auszug aus ihrem ersten Brief an P. Germano

Die Briefe der heiligen Gemma Galgani

I. BRIEFE AN IHREN SEELENFÜHRER

 

1. Sie beginnt, noch etwas zaghaft, sich ihrem neuen Seelenführer zu eröffnen, den sie noch nicht persönlich kennt.

 

Pater - Alles was ich da schreibe, schreibe ich nur aus Gehorsam, aber mit der größten Überwindung. - Alles was ich jeden Tag zu sehen und hören vermeine, verursacht mir sehr große Pein; ich habe jedoch den Befehl erhalten und der hilft mir über alles hinweg. - Als ich gestern Abend vor Jesus im Tabernakel betete, hörte ich rufen: - ich glaubte, es war Jesus. (Pater, bevor Sie weiterlesen, bitte ich Sie inständig, glauben Sie doch ja nichts: ich schreibe nur aus Gehorsam; sonst hätte ich nicht ein Wort darüber verloren.) Er sagte zu mir: "Meine Tochter, schreibe nur jenem Pater, dein Beichtvater würde sich gerne mit ihm in Verbindung setzen. Er möge es tun; denn dies ist auch mein Wunsch." - "Aber Jesus", erwiderte ich, "verstehe ich dich recht? Willst du wirklich, dass der Pater alles wisse, was mich betrifft?..." Ich wollte fortfahren; aber es schien mir, Jesus (oder mein Kopf) lasse mich nicht weitersprechen, sondern sage: "Das ist von nun an mein Wille." Nachdem ich, wie ich meinte, diese Worte vernommen hatte, konnte ich nichts weiter bemerken; es war mir aber, als ob Jesus fortfahre: "Meine Tochter, blinder Gehorsam, vollkommener Gehorsam; das ist die erste Mahnung." Die zweite lautet: "Sei wie ein toter Leib, vollführe bereitwillig, was immer sie dir auftragen. Mache in diesen Tagen nicht das geringste, ohne zuvor meinen Rat eingeholt zu haben." Bitte, Pater, glauben Sie nichts von alldem. Es kostete mich gewaltige Überwindung, diese Dinge niederzuschreiben, aber ich wollte gehorchen. - Heute morgen nach der heiligen Kommunion war es mir, als habe sich Jesus zu erkennen gegeben. Pater, was sind das für Augenblicke! Nach einiger Zeit ist jedoch alles vorbei. Ich wandte mich wiederholt an Jesus: "Mein Jesus!"... Ich konnte mich nicht ausdrücken; aber Jesus hat mich verstanden. - Segnen Sie mich und beten Sie viel für

die arme Gemma.

 

2. Aus ihrer beständigen Betrachtung der ewigen Wahrheiten zieht sie großen Nutzen.

 

Pater, wenn Sie in mein Herz hineinsehen könnten! Habe ich auch Jesus zu weinen gebracht, so liebt er mich doch immer und lässt mich seine Gegenwart oft nur allzu sehr fühlen... Wenn Sie wüßten, welche Gewalt ich mir antun muss, in der Gegenwart von Personen, die von Jesus, vom Himmel und dergleichen reden!... Manchmal muss ich mich zurückziehen, oft die Sprechenden bitten, die Rede auf einen anderen Gegenstand zu lenken, sonst liefe ich förmlich Gefahr zu sterben; doch nein, noch nicht sterben; es war mir, als sagte Jesus: "Du wirst jetzt nicht sterben". Ich rede hierüber nicht weiter; diesbezüglich wissen Sie alles. Wissen Sie, Pater, was ich mir in den Kopf gesetzt habe? Ich will um jeden Preis heilig werden. Diesen Vorsatz machte ich gestern Abend. Während der Betrachtung sagte ich zu mir: Man lebt bloß einmal; der Tod ist jedermann gewiss; und wenn man es mit Gott zu tun hat!... Ich weiß zudem, dass dieser Gott die Bösen mit dem ewigen Feuer bestraft. Pater, diese Erwägung hat mir große Angst eingeflößt. Um der Liebe Jesu Willen senden Sie mir Ihren Engel, damit er den bösen Feind von mir vertreibe (denn seit zwei Tagen blieb ich mit Hilfe meiner Mutter Maria siegreich gegen ihn); beten Sie auch zu Jesus, er möge mir so viel Gnade geben, dass ich im Kampfe mit ihm triumphiere. Trotz meiner vielen Sünden erkenne ich in Jesus einen wahren Vater voll Erbarmen. Wo wäre nur meine Vernunft, wenn ich nach so zahlreichen Sünden die Güte des Herzens Jesu nicht erkennen würde, der mich zärtlicher als ein Vater liebt? Und wie ist doch mein Herz beschaffen? Endlich ist es Tag geworden in meiner Seele; denn ich sehe all den Schaden, welchen ich durch die Sünde angerichtet habe. Wenn ich Jesus weinen sehe, durchbohrt es mir wirklich das Herz; ich denke... ich denke... daran, dass ich durch die Sünde die Bedrängnis noch vermehrte, die auf ihm gelastet, als er im Ölgarten betete... In jenem Augenblicke überschaute Jesus all meine Sünden, all meine Fehler, er sah auch schon den Platz in der Hölle, wenn dein Herz, o Jesus, mir nicht Verzeihung gewährt hätte.*) Jesus, Jesus, Jesus, ich will mich nicht länger verzärteln; mit deiner Gnade will ich meinen Leib meinem Willen untertänig machen... Überhaupt, o Jesus, vernimm mein Gebet: Ich will dir, o Jesus, Ersatz bieten, indem ich mich selbst als Sklave behandle und meine Schultern unter dein Kreuz lege... O Jesus, mein Gott...! Ich erkenne, dass, wer hoch hinaufsteigen will, bald ausgleitet und neuerdings in den Kot fällt. Pater, ich breche ab. Segnen Sie mich jeden Augenblick.

Die arme Gemma.

 

*) Diese letztere Stelle wurde geschrieben, als Gemma in der Ekstase war. Das begegnete ihr häufig beim Schreiben wie auch beim Anhören von Gesprächen über himmlische Dinge. Am Anfang ihres Briefes bezeugt sie dies übrigens selber. 

 

3. Die Welt verursacht ihr Überdruss. Sie freut sich darüber, verachtet zu werden, und sehnt sich nach immer größerer Vollkommenheit.

 

Pater, Pater, ich bin noch immer die Gemma, die Ihnen schreibt, ich bin noch immer in der Welt! Doch welchen Überdruss empfinde ich deswegen! Es ist buchstäblich wahr, dass sich auf dieser Erde kein wahres Glück findet. Wenn ich durch Gottes Erbarmen glückliche Augenblicke genieße, so ist dies der Fall, wenn ich mich verachtet und gedemütigt sehe. An solchen Dingen habe ich, um die Wahrheit zu bekennen, durchaus keinen Mangel. Im Gegenteil: Jesus fügt täglich noch etwas hinzu. Er ist so gut! Wenn Sie wüssten, welche Mittel er anwendet, um meinen Hochmut zu beschämen! Wie schlimm bin ich noch immer, wenn Sie wüssten! Wer wird mir die Tugend verleihen, die notwenig ist, um Jesus an mich zu ziehen? Beten Sie zu Jesus und lassen Sie beten, damit er recht bald die nötige Hilfe schicke und mir in meiner Armseligkeit helfe: dass er meinen Geist erleuchte und mich das schreckliche Dunkel meiner Seele erkennen lasse. Dass er mich endlich, wie es meine Sehnsucht ist, zu dem Eifer und zu der Liebe aller heiligen Seelen gelangen lasse. Nein, das genügt mir noch keineswegs: ich möchte in der Reinheit allen Engeln, ja sogar unserer lieben Mutter Maria im Himmel gleichkommen. Segnen Sie

die arme Gemma.

 

4. Sie klagt sich selber an, weil Sie Widerwillen verspürte, als sie ihrem gewöhnlichen Beichtvater gehorchte. Dieser hatte ihr aufgetragen sich mit einem anderen Priester zu beraten. 

 

Mein Pater - Jesus vergelte ihnen tausendmal das viele Gute, das Ihre Worte heute morgen in mir hervorgebracht haben. Ich bin wirklich entschlossen immer, aber auch immer den Willen des Beichtvaters zu tun, unbekümmert um alles, was daraus folgen mag. Wenn Sie wüssten, wie gut mir Ihr Tadel tat! Es ist richtig, vollkommen richtig, was Sie mir gesagt, und doch waren es Gedanken, die mich verwirrten... Es ist nun an der Zeit, dass ich mich entschließe in Zukunft den Willen meines Beichtvaters zu tun. So oft ich etwas nach meinem Kopf tat, kam es mich immer sehr teuer zu stehen. In Zukunft aber soll es nicht mehr so sein. Ich verspreche es Ihnen, ich will mich nicht mehr beklagen, ich will nicht mehr weinen. Ich will dorthin gehen, wo der Beichtvater es haben will. Es ist nun schon einige Tage her, dass das Opfer gebracht wurde. Ich will Ihnen ein letztes Mal noch danken für die gutgemeinten Worte des Tals, die Sie mir zukommen ließen. Zweifeln Sie nicht daran, ich werde Nutzen daraus zu ziehen wissen. Sie selber sollen, das ist mein Wunsch, sich davon überzeugen können. Segnen Sie mich und bitten Sie Jesus für 

die arme Gemma.

 

5. Sie fürchtet, getäuscht zu sein.

 

Pater - Ich bin so in Angst wegen meiner Seele! Pater, ich habe Angst, Angst, Angst, verdammt zu werden. Gestern kam nämlich ein Priester zur Mama (Cecilia Giannini) auf Besuch. Da hörte ich ihn erzählen von einer Klosterfrau, welche die Male an den Händen, an den Füßen, am Haupte und an der Seite hatte, in Verzückung geriet: und alles war Betrug. Wird es auch mit mir so sein, Pater? Wäre es Täuschung, käme ich in die Hölle. Ich wünschte, dass Sie mir erklären, was Betrug oder Schwindel besagen will. Denn ich möchte niemand täuschen oder betrügen. Empfehlen Sie mich Jesus: ich will brav und aufrichtig und gehorsam sein. Gestern Abend kam mir ein Gedanke und Jesus sagte zu meinem Herzen: "Glaubst du vielleicht, ich sei nicht imstande, entweder an dir oder an dem Beichtvater ein Wunder zu wirken?" Ich begriff nichts davon, Pater. Bitten Sie Jesus, dass er es Ihnen erkläre. Segnen Sie mich, ich will brav sein.

Die arme Gemma von Jesus.

 

 

Hier werden die Briefe der heiligen Gemma sukzessive auf Deutsch online gestellt.